Einsam und alleingelassen fühlte sich die junge Regina Hoffmann in der Nacht des 23. April 1949, als sie den ersten Brief an „ihren Bobby“ verfasste. Der US-Soldat Robert A. Paco war der Vater ihres 1948 geborenen Sohnes, Robert Thomas Hoffmann, genannt Thomas. „Ich bin so glücklich, über dieses kleine Äffchen-Gesicht, wie du ihn immer nennst“, schwärmte sie in dem Brief. „Ich wünschte nur, du könntest hier sein und sehen, wie er von Tag zu Tag wächst.“

Jahrzehnte später fand die Amerikanerin Val Paco diesen und einen weiteren Brief aus dem Jahr 1951 inklusive Kinderfotos in den „Belongings“, den Habseligkeiten, ihres verstorbenen Vaters Robert. Ein Schock. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte sie nichts von ihrem älteren Halbbruder gewusst. Sie begab sich auf die Suche, in deren Zuge sie auf Ute Baur-Timmerbrink aufmerksam wurde. „Ich habe gerade Briefe an meinen Vater gefunden von einer Frau aus Berlin mit einem Foto ihres gemeinsamen Sohnes. Er wurde 15 Jahre vor mir geboren und ich habe nicht von ihm gewusst“, schrieb Paco in einer E-Mail an Baur-Timmerbrink. Bat sie um Hilfe bei der Suche.

Wer kennt Thomas Hoffmann?

Seit vielen Jahren engagiert sich Ute Baur-Timmerbrink bei der britischen Hilfsorganisation GI Transatlantic Children’s Enterprise (GI Trace). Sie hilft Besatzungskindern in Deutschland und Österreich bei der Suche nach ihren Vätern. Viele haben mit ihrer Unterstützung ihren Erzeuger gefunden. Sie selbst teilt das Schicksal. Mit 52 Jahren fand sie heraus, dass sie Kind eines US-Soldaten ist, suchte und fand ihren Vater. Seitdem ist sie zu einer Art Expertin auf dem Gebiet geworden.

Nun sucht auch Val Paco aus den USA mit Baur-Timmerbrinks Hilfe nach ihrem Halbbruder Robert Thomas Hoffmann. Die einzigen Informationen, die sie über ihren Bruder hat, stammen aus den beiden Briefen: Dass er 1948 in Berlin geboren wurde, dass seine Mutter Regina Hoffmann hieß und die beiden auf den Briefen angegebene Adressen. Die Absenderadresse des ersten Briefes lautet Karwendelstraße 60, 12205 Berlin Lichterfelde und die zweite Adresse Gardeschützenweg 90, bei Lorenz, 12203 Berlin Lichterfelde. Baur-Timmerbrink berichtet, dass in der Vergangenheit Zeitungsartikel bei scheinbar aussichtslosen Suchen geholfen hätten. Darauf hoffe sie auch in diesem Fall.

„Bobby“ Peco war erst 19 Jahre alt als sein Sohn Thomas auf die Welt kam.
„Bobby“ Peco war erst 19 Jahre alt als sein Sohn Thomas auf die Welt kam.© Val Peco | Val Peco

In Folge des Zweiten Weltkriegs war Robert A. Paco als Soldat der US-Armee ab 1946 in Deutschland stationiert. Als er 1948 Vater wurde, war er erst 19 Jahre alt. 1949 wurde er abgezogen. Wie aus dem ersten Brief Reginas hervorgeht, ging es für ihn mit dem Schiff für zurück in die USA. Er zog zu seinen Eltern und seiner Schwester nach New York. In Berlin ließ er seinen Sohn Thomas und dessen Mutter Regina Hoffmann zurück.

Diese schrieb von Berlin aus ihrem „Bobby“. Auffällig an den beiden erhaltenen Briefen von Regina ist das beinahe fehlerfreie Englisch, in dem sie verfasst sind. Das bestätigt auch Ute Baur-Timmerbrink. „Es hat mich gewundert. Die Briefe sind lange und detailliert in einem guten Englisch geschrieben.“ Das sei nicht üblich gewesen. Häufig hätten die Frauen nur wenige Sätze Englisch sprechen können. Das lässt Baur-Timmerbrink auf eine gute Schulbildung von Hoffmann schließen. Auch würde es sie nicht wundern, wenn Regina ein paar Jahre älter gewesen war als Robert. Das sei öfter der Fall gewesen bei Beziehungen von deutschen Frauen und alliierten Soldaten.

Zurück in den USA schwiegen die Väter oft über ihr Kind in Deutschland

In ihrem ersten Brief bat Regina Bobby, sie und Thomas nicht zu vergessen und ihr zu antworten – auch wenn er jetzt zurück bei seiner Familie sei. „Ich schaue jeden Tag nach einem Brief von dir, Bob”, schrieb sie in der Aprilnacht 1949. Weiter forderte Regina ihn in dem Brief auf, Wort zu halten. Allerdings wurde sie nicht konkret, was genau sie damit meinte. Und sie erkundigte sich nach der Reaktion seiner Eltern. „Er hat ihr sicher versprochen, sich zu kümmern“, vermutet Baur-Timmerbrink. Es sei gängig gewesen, dass die Soldaten versichert hätten, zurückzukehren oder die Frauen und die Kinder nachzuholen. Die Realität sei aber meist eine andere gewesen.

Regina mit ihrem Sohn in Berlin 1949. Die junge Mutter hatte es nicht leicht. Mit einem Kind von einem alliierten Soldaten wurde sie stigmatisiert und war auf sich allein gestellt.
Regina mit ihrem Sohn in Berlin 1949. Die junge Mutter hatte es nicht leicht. Mit einem Kind von einem alliierten Soldaten wurde sie stigmatisiert und war auf sich allein gestellt.© Val Paco | Val Paco

„Sie hatten es sich zwar vorgenommen, aber oft ging es nicht.“ Die Männer seien meist sehr jung gewesen, so auch Robert Paco, und nicht selten arbeitslos und ohne Beruf, wenn sie in die USA zurückkehrten. „Eine schwierige Situation“, so Baur-Timmerbrink. Viele der Männer hätten zurück zu Hause in den USA nicht von dem Kind erzählt und wenn hätten die Eltern häufig abgelehnt, die deutsche Frau mit Kind in die USA zu holen.

Die Mütter wurde als „Ami-Liebchen“ stigmatisiert

Die Situation der Mütter in Deutschland war wiederum verheerend. Sie galten in der damaligen Gesellschaft als „Ami-Liebchen“ oder „Ami-Huren“ erzählt Baur-Timmerbrink. „Kinder von Soldaten und ihre Mütter waren meist innerhalb der Familie geächtet. Sie hatten sich mit dem Feind eingelassen, hieß es damals.“ Doch die Frauen seien nicht nur stigmatisiert gewesen, sondern auch bitterarm. Unterstützung vom Sozialamt oder ähnliches hätte es nicht gegeben, so Baur-Timmerbrink.

Auch Regina schrieb in ihren Briefen an Bobby, dass sie nicht zu ihrer Familie könne: „Ich kann unter keinen Umständen zurück nach Leipzig zu meinen Leuten, da Thomas das Kind eines Amerikaners ist.“ Unterstützung erfuhr sie nur durch ihre Schwester Rosie und deren ebenfalls amerikanischen Ehemann. Bis die beiden in die USA auswanderten und somit die letzte Unterstützung für Regina wegbrach. „Wie du siehst, Bob, ich brauche deine Hilfe. Auch wenn es nur eine Kleinigkeit für Thomas ist, würde es mir schon sehr helfen“, schrieb sie ihm 1951.

Wann ist bald?

Thomas im September 1951. „Thomas wünscht sich ein Auto, mit dem er spielen kann“, hatte seine Mutter auf die Rückseite des Fotos notiert.
Thomas im September 1951. „Thomas wünscht sich ein Auto, mit dem er spielen kann“, hatte seine Mutter auf die Rückseite des Fotos notiert.© Val Paco | Val Paco

Als Regina den zweiten erhaltenen Brief an Bobby verfasste, war Thomas bereits dreieinhalb Jahre. Er wisse von seinem Vater und liebe ihn, schrieb sie. Er wisse, dass sein Vater ein guter Mann sei. Dass sie ihm erzähle, dass er wegen seiner Arbeit in den USA sei. „Warum sollte ich darauf aus sein, dass er dich hasst, Bob?“, so Regina. „Es wäre dumm von mir, da ich dich noch immer sehr liebe und ich nie aufhören werde zu hoffen, dass wir eines Tages wieder alle zusammen sind.“ Auch der kleine Thomas würde jeden Abend dafür beten, seinen Vater bald zu sehen, wie er es sich gewünscht hätte. „Doch wann ist bald, Bob?“, fragte Regina. Sie können nicht für immer so leben, betonte sie. Doch „bald“ stellte sich als „nie“ heraus.

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Nun, Jahrzehnte später, sucht eine Amerikanerin nach ihrem Halbbruder, von dem sie erst kürzlich erfuhr. Soweit jemand Thomas Hoffmann kennt, freut sich Val Paco über Hinweise zum Verbleib ihres Bruders. Es sei möglich, dass er schon als Kind einen anderen Nachnamen trug. Baur-Timmerbrink kann sich vorstellen, dass Regina nochmal geheiratet hat. Das sei gängig gewesen.

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Anmerkung: Die direkten Zitate der Briefe und E-Mails wurden von der Redaktion übersetzt.