Einkaufsstraße

Ganz schön schick: Das neue Gesicht der Schloßstraße

Es wird gebaut und modernisiert, neue Läden ziehen hippes Publikum an. Anwohner freuen sich vor allem über die Belebung des Kreisels.

Architektonisch ist die Schloßstraße interessanter geworden, finden Anlieger.

Architektonisch ist die Schloßstraße interessanter geworden, finden Anlieger.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Steglitz. „Eigentlich würde man Sie im Prenzlauer Berg vermuten.“ Da war er schon wieder, dieser Spruch. Arne Seifried zuckt leicht zurück, er kann ihn nicht mehr hören. „Wir gehören nach Berlin, und ganz genau nach Steglitz“, sagt der Inhaber des Café Nunzio an der Ecke Schloßstraße und Muthesiusstraße. Seifried wohnt in Friedenau, sein Studium an der Freien Universität (FU) hat ihn im Jahr 2000 nach Steglitz und an die Schloßstraße gebracht.

Für die Einkaufsstraße hat er ein Wort: „standardisiert“. Nur noch Ketten könnten sich die hohen Mieten leisten, sagt der 40-Jährige. Er jedoch wollte einen kleinen individuellen Laden aufmachen mit seinen drei Leidenschaften: richtig gutem Kaffee, Eiscreme und Kuchen. Apple Crumble, American Cheesecake und Brownies, dazu einen Kaffee mit Bohnen aus einer Friedenauer Rösterei, das hat in einer kleinen Seitenstraße funktioniert. Mittlerweile klappen auch junge Leute aus dem Prenzlauer Berg ihre Laptops im „Nunzio“ auf.

Die Neuen sagen nicht "Kreisel", sondern "ÜBerlin"

In jüngster Zeit sitzt noch ein ganz neues Publikum bei ihm im Café an den Bartischen und auf dem Sofa: Pärchen, zum Beispiel, mit Prospekten von Musterwohnungen in der Hand, die derzeit im Kreisel entstehen. Der Umbau des Bürohauses in ein Wohnhaus kommt planmäßig voran, die Hälfte der Fenster und ein Drittel der Fassadenteile sind schon demontiert.

Bis 2022 sollen mehr als 300 Eigentumswohnungen fertig sein, die Preise beginnen bei 4800 Euro pro Quadratmeter, je höher desto teurer. „Ich bin gespannt, welche Bewohner das ÜBerlin an die Straße bringen wird“, sagt Arne Seifried.

Er sagt nicht mehr Kreisel. Für ihn heißt das Hochhaus nur noch ÜBerlin, so wie es vermarktet wird. Seifried gehört zu einer neuen Generation an der Schloßstraße. Kreisel, Bürohochhaus – das war gestern, das ist Geschichte. Egal, wen man an der Straße fragt, alle freuen sich, dass das Hochhaus ausgebaut wird. Luxuswohnungen hin oder her: Hauptsache keinen Leerstand mehr. Der Baustart am Kreisel steht für eine Zeitenwende an der Schloßstraße, einen Aufbruch in die Moderne.

Markus Dost, Centermanager im Einkaufszentrum „das Schloss“, blickt von seinem Büro aus direkt auf die Baustelle des Kreisels. „Ich verspreche mir einen positiven Schub für die Schloßstraße“, sagt Dost. Neue Wohnungen seien immer gut für einen Standort, sie sorgten für mehr Urbanität und eine Aufwertung des Umfeldes. Auch Alexander Stolle, Direktor im Hotel Steglitz International im Flachbau des Kreisel, ist sich sicher: „Der Turm wird neue Gäste bringen.“ Stolle verspricht sich eine Ausstrahlung auf die Gastronomie im Hotel. Er könnte sich aber auch vorstellen, dass die Besucher der Kreisel-Bewohner bei ihm einchecken.

BVG investiert 37 Millionen Euro in Sanierung der U-Bahnhöfe

Im Kreisel zu wohnen – das ist für Anwohnerin Pi Lanka nur ein schöner Traum. „Das würde ich gern, kann es mir aber nicht leisten“, sagt die 52-Jährige. Sie ist in Steglitz aufgewachsen und wohnt seit 2012 wieder hier an der Schloßstraße. Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln – da sei es ihr zu laut geworden, sagt die Finanzbuchhalterin. Sie bedauert, dass Wertheim und Hertie weg sind.

„Aber architektonisch ist die Straße schicker geworden.“ Die Schloßstraße sei zwar kein Kudamm, aber doch eine super Einkaufstraße. Das hat seinen Preis. Die Ladenmieten erreichen bis zu 90 Euro pro Quadratmeter, in den Seitenstraßen liegen sie etwa bei 20 Euro.

Die langsame Transformation der Straße wird nicht nur am Kreisel und in neuen individuellen Läden an der Schloßstraße und den Seitenstraßen sichtbar. Da ist zum Beispiel ein veganes Restaurant, ein Laden für Vintage-Kleidung oder ein Geschäft für Holzmöbel nach Maß. Der Wandel macht sich an allen Enden der Schloßstraße bemerkbar.

Überall wird gebaut. Zum Beispiel an den U-Bahnhöfen Schloßstraße und Rathaus Steglitz. 37 Millionen Euro investieren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) derzeit in die Sanierung der beiden Bahnhöfe. Die Arbeiten werden noch mehrere Jahre dauern, so ein BVG-Sprecher. Doch im Sommer 2019 sollen die Ausgänge, die derzeit an der Schloßstraße und am Rathaus geschlossen sind, fertig sein.

Start-ups und Hipster sollen in den Bierpinsel ziehen

Der Bierpinsel könnte die nächste Baustelle werden. Der Verkauf bei Sotheby´s ist gescheitert. Jetzt sollen Hipster und Start-ups die neuen Mieter im Bierpinsel werden. Axel Behring, Geschäftsführer der Schlossturm GmbH, will in dem einst futuristischen Bauwerk wieder der Zukunft einen Raum geben. Auf drei Etagen soll es Coworking-Spaces geben – viele kleine Arbeitsbereiche, die angemietet werden können – und dazu noch ein öffentliches Café.

„Erste Pläne von Architekten gibt es bereits, jetzt müssen die Zeichnungen noch vernünftig umgesetzt werden“, so Behring. Er setzt auf die Nähe zur FU und zum Charité-Klinikum Benjamin Franklin. Bis zur Baugenehmigung wird das Jahr vergehen. Brandschutz, Fassade und Asbestausbau müssen geklärt und mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden.

Aber auch am oberen Ende der Schloßstraße am Walther-Schreiber-Platz wird gebaut. Im Forum Steglitz sind fast alle Mieter aus oder -umgezogen. „Wir arbeiten für Dich an uns“, steht auf den zugeklebten Schaufensterscheiben. In der zweite Etage ist nur noch einziges Geschäft geöffnet. „Ja, wir haben jetzt ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt die Verkäuferin und lacht. Was genau beim Umbau passiere, wisse sie nicht. Das Centermanagement wollte sich auf mehrfache Anfrage nicht dazu äußern. In den sozialen Netzwerken darf also weiter spekuliert werden, ob der alte Bornmarkt zurückkommt.

Die Kaufpreise sind auf Kudamm-Niveau

Jürgen Rietze beobachtet die Entwicklung der Schloßstraße schon seit 25 Jahren. Solange hat er sein Immobilienbüro an der Zimmermannstraße, einer kleinen Seitenstraße. Rietze ist Mitglied im Verein „Schloßstraße hat es“, einer Vereinigung von Gewerbetreibenden, die sich zum Beispiel um die Weihnachtsbeleuchtung kümmert. „In der Schloßstraße gibt es permanente Umbrüche“, sagt Rietze. Anfangs sei das Forum Steglitz der „Player“ und alles viel kleinteiliger gewesen. Heute wechselten ständig die Besitzer der großen Einkaufscenter. Die Fluktuationsquote in der Straße sei groß, auch wegen der hohen Gewerbemieten. Deshalb hätten kleine Läden wegziehen oder schließen müssen. Heute gebe es wieder viele Schuhgeschäfte, so wie früher, und viele Optiker.

Den Bierpinsel hält Rietze für eine „tragische Figur“, weil er der Schloßstraße ihr Gesicht gibt und nun schon so lange leer steht. Und zum Kreisel sagt er: „Bei den Kaufpreisen müsste die Schloßstraße Kudamm-Niveau haben.“ Auch in 50 Jahren sieht der Immobilien-Experte die Shopping-Center an der Straße. „Einkaufen wird immer ein Erlebnis sein, man will die Dinge ansehen und anfassen“, sagt Rietze. Berlin wachse weiter und damit die Kaufkraft und der Bedarf. Schade für die Einkaufskultur sei nur, dass in den großen Häusern oft die gleichen Anbieter sind.

„Ich mag die Schloßstraße, aber die Individualität ist verloren gegangen“, sagt auch Petra Aengeneyndt. Sie hat den Wäscheladen Elfi von ihrer Mutter übernommen, den es seit 70 Jahren in der Schloßstraße gibt. Auch bei ihr steigen die Mieten. Wie sie es schafft? „Ich habe ein spezielles Sortiment und Qualität“, sagt die Ladeninhaberin, „und zu vielen Kunden ein persönliches Verhältnis.“ Mehr Zeit für die Kunden, mehr Individualität – das braucht die Straße. Da stimmt sie Arne Seifried zu. Manchmal ist das Altbewährte auch die Zukunft.

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