Flüchtlingsjunge

Von Syrien nach Berlin geflüchtet: Abed macht nun Fachabitur

Vor drei Jahren flüchtete Abed von Syrien nach Deutschland. Jetzt hat er eine Einweihungsparty gefeiert und peilt sein Fachabitur an.

Abed (3.v.l.) feiert mit seinen Freunden, dass er nun eine eigene kleine Wohnung hat

Abed (3.v.l.) feiert mit seinen Freunden, dass er nun eine eigene kleine Wohnung hat

Foto: David Heerde

Berlin. Das Ziel aller Träume liegt im vierten Stock, hat eine kleine Einbauküche und einen Balkon mit Blick auf Wiesen und Bäume. Am Horizont ragen die drei Türme des Heizkraftwerks Lichterfelde in den Himmel, dahinter geht gerade die Sonne unter. Abed macht eine ausladende Handbewegung. „Schau, hier wohne ich jetzt“, sagt er. „Gut, oder?“

Eigentlich hat er schon vorher hier gewohnt, in diesem riesigen Wohnkomplex im Süden von Steglitz-Zehlendorf, zwei Stockwerke tiefer, zusammen mit Bruder Basel. Doch 30 Quadratmeter können für zwei junge Männer ganz schön eng werden. Irgendwann hat es dann zum Glück geklappt mit dem ganzen Papierkram, dem Wohnberechtigungsschein, dem Bafög. Mit dem eigenen kleinen Stückchen Freiheit.

Das muss gefeiert werden. Abed hat an diesem Abend zur Einweihungsparty geladen, auf dem Sofa sitzen Freunde, Mitschüler und sogar einer, mit dem er damals in Homs in dieselbe Klasse ging, bevor sie fliehen mussten. Abeds Wangen sind rot, ausgerechnet er, der sich einst geschworen hatte, niemals Bier zu trinken. Aber was soll man machen? „Du bist halt schon ein echter Deutscher“, ruft einer seiner Freunde, und Abed kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. So deutsch er inzwischen auch sein mag, zur Wahrheit gehört auch: Sie waren letztens auf Klassenfahrt, im brandenburgischen Halbe. Der Rest erklärt sich von selbst. „Wir haben ganz schön viel gefeiert“, sagt Abed.

Ein Nymphensittich erinnert ihn an die Vergangenheit

Einer muss allerdings draußen bleiben. „Kuku“, sein Nymphensittich, gerade erst bei ihm eingezogen, für den der Lärm der Party zu viel wäre. Abed hat ihn bei einem Nachbarn auf dem Balkon abgestellt. In Homs, erzählt er, hatte er auch einen Vogel als Haustier, er mag es, sich um „Kuku“ zu kümmern, außerdem hat er dann immer Gesellschaft. „Kuku“ ist vielleicht das einzige, was in Abeds Wohnung an die Vergangenheit erinnert. Stattdessen stehen auf dem Regal vier Buchstaben aus Holz, die ihm eine Freundin zum Einzug geschenkt hat: HOME.

Es gibt aber noch mehr zu feiern als die eigenen vier Wände. Abed, der vor mehr als drei Jahren aus Syrien nach Berlin floh, hat die elfte Klasse als Bester abgeschlossen. Stolz zeigt er sein Zeugnis. Es ist übersät mit Einsen und Zweien. Allein in Deutsch gab es nur eine Drei. Trotzdem steht am Ende ein Durchschnitt von 1,67. „Eine andere Schülerin hatte 1,6“, erzählt er. „Aber weil sie eine Vier hatte und ich nicht, liege ich vorne.“

Fachabitur am Oberlin-Seminar in Steglitz

Das gute Zeugnis ist wichtig. Am Oberlin-Seminar in Steglitz, eine Fachoberschule mit Schwerpunkt Sozialpädagogik, will Abed das Fachabitur machen. Seine Freunde sind beeindruckt, wie gut er zurechtkommt. „Es war gar kein Thema, dass er ein Flüchtling ist“, sagt Mitschüler Ismael. „Er ist super integriert, alle mögen ihn.“

Als Abed das erste Mal eine deutsche Schule besuchte – das war noch im brandenburgischen Schwedt – musste er sich vor die Klasse stellen und seine Situation erläutern.

Das ist lange her. Abed hat jetzt große Pläne. Wie eigentlich immer schon. Ursprünglich wollte er mal Fußballprofi werden, dann Architekt, auch Journalismus hätte ihn gereizt. Zuletzt wollte er sich bei der Lufthansa als Flugzeugmechaniker bewerben. Seine jetzige Idee scheint griffiger. „Ich würde gerne bei der UN arbeiten. Oder Unicef“, sagt Abed. An der Uni Potsdam könne er etwas in diese Richtung studieren.

Menschen in Not helfen, seine Sprachkenntnisse nutzen, zu wissen, wie es ist, ganz unten zu sein. Abed hat all das erlebt. Über die Türkei floh er mit Vater Refat mit dem Schlauchboot von Schleppern nach Griechenland, dann im Lkw durch Osteuropa bis zur deutschen Grenze. Drei Tage saßen sie eingepfercht und durften das Fahrzeug nicht verlassen. Zunächst landeten sie in Schwedt, vergangenes Jahr durften Mutter Mouna und Schwester Dima endlich nachkommen.

In Schwedt gehe es der Familie gut, sagt Abed. Refat, der lange mit der neuen Welt fremdelte, hat inzwischen den Deutschtest B1 bestanden und ein paar Gelegenheitsjob als Maler machen können, dem Beruf, den er gelernt hat. Dima besucht in Schwedt die 9. Klasse, „sie spricht besser Deutsch als ich“, sagt Abed und überlegt: „Sagen wir, genau so gut wie ich.“ Wie Abed will auch der Rest der Familie nach Berlin, eine eigene Wohnung in der Hauptstadt finden.

Belohnung wegen gutem Zeugnis

Eine, die den Weg der Syrer von Anfang verfolgt und vor allem Abed unterstützt hat, ist Melina Berné. Die Inhaberin einer Sprachschule aus Karlshorst engagiert sich seit dem Sommer 2015 für Geflüchtete. „Abed ist einer, der in allem das Gute sieht“, sagt die 42-Jährige. „Von der gesamten Familie ist es ihm hier am leichtesten gefallen, er ist ein Botschafter zwischen den Welten.“ Berné versucht, ihn nicht zu bemuttern, „ich lasse ihn eher auf mich zukommen“. Als Abed ihr von seinem Zeugnis erzählte, musste es aber eine Belohnung geben: der Besuch eines Spiels von Union Berlin.

Auch nach drei Jahren hat „Almania“ (Deutschland) für Abed noch Tücken zu bieten. Weil sein Bafög nicht rechtzeitig eintraf, konnte er das Schulgeld nicht bezahlen. Die Mahnungen ignorierte er, von Inkassoverfahren hatte er noch nie gehört, so etwas gibt es in Syrien nicht. Irgendwann wurde ein Anwalt eingeschaltet. Dank der Hilfe von Melina Berné konnten sie die Kosten um die Hälfte drücken. „Ein Flüchtling wie Abed wird immer noch ernster genommen, wenn jemand sich einschaltet“, weiß Berné.

Nach Syrien zurückkehren möchte der 20-Jährige nicht

Und auch an solche Umstände in der neuen Heimat muss Abed sich nun als Mieter einer eigenen Wohnung gewöhnen. Irgendwann ist die Party den Nachbarn offenbar zu laut geworden, die Polizei steht vor der Tür. Abed, immerhin schon 20 Jahre alt, aber gerade mal 1,68 Meter groß, erklärt den Hünen von Polizeibeamten, dass sie eine Einweihungsparty feiern und sofort leiser sein werden. „Es ist vielleicht besser, wir gehen raus“, sagt er, als die Männer weg sind. Die Truppe zieht los, runter zum Kanal, den Bierkasten und die Wasserpfeife im Gepäck.

Eine Frage zum Abschluss: Kann er sich vorstellen, jemals nach Syrien zurückzukehren? „Meine Eltern schon, sie haben dort immer noch ihre Wohnung, auch wenn sie zerstört ist“, sagt Abed. „Aber ich nicht. Ich habe mich zu sehr verändert, ich gehöre hierher.“ Dann verschwindet er in die Nacht.

Abspann: In regelmäßigen Abständen berichtet die Berliner Morgenpost über das Schicksal von Abed und seiner Familie.

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