Container-Siedlung

Wilmersdorfer Container-Dorf ist bezugsfertig

Die Container-Siedlung an der Fritz-Wildung-Straße ist fertig. 160 Flüchtlinge finden dort ein neues Zuhause. Aber es noch viel zu tun.

Die Leiter der neuen Gemeinschaftsunterkunft im Tempohome an der Fritz-Wildung-Straße 21: Chagit Gruemblatt und Paul McGimpsey 

Die Leiter der neuen Gemeinschaftsunterkunft im Tempohome an der Fritz-Wildung-Straße 21: Chagit Gruemblatt und Paul McGimpsey 

Foto: Carolin Brühl / Berliner Morgenpost

Berlin. Von Luxus nach ortsüblichen Verständnis findet sich in der kleinen Siedlung keine Spur. Die Sonne brennt heiß auf die flachen, weißen Container, die ordentlich in Reih und Glied auf einem Grundstück an der Fritz-Wildung-Straße aufgestellt worden sind.

Gerade mal so findet eine vierköpfige Familie Platz in einer der Wohnungen. Gibt es ein drittes Kind, muss ein Elternteil in einen anderen Container ziehen. Die Regeln sind streng, was den Raum für einen Menschen angeht. 7,5 Quadratmeter stehen jedem zu – nicht mehr und nicht weniger. Doch die Flüchtlingsfamilien, die hier nach oft langer Odyssee einen Platz gefunden haben, sind glücklich, endlich wieder eine Tür zwischen ihrer Familie und dem Rest der Welt schließen zu können. Luxus ist relativ.

Standardausrüstung ist sparsam

Etwa 160 Menschen können hier im Winkel zwischen den Wilmersdorfer Sportanlagen wohnen. Seit 9. Juli ist das Container-Dorf fertig und kann bezogen werden – ein Jahr später, als geplant. Die Standardausrüstung ist sparsam, ein Messer, eine Gabel, ein Löffel für jeden. Jetzt im Sommer können die Kinder draußen spielen. Im Winter wird es dann enger. Immerhin gibt es aber noch einen Gemeinschaftsraum und zwei Räume, in dem kleinere Kinder betreut werden und spielen können.

Betrieben wird die neue Gemeinschaftsunterkunft vom „Deutschen Roten Kreuz – Dienste für Menschen in den Kreisverbänden Berlin Schöneberg-Wilmersdorf e. V. und Berlin-Zentrum e. V. gGmbH“. Das Gesicht hinter dem sperrigen Konstrukt vor Ort ist Paul McGimpsey. „MacGyver“, nennt ihn Sascha Langenbach, der Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten scherzhaft.

Denn wie die Figur aus der US-Serie, gilt auch der junge Kanadier als erfinderisch beim Lösen von Problemen. McGimpsey und seine Stellvertreterin Chagit Gruemblatt haben seit dem großen Flüchtlingsansturm im Sommer 2015 Erfahrungen gesammelt und sind Meister im Improvisieren.

Immer noch viel zu tun

Ihre Fähigkeiten kommen den beiden jetzt auch an der Fritz-Wildung-Straße zugute. Doch so richtig fertig ist gut eine Woche nach den ersten Einzügen vieles noch nicht. „Wir warten immer noch verzweifelt auf unseren Internetanschluss“, sagt der junge Kanadier, der einst zum Studieren nach Berlin kam und geblieben ist. Auch die Außenanlagen sind noch nicht fertig, immerhin die Wege zwischen den Containern sind geteert und inmitten des Wendehammers für die BSR-Fahrzeuge gibt es inzwischen ein paar Bänke mit Tischen, an denen sich die Bewohner zum Essen ins Freie setzen können. „Irgendwann soll hier auch einmal eine Grillstelle gebaut werden“, sagt McGimpsey.

Vor allem der Integrationswille der Kinder überrascht

„Wir haben nette Familien bekommen“, sagt er. Bislang verlaufe das Zusammenleben harmonisch, an Regeln werde zusammen mit den Bewohnern noch gearbeitet. „In Stein gemeißelt ist nichts“, sagt McGimpsey, aber geregelt werden müsse nicht nur die Nutzungszeit in der Waschküche. Die meisten Bewohner waren schon vorher in Einrichtungen in Charlottenburg oder Wilmersdorf untergebracht. „Das ist gut, damit die Kinder nicht schon wieder die Schule wechseln müssen“, sagt seine Kollegin Chagit Gruemblatt.

Vor allem der Integrationswille der Kinder überrascht die beiden immer wieder. „Wir haben hier einen Jungen aus Syrien, der hat sich eine Deutschlandfahne über sein Bett gehängt und sagt jedem, er sei Deutscher“. Die meisten sprächen inzwischen schon so gut Deutsch, dass sie für ihre Eltern übersetzen würden. Es gibt aber auch Sprachmittler für die Bewohner, die hauptsächlich aus arabischen Ländern kommen. Und es werden Deutschkurse für Erwachsene und Hilfe bei alltäglichen Problemen in der Gemeinschaftsunterkunft angeboten.

An einem „Tag der offenen Tür“ konnten sich neue und alte Nachbarn „beschnuppern“. „Die Spannbreite der Reaktionen war groß“, sagt Gruemblatt. Es hätte durchaus Besucher gegeben, die den „Luxus“ moniert hätten, sagt sie und streckt wortlos die Arme aus, um auf die Container zu zeigen. Andere wiederum kritisierten die Unterkünfte als zu klein. Doch hauptsächlich hätte es Zuspruch gegeben. „Viele Leute wollten spenden und helfen“, sagt sie erfreut.

Spezielles Hilfsprojekt

Und Hilfe ist vor allem für ein spezielles Hilfsprojekt gewünscht. „Yaden Biad“ ist ein arabischer Ausspruch und heißt „Hand in Hand“. Gesucht werden für dieses Programm Paten, die einen geflüchteten Menschen oder eine Familie auf dem Weg in die Gesellschaft begleiten. „Inzwischen haben wir schon Paten unter den Flüchtlingen“, die sich bereits gut integriert hätten, sagt Gruemblatt.

Das sei nämlich auch eine Erfahrung, die die beiden in den Jahren ihrer Arbeit mit Flüchtlingen gemacht haben: „Die meisten wollen dieser Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, unbedingt wieder etwas zurückgeben“, so Gruemblatt.

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