Antisemitismus an Schule

Nach Mobbing: Schule will Vorfall umfassend aufklären

Am John-F.-Kennedy-Gymnasium in Zehlendorf wurde ein jüdischer Neuntklässler gemobbt. Am Freitag gab es neue Einzelheiten.

Foto: picture alliance/Robert Schlesinger

Berlin. Der antisemitische Vorfall an der Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Schule soll umfassend aufgeklärt werden. Das kündigten Schulleitung und Schulaufsicht am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in der Schulbibliothek an.

Zuvor war bekannt geworden, dass ein jüdischer Schüler offenbar über Monate lang gemobbt wurde. Mehrere Mitschüler sollen den Neuntklässler immer wieder drangsaliert haben. „Ein Mitschüler soll dem Jungen Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen und dabei gesagt haben, er solle an seine vergasten Vorfahren denken“, bestätigte Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung am Mittwoch. Die Leitung der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf räumte ein, die antisemitischen Vorfälle seien zunächst „in Ausmaß und Ernsthaftigkeit unterschätzt“ worden.

Rekonstruktion des Mobbings

Steffen Schulz, der amtierende deutsche Direktor, rekonstruierte am Donnerstag noch einmal das Geschehen. Die Schulleitung sei am 7. Juni darüber informiert worden, dass einem Schüler einer 9. Klasse Klebezettel zugeschoben und auf den Rücken geklebt wurden, auf denen Hakenkreuze gemalt waren, so der Direktor. Außerdem wurde dem Schüler auf dem Weg zum Sporunterricht der Qualm einer E-Zigarette ins Gesicht geblasen mit der Bemerkung: „Das soll dich an deine Vorfahren erinnern.“ Diese konkreten Vorfälle hätten sich laut Schulz am 5. und 6. Juli zugetragen.

Monate vorher soll aber auch schon „etwas stattgefunden haben“. Was passiert ist, „ist nicht akzeptabel und nicht tolerierbar“, sagt Schulz. Die Schulleitung bedauere die antisemitischen Mobbing-Vorfälle. Mit einer Informationsstunde am Freitag sollen die Schüler noch vor den Ferien sensibilisiert werden, um das Thema in die Ferien mitzunehmen und darüber nachzudenken.

Unklar, ob der jüdische Schüler nach den Ferien wiederkommt

„Ausmaß und Ernsthaftigkeit“ der Geschehnisse seien seitens der Schule unterschätzt worden, räumte US-amerikanische Schuldirektor Brian Salzer erneut ein. Zugleich betonte die Schulleitung, dass die antisemitischen Vorfälle keinen muslimischen Hintergrund hätten. Der jüdische Schüler ist derzeit nicht an der Schule, er sei entschuldigt, hieß es. Ob er nach den Ferien wiederkomme, könne noch nicht gesagt werden.

„Wir bedauern dies außerordentlich“, heißt es in einer Mitteilung, die die Schule auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat. Der Junge soll auch von einer jüdischen Mitschülerin beleidigt worden sein. Sie soll ihm vorgeworfen haben, kein guter Jude zu sein – nachdem er im Nahostkonflikt nicht nur die palästinensische Seite kritisiert hatte.

Die Schule war nicht von sich aus tätig geworden. Vor drei Wochen war die Antidiskriminierungsbeauftragte des Senats eingeschritten, nachdem sich Eltern an sie gewandt hatten. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) fordert eine zügige Aufarbeitung. „Die Schule muss sich die Frage stellen, warum man sich nicht frühzeitiger der Fälle angenommen hat“, sagte Scheeres der Berliner Morgenpost. „Das System bei Mobbing, Diskriminierung und Antisemitismus muss auf den Prüfstand.“ Das innerschulische Alarmsystem habe nicht funktioniert. Die Schulaufsicht und die Schulpsychologie überprüften mit der Schule gemeinsam das Vor- und Nachsorgesystem.

Zentralrat der Juden: gesamtgesellschaftliches Problem

Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde, Sigmount Königsberg, sagte der Berliner Morgenpost, dass sich die Eltern des betroffenen Schülers auch um Rat an ihn gewandt hätten. „Die Sensibilität an den Schulen gegenüber solchen Vorfällen müsste längst viel größer sein“, kritisierte er. Zu dem konkreten Vorfall wolle er aus Rücksicht auf die Familie jedoch nichts sagen.

Der Zentralrat der Juden forderte am Mittwoch, solche Probleme schnell zu melden. „Antisemitische Vorfälle müssen von den Schulen ernst genommen und dürfen nicht vertuscht werden“, unterstrich der Präsident des Zentralrates, Josef Schuster. Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Pro­blem. „Solche Vorfälle finden an allen Schulformen und überall in Deutschland statt“, sagte Schuster.

Direktor hat Schulkonferenz anberaumt

Die John-F.-Kennedy-Schule will den Fall nun aufarbeiten. Neben der offiziellen Meldung der Vorfälle an die zuständige Senatsverwaltung seien sofort Maßnahmen in die Wege geleitet worden, hieß es. Am Mittwoch sollte nach Auskunft der Schulleitung eine Schulhilfe-Konferenz mit Vertretern der zuständigen Jugendämter und des Schulpsychologischen Dienstes stattfinden. Am Freitag sei ein Gespräch mit dem Präventionsbeauftragten der Polizei anberaumt. Zudem habe man sich „nach umfangreichen Beratungen“ mit dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) dazu entschlossen, im kommenden Schuljahr die Thematik in den Unterricht einzubinden. Für weitere Stellungnahmen war die Schulleitung am Mittwoch nicht zu erreichen.

Der JFDA hat Ende März auf der Internetplattform www.gemeinsam-gegen-hass.de einen Online-Dialog eingerichtet, an den sich von Antisemitismus betroffene Jugendliche wenden können. Nach Auskunft des Projektleiters rufen wöchentlich zwischen 100 und 300 Menschen die Seite auf. Nach der antisemitisch motivierten Prügelattacke mit einem Gürtel auf einen Kippa tragenden Israeli in Prenzlauer Berg vor zwei Monaten seien es sogar rund 1000 gewesen, so der Projektleiter. Eine Auswertung, wie viele Besucher der Seite tatsächlich selbst Opfer von antisemitischen Anfeindungen geworden seien, liege aber noch nicht vor.

Im März war bekannt geworden, dass an der Paul-Simmel-Grundschule in Tempelhof eine Zweitklässlerin jüdischer Herkunft über Jahre von muslimischen Mitschülern gemobbt worden war. Sie war von Mitschülern als „Jüdin“ beschimpft worden und soll Todesdrohungen bekommen haben, weil sie nicht an Allah glaubt. Zudem tauchte ein IS-Enthauptungsvideo in einem Chat von Grundschülern auf.

Mehr zum Thema:

Urteil im Prozess gegen Gürtelschläger: Vier Wochen Arrest

Rabbi und Imam diskutieren mit Schülern über Antisemitismus

So stehen Berliner Rap-Fans zu Judenhass und Gewalt