Nach Echo-Verleihung

So stehen Berliner Rap-Fans zu Judenhass und Gewalt

Nach dem Antisemitismus-Skandal um Kollegah und Farid Bang sprechen junge Berliner Rap-Fans über ihre Leidenschaft.

Kollegah und Farid Bang wird unter anderem Antisemitismus vorgeworfen

Kollegah und Farid Bang wird unter anderem Antisemitismus vorgeworfen

Foto: Andreas Rentz / Getty Images

Deutschland diskutiert seit dem Echo für die Rapper Kollegah und Farid Bang darüber, wie gefährlich Rap ist. Fast zur selben Zeit wird in Berlin ein Israeli von einem jungen Syrer verprügelt, weil er eine Kippa trägt. Das Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" der beiden Rapper enthält Textzeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow". Mittlerweile distanzieren sich viele Künstler, sind schockiert über die Gewalt in den Texten. Auf den Pausenhöfen ist Rap aber seit Jahren alltäglich – von der Hauptschule bis in die Universität. Rap ist ein gesamtdeutsches Phänomen, und kaum jemand hat mehr Fans als Rapper Kollegah. Hier sprechen drei Berliner Rap-Fans über ihre Rap-Leidenschaft, über Judenhass und Gewalt.

Gregory (19) wohnt in Charlottenburg und ist praktizierender Jude. Er geht zweimal die Woche in die Synagoge. Er studiert Business Administration an der Hochschule für Wirtschaft und Recht und hört schon lange Rap. Früher Rapper wie Sido oder Bushido und heute noch Battle-Rap wie "Rap am Mittwoch". Ein Format, in dem zwei Rapper auf der Bühne gegeneinander rappen. Verkürzt gesagt: Wer den anderen am kreativsten beleidigt, hat gewonnen. Einer der Macher ist der Rapper Ben Salomo, ein Jude: "Er wurde auf der Bühne oft aufgrund seiner Herkunft beleidigt, aber danach hat man sich die Hand gegeben und es war gut", sagt Gregory dazu. So sei Rap, zumindest bis zu einer gewissen Grenze: Denn was Kollegah und Farid Bang gemacht hätten, fände er nicht gut. "Sie haben sich über den Holocaust lustig gemacht – das ist antisemitisch." Einige seiner jüdischen Freunde würden die Rapper aber trotzdem hören. "Es gibt viele, die sagen, dass das nur Showbusiness ist, deshalb tolerieren sie das."

Dennoch hält er Texte und Symbole für gefährlich, die Gewalt verherrlichen, die judenfeindlich sind. "Gerade jüngere Menschen, die noch nie etwas vom Israel-Palästina-Konflikt gehört haben, können diese Musik nur antisemitisch auffassen", sagt er. Und leider gebe es viele Rapper, die arabischer Herkunft sind oder Moslems, und gegen Israel seien.

Mehde (18) wohnt in Rudow. Er sagt, er sei Araber und Muslim. Mehde geht in die 12. Klasse der Walter-Gropius-Schule. Durch Freunde und seinen älteren Bruder hört er schon Rap, seit er denken kann. Am liebsten Bushido und Azet, aber auch Kollegah und Farid Bang. Alle Jungs in seiner Klasse hören Rap. "Mir gefallen am Rap vor allem die Beats", sagt er. Wenn ein Rapper Worte wie "Schlampe" singt, solle man sich davon nicht angesprochen fühlen. "Das ist nur Musik", sagt Mehde. Er ist bei seiner Mutter aufgewachsen. Sie hat nichts dagegen, dass er Gangsta-Rap hört. "Nur Worte wie 'Schlampe' oder 'Fotze' will sie nicht hören." Von dem Skandal um den Echo für Kollegah und Farid Bang hat er gehört. Juden zu beleidigen, das geht für ihn nicht. "Man sollte jeden akzeptieren, wie er ist, ob Juden, Moslems oder Christen." Er selbst kenne einige, die diese Texte witzig finden. Ernst nehmen würde sie kaum jemand. Warum aber machen die Rapper solche Texte? "Es gefällt halt vielen Leuten, solange werden sie so weitermachen", sagt Mehde. Die Zeilen, die nun als antisemitisch kritisiert werden, kannte er nicht. Er meint: "Ich finde das schlecht, man sollte sich nicht über Auschwitz-Insassen lustig machen." Es könne passieren, dass solche Zeilen jüngere Menschen dazu verleiteten, Juden anzugreifen.

"Deshalb sollte das nicht verboten werden, aber die Rapper sollten nicht die Religion beleidigen." Allerdings, sagt er, würden Moslems genauso von Deutschen beleidigt. "Dann heißt es oft, dass wir nicht nach Deutschland gehören." Das mache ihn wütend. Deshalb sollen am besten alle Religionen in Ruhe gelassen werden, findet er.

Jonas (18) kommt aus Friedenau und hat im vergangenen Jahr am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster sein Abitur gemacht. Er ist Fan von Kollegah und Farid Bang. Mit 13 hat er das erste Mal auf Youtube Rap-Videos geschaut. "Ich finde die Musik sehr lustig und unterhaltsam", sagt er. Vor allem Kollegah zeige durch Wortspiele, wie kreativ man mit deutscher Sprache umgehen könne. "Bin kein britischer Lord, doch geb' mein'n Dienern Schellen, wenn sie sich nicht vorm Sir verneigen wie Riesenwellen", das ist so eine Zeile von Kollegah, die er gut findet.

In seinem Jahrgang haben viele Rap gehört. "Wir haben über die Texte gelacht, uns über die übertriebenen Aussagen lustig gemacht." Das Beleidigen gehöre zum Rap, sagt Jonas. Niemals würde er solche Worte in der Öffentlichkeit benutzen, aber der Tabubruch sei nichts anderes als Fans von Punk-Bands, die früher "Fick die Polizei" gerufen hätten. "Die Rapper trauen sich etwas, was in der Realität nicht möglich ist – das ist wahrscheinlich der Reiz." Rap sei so ein Ventil für Aggressionen, sagt Jonas. Im Rap werde ausgesprochen was viele Menschen denken. Er sagt: "Rap ist ein Spiegel der Gesellschaft." Es sei deshalb nicht die Aufgabe der Rapper, ihre Hörer zu erziehen. "Das ist die Aufgabe von Eltern und Lehrern, nicht die von Musikern." Die nun diskutierten Zeilen der beiden Rapper findet er aber problematisch. Er hatte sie vor dem Echo nicht gekannt, weil sie lediglich auf einem Bonus-Song hörbar sind. Auch andere antisemitische Symboliken in den Videos von Kollegah – wie dass der Stellvertreter des Teufels einen Davidstern trägt – waren ihm bisher nicht aufgefallen. "Ich dachte, es wären nur die beiden Zeilen, die in den Medien waren", sagt er. Er will nun noch einmal darüber nachdenken, wie er zu den beiden Rappern steht.

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