Aus der Ferne ist ein Pfeifen zu hören, schrill und hoch. Frank Holzki hat gerade im Schein der Taschenlampe die Tür zum Großen Tropenhaus aufgeschlossen. Er steht zwischen Palmen, Lianen und einem Riesenbambus und lauscht in die Dunkelheit. Es ist schwülwarm. Grillen zirpen, Blätter regnen raschelnd auf den Boden, und dazwischen ist dieser laute, aufdringliche Ton.
Holzki leuchtet auf den Weg und geht dem Pfeifen nach. Im Lichtkegel springen Grillen zur Seite, Spinnen verstecken sich schnell in den Beeten. Ein kleiner Gecko, nur wenige Zentimeter groß, sitzt auf einem Blatt und lässt sich nicht irritieren. Das Pfeifen wird mit jedem Schritt lauter, und als der Techniker die Tür zum Bromelienhaus öffnet, wächst es sich zu Orchesterlautstärke aus.
„Das können nur Pfeiffrösche sein“, vermutet der Techniker. Er weiß, dass sie mit Ananasgewächsen eingeschleppt werden. Vereinzelt hat er auch schon ein Pfeifen gehört. Aber dieses geräuschvolle Nachtkonzert ist ihm neu, obwohl er seit fast zehn Jahren im Botanischen Garten arbeitet. Zu sehen sind die Winzlinge in ihren Mini-Tümpeln nicht, die sie in den Baumkronen zwischen Blättern und Blüten bewohnen.
Nachts hört die Arbeit im Botanischen Garten nicht auf
Aber umso besser zu hören. Die nachtaktiven Tiere schicken sich Rufe hin und her, ihre Tonlagen sind dabei so unterschiedlich, dass es sich wie eine Komposition anhört. Die Männchen versuchen, die Weibchen zu locken. Damit sind sie offenbar sehr erfolgreich. Jetzt ist die Konkurrenz groß.
Nachts, wenn die Pflanzen schlafen gehen, hört die Arbeit im Botanischen Garten Dahlem nicht auf. 24 Stunden sind die Techniker im Einsatz, um Lüftungen, Rohre, Dichtungen, Druck und Wärmezufuhr zu überprüfen. „Wir haben es hier mit großen Temperaturunterschieden zu tun“, sagt Frank Holzki. Gerade im Winter, bei Minus 20 Grad draußen und Plus 20 Grad in den Gewächshäusern, gebe es eine „Materialschlacht an den Schnittstellen“. Die Gefahr sei groß, dass etwas zu Bruch gehe.
Der 50-Jährige hat an diesem Tag um 18 Uhr seine Schicht im alten Maschinenhaus begonnen. Es ist ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude im Wirtschaftshof. Noch vor 100 Jahren mussten drei Mann dort ununterbrochen Kohlen schippen, um die Gewächshäuser zu beheizen. Jetzt sitzt Frank Holzki in der „Kommandozentrale“ am Computer. Blaue Arbeitshose, grauer Pullover, vor ihm der Heizbericht auf dem Klemmbrett.
Einige Gewächshäuser können vom Computer aus überwacht werden
Gerade war Übergabe, das erste Problem schon gelöst. Es habe einen Computerabsturz gegeben, erzählt Holzki. Plötzlich war das Große Tropenhaus vom Bildschirm verschwunden. Ein Experte aus der IT-Abteilung musste gerufen werden. Beim zweiten Versuch, den Server hochzufahren, tauchten die Umrisse des Tropenhauses wieder auf, mit allen technischen Details. Der Absturz hänge wohl mit einer Datenumstellung zusammen, die derzeit im Botanischen Garten vorgenommen würde, sagt der Techniker.
Einige Gewächshäuser können vom Computer aus überwacht werden, andere nicht. Auf seinem Rundgang wird Holzki dennoch alle 50 Schau- und Anzuchthäuser ablaufen. Irgendwo könnte noch ein Licht brennen, eine Scheibe kaputtgegangen sein oder eine Tür offen stehen. Vor ihm liegen in dieser Nacht geschätzte 20 Kilometer Wegstrecke, er wird mehr als 140 Türen öffnen und schließen und die Funktion von 20 Lüftungs- und Klimaanlagen, 60 Heizverteilern und mehr als 100 Temperatursensoren überprüfen.
Mindestens drei Stunden dauert so ein Rundgang, den er zweimal in einer Schicht macht. Einen Teil der Strecke wird er auf einem E-Karren zurücklegen. Der Techniker kontrolliert sein Diensthandy mit der Notruftaste. Sollte er stürzen und das Bewusstsein verlieren, dann wird durch die Erschütterung der Alarm ausgelöst. Um Hilfe rufen nützt nicht viel. In der Schicht ist er allein mit 22.000 verschiedenen Pflanzenarten.
Von einem Moment auf den anderen wird es still
Holzki greift sich eine Taschenlampe, schließt die Tür vom Maschinenhaus ab und holt den E-Karren aus der Garage. Lautlos gleitet der kleine Transporter über die Wege. Nur ab und zu ist ein Knacken zu hören, wenn das Rad gerade eine Eichel oder eine Nuss erwischt hat. Als Erstes müssen die Eingänge verschlossen werden. Es ist 19 Uhr und bereits stockdunkel, hinter den Bäumen rauscht gleichmäßig der Straßenverkehr.
Zwei Stunden zuvor, als die letzten Sonnenstrahlen durch den Auenwald blitzen, sind zunächst noch Vögel zu hören. Doch von einem Moment auf den anderen wird es so still, als hätte jemand „Ruhe“ gebrüllt. Kein Wind, kein Rascheln, nichts. „Jetzt sind die Meisen schlafen gegangen“, sagt Gesche Hohlstein, Biologin und Sprecherin im Garten. Viele würden bei Anbruch der Dunkelheit in ihre Baumhöhlen oder Nistkästen verschwinden. Sie zeigt auf einer Runde durch das Freiland, wie sich der Garten bei Einbruch der Dunkelheit verändert. Was das Auge nicht mehr erfasst, übernehmen Nase und Ohren.
Der Weg führt vorbei an der Landschaft vom Kaukasus, wo ein kleiner Wasserlauf plätschert und das Signal gibt: „Vorsicht, einen großen Schritt machen“. Von dort geht es nach Japan. Hinter einem kleinen Pavillon duftet es auf einmal nach Butter und Vanille, als ob ein Bäcker schon mit seiner Arbeit begonnen hätte. Es wird stärker, und Gesche Hohlstein klärt die Kuriosität auf. Der Geruch kommt vom Japanischen Kuchenbaum. Der heißt so, weil er so duftet. Doch der angenehme Geruch wird auf einmal von einem ziemlichen Gestank abgelöst. Scharf, ekelig. „Der Fuchs ist unterwegs“, schlussfolgert die Botanikerin. Dabei markiere er sein Gelände.
Verliebte Romantiker lassen sich absichtlich einschließen
Später, auf der Fahrt mit Holzki und dem E-Karren, kreuzt allerdings kein Fuchs den Weg. Einmal, so erzählt der Techniker, habe sich einer vor seinem Wagen aufgebaut und ihn zum Halten gezwungen. Der Fuchs hatte reiche Beute gemacht: Drei Wiener Würstchen hielt er im Maul – ein Festschmaus. Weiter geht die Fahrt an der Liegewiese vor dem Großen Tropenhaus vorbei.
Der Rasen ist noch nicht lange für Besucher freigegeben. Einmal habe er ein lautes Schnarchen gehört, erzählt Holzki. „Da hatte einer die Schließzeit verschlafen.“ Manche wollen aber auch die Zeit vergessen, wie ein junges Pärchen, das sich im Garten allein wähnte und auf der Bank überrascht wurde. Einsamkeit und Stille genießen – das seien die Gründe für manche Romantiker, sich auch einmal absichtlich im Garten einschließen zu lassen.
Das gesamte 43 Hektar große Gelände könne niemand nach eingeschlafenen oder verliebten Gästen absuchen, sagt Holzki. Es komme immer wieder vor, dass die Polizei sich melde, weil wieder ein Gartenbesucher an einem verschlossenen Eingang steht. Dann marschiere er los und lasse ihn raus.
Nur ein Schild am Eingang weist die Öffnungszeiten aus
Früher habe es eine Schließrunde gegeben, erzählt Botanikerin Gesche Hohlstein. Mit Fahrrad und Glocke. Dann wurde eine automatische Klingel eingeführt. Etliche seien glücklich gewesen, als die Klingel 2008 kaputtgegangen sei. Ihr Ton, der zehn Minuten lang durch den Garten schallte, habe viele genervt. Jetzt weist nur noch ein Schild am Eingang darauf hin, wann die Tore geschlossen werden.
Der Eingang Königin-Luise-Straße wird zuerst abgeschlossen. Von dort geht es im eisigen Fahrtwind durch den Buchenwald, vorbei am Moor, am Arzneipflanzengarten zum Alpengarten und den Anzuchthäusern. Holzki kennt den Weg über die Sandwege genau. Seit 2004 arbeitet er im Botanischen Garten.
Fachverkäufer für Rundfunk und Fernsehtechnik hat der gebürtige Zwickauer gelernt und früher leidenschaftlich an Fernsehern und Radios herumgebastelt. Seit mehr als zehn Jahren wohnt er in Marzahn, gern, wie er sagt. Es sei grün und die Miete bezahlbar. Nur der Arbeitsweg einmal quer durch die Stadt, ja, der sei lang. Eine Stunde braucht er, wenn es gut geht. Doch das nimmt er gern in Kauf für seinen besonderen Arbeitsplatz.
Füchse, Eulen und Fledermäuse haben ihren festen Wohnsitz im Garten
In einem Anzuchthaus sind die oberen Scheiben noch etwas geöffnet. Der Techniker fährt sie runter, genau so tief, dass der Waschbär nicht mehr durchpasst. Denn der macht sich nämlich seit geraumer Zeit im Garten zu schaffen und gesellt sich zu Füchsen, Eulen und Fledermäusen, die bereits ihren festen Wohnsitz im Garten haben.
Einmal quer durch den Garten führt die Tour zum anderen Eingangstor an der Straße Unter den Eichen. In nur fünf Minuten zieht die Vegetation von Sibirien, Japan und der Prärie vorbei. „Gleich überqueren wir den Grand Canyon“, sagt Gesche Hohlstein. An der Baumschule gibt es einen Zwischenstopp. Im Heizungsraum ist der Druck etwas zu niedrig, Frank Holzki schließt einen Schlauch an und füllt Wasser nach. Dann fährt er zu den großen Schaugewächshäusern.
In den warmen Glashäusern haben viele Pflanzen ihre Schlafposition eingenommen. Am besten ist es an den verschiedenen Mimosenarten zu sehen. Sie haben ihre kleinen Fiederblättchen an den Zweigen zusammengeklappt – die sehen jetzt wie eine dünne Kordel aus. Im Schein der Taschenlampe schieben sich die dicken Koi-Karpfen gemächlich durch das Wasserbecken.
50 Aquarien sind im Keller untergebracht
Einmal hat Frank Holzki einen Rohrbruch im Winter in einem Gewächshaus gehabt, gerade im Victoria-Haus, wo die prominenten, aber auch sehr empfindlichen Riesenseerosen ausgestellt werden. Es kam zu einem Komplettausfall der Heizungsanlage. Um die Pflanzen über die Nacht zu bekommen, hat der Techniker sämtliche Ölradiatoren, die er finden konnte, zusammengesucht und mit einem Ventilator für die Verteilung der warmen Luft gesorgt. So konnte er den Schaden begrenzen. Nur einige Blätter, die direkt an der Scheibe waren, überstanden den Ausfall nicht.
Im Kakteenhaus wird Holzki wieder fündig. Drei Wasserhähne muss er kontrollieren. Die für Regen- und Stadtwasser sind in Ordnung. Nur der Weichwasserhahn tropft. „Das darf nicht sein, das Weichwasser ist in der Aufbereitung besonders teuer“, sagt er. Er macht sich eine Notiz. Am Tag will er ihn reparieren lassen.
Auf dem Kontrollgang liegen auch 50 Aquarien. Sie sind im Keller untergebracht, solange das Victoria-Haus und die Eingangshalle zu den Schauhäusern saniert werden. Dort haben die Aquarien eigentlich ihren Platz. Es laufen bereits Pflanzen-Experimente zu verschiedenen Themen, wie beispielsweise Meerwasseraquarien, die den Besuchern 2015 nach der Wiedereröffnung präsentiert werden sollen.
Die Blüte der Seerose überwachen
Das Schauhaus „Feuchte Tropen“ ist die nächste Station. Dort habe immer ein Gecko im Dunkeln auf ihn gewartet, erzählt der Techniker. Die etwa 30 Zentimeter große Echse müsse sich ihren Spaß daraus gemacht haben, Techniker zu erschrecken. Denn jedes Mal, wenn er auf der Treppe etwa in der Höhe des Tieres gewesen sei, hätte es einen schrillen Schrei ausgestoßen. Ein bisschen wie „Buh“ in der Gespensterbahn. Beim ersten Mal habe er einen riesigen Schreck bekommen, die anderen Male sei er schon gewappnet gewesen.
Es folgen noch weitere Gewächshäuser; wo die chinesische Ruhmesblume mit ihrem starken Duft im Dunkeln die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und wo Riesenseerosen in Wasserbecken gezüchtet werden. Einmal musste Frank Holzki nicht nur die Anlagen, sondern auch die Blüte der Seerose mit überwachen. Ein Gärtner wollte sie bestäuben und wartete auf den richtigen Moment. Als der Techniker bei seinem Rundgang 20 Uhr sah, dass sie gerade aufgeblüht war, rief er den Gärtner an, der unverzüglich kam.
Nach fast vier Stunden ist Holzki zurück in der Zentrale des Maschinenhauses und dokumentiert seine Runde. Er wird eine Stulle essen und die großen Schauhäuser am Monitor überwachen. In der Nacht müssen auch die E-Karren geladen werden, damit sie für die Gärtner am Morgen einsatzbereit sind. Dann ist schon wieder Zeit für die nächste Runde. Draußen leuchtet der Mond, der Weg erscheint im fahlen Licht. Eine Ente hebt ab, in der Ferne ist das Konzert der Pfeiffrösche zu hören.





