Die älteren Siedler erinnern sich noch an den Tante-Emma-Laden am Elkartweg. Er versorgte in den 50er-Jahren die Bewohner der Wochenendhäuser in Hakenfelde. „Hier vorn war der Ladentresen“, sagt Karin Raschdorf und deutet ins Wohnzimmer ihrer Nachbarn, der Röckendorfs. „Und da hinten gab es sogar eine Mangel.“ Karin Raschdorf, 70, zog als Kind mit ihren Eltern in die Siedlung. Viele der kleinen Häuschen an der Havel wurden nach dem Krieg als „Behelfsheime“ errichtet, weil Wohnungen knapp waren. „Die Gebäude wurden aus Holz und Kriegsschutt gebaut, mit Pumpe im Garten und Ofenheizung“, erzählt Karin Raschdorf. „Aber immerhin, wir lebten mitten im Grünen.“ So ist es bis heute. Jetzt sieht es aus, als könnte es mit der Havel-Idylle bald vorbei sein. Immer mehr Siedler haben Angst, ihre Häuser zu verlieren.

Wie Anneliese und Uwe Röckendorf. Sie sind 68 und 69 Jahre alt, Nachbarn und Freunde von Karin Raschorf. 1995 kaufte das Ehepaar den einstigen Lebensmittelladen am Elkartweg, der damals längst zum Wohnhaus umgebaut war. „Wir wollten etwas im Grünen haben, als Beschäftigung für unseren Lebensabend“, sagt Anneliese Röckendorf. Sie war Verkäuferin, ihr Mann arbeitete auf dem Fruchthof.

Für 80.000 D-Mark kauften sie das Haus. Das Grundstück pachteten sie vom Land, so wie rund 90 weitere Wochenendnachbarn. Dass der Mietvertrag jeweils zum Jahresende kündbar war, nahmen sie hin. „Im Bezirksamt versicherte man uns, dieser Passus sei nur eine Formalie“, sagt Anneliese Röckendorf. Ebenso war es mit der Größe des Gebäudes, das, wie viele Wochenendhäuser, mehr als die eigentlich erlaubten 40 Quadratmeter hatte. „Der Vorbesitzer hatte das Haus umbauen lassen. Die Baugenehmigung lag dem Bezirksamt vor, niemand nahm daran Anstoß.“

Plötzlich zu Verbrechern gemacht

Jetzt müssen die Röckendorfs trotzdem raus. Ihr Wochenendhaus, der ehemalige Laden, 1934 als Wohnhaus errichtet, soll abgerissen werden. Grund: Es ist jetzt plötzlich zu groß. Und zu modern. Die Kündigung schickte 2013 das Bezirksamt Spandau, Röckendorfs klagten – und verloren 2014 vor dem Landgericht Berlin. Auch die Kosten für den Abriss sollen sie tragen. 23.000 Euro sind dafür veranschlagt. Aus dem Traum vom Sommerhaus ist ein Albtraum geworden. „Wir werden Privatinsolvenz anmelden müssen“, sagt Uwe Röckendorf.

Der Albtraum könnte demnächst auch andere Siedler treffen. Ein weiteres Rentnerpaar in der Nachbarschaft bekam ebenfalls die Kündigung. „Wir werden unter Druck gesetzt.“ Anneliese Röckendorf seufzt und gießt heißen Kaffee in die Tassen ihre Gäste. Es ist kalt im ehemaligen Milchladen, auch im übertragenen Sinne. „Wir fühlen uns hier alle nicht mehr wohl“, sagt sie. Drei Nachbarinnen sitzen mit am Sofatisch, alle sagen: Sie fühlen sich durch das Bezirksamt ausspioniert und schikaniert. „Jahrelang haben wir hier friedlich gelebt und alles war in Ordnung, jetzt werden wir zu Verbrechern gemacht“, sagt Anneliese Röckendorf.

Ein Mitarbeiter des Bezirksamtes sei immer wieder in den Straßen der Siedlung erschienen, erzählen Anneliese Röckendorf und die Nachbarinnen. „Er kam tags und auch nachts, am Wochenende, mal im Auto, mal zu Fuß, stand vor den Haustüren der Leute und beobachtete uns.“ Vor Gericht wurde dann akribisch aufgezählt, was man den Röckendorfs zur Last legte: Unter anderem ihre Kunststofffenster, ein Heizöltank, die Satellitenschüssel, außerdem „blickdichte Vorhänge“. All das deute darauf hin, dass das Ehepaar „dauernd“ in ihrem Wochenendhaus wohne und es unerlaubt ausgebaut hätte. Wobei das Gesetz nicht konkret regelt, wie oft genau ein Wochenendhaus bewohnt werden und welchen Standard es haben darf, sagt Michael Jagielski vom Verband deutscher Grundstücksnutzer (VDGN). Der VDGN vertritt deutschlandweit 120.000 Besitzer von selbst genutztem Wohneigentum, ein Drittel davon in Berlin.

Jagielksi kritisiert den Bezirk Spandau, namentlich Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD). Während andere Gemeinden bestrebt seien, Wochenendgrundstücke langfristig zu vermieten, gehe Spandau den entgegengesetzten Weg. Einerseits würden Mietverträge von nur einem Jahr Laufzeit abgeschlossen, andererseits hohe Sicherheitsleistungen für einen eventuellen Abriss verlangt. In der Kolonie ist von rund 15.000 Euro die Rede, die Pächter bei einem Vertragsabschluss hinterlegen müssen. Auch die Forderung, ein Wochenendgrundstück nach Vertragsende komplett zu beräumen, sei unüblich. Jagielksi spricht von „Knebelverträgen“ und einer „Jagd auf vermeintliche Dauerwohner“, die berlinweit einzigartig sei.

Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD) verteidigt die hohen Sicherheitsleistungen. „Der Landesrechnungshof hat uns aufgefordert, sie für den Fall zu erheben, dass ein Wochenendhaus abgerissen werden muss und der Pächter dafür nicht aufkommen kann, etwa im Todesfall.“ Im Übrigen sei man auch nicht penibel bei der Größe der Gebäude. Doch es gebe Grenzen. „Wenn Mieter keine Kontrollen zulassen und sich einem Kompromiss verweigern, indem sie etwa zusätzliche Schuppen oder einen Carport nicht entfernen, sind Vertragskündigungen unser einziges Mittel.“

Uwe Röckendorf bestreitet nicht, dass er die Kontrolle des Bezirksamtsmitarbeiters abgelehnt hat, der verlangte, nach einem Besuch des Grundstück auch noch sein Haus von innen zu begutachten. Auf dem Sofatisch der Röckendorfs liegt der Aktenordner, in dem sie die Versuche dokumentiert haben, ihr Haus zu retten. Die Baupläne. Der Nachweis, dass sie neben dem Wochenendhaus auch eine reguläre Wohnung haben. Ein Gütetermin bei Gericht, der scheiterte. Obenauf liegt das Urteil des Landgerichts, „im Namen des Volkes“, das noch eine weitere Hiobsbotschaft für die Siedler von Hakenfelde enthält. „Laut dem Urteil könnte der Bezirk nun praktisch allen 90 Siedlern kündigen“, sagt der Anwalt der Röckendorfs, Harald Westphal. „Laut den Mietverträgen ist nämlich für Kündigung gar keine Angabe wichtiger Gründe nötig.“ Westphal hat Berufung gegen das Urteil eingelegt, doch selbst er glaubt nicht an einen Erfolg. „Wir haben gekämpft, aber die Sache ist gelaufen.“

Unverständnis ruft bei den Wochenendhausmietern die Tatsache hervor, dass der Bezirk manche ihrer Wochenendnachbarn ganz anders behandelt. Die Laubensiedlungen der Sportvereine nebenan erhalten gerade langfristige Verträge bis etwa 2030. Sie werden wohl auch keine „Sicherheitsleistungen“ für die Lauben hinterlegen müssen. Grund: Die Sportvereine verhandeln nicht mit dem Bezirksbürgermeister, sondern mit Sportstadtrat Gerhard Hanke (CDU).

Bürgermeister spricht von Mobbing

In der südlich davon gelegenen Wohnsiedlung Hakenfelde wiederum wird ähnlich gestritten wie bei den Röckendorfs. Die dortigen 350 Mieter befürchten, dass auch sie im schlimmsten Fall ihre Lauben aufgeben müssen. Auch ihnen droht die Kündigung – allerdings nicht einzelner Parzellen, sondern gleich allen, über den Gesamtmietvertrag. Denn sie haben ihre Grundstücke über den Verein „Wohnsiedlung Hakenfelde“ vom Land Berlin gemietet. Beate Seeliger ist die Vereinsvorsitzende. Sie sagt: Auch bei ihnen habe der betreffende Mitarbeiter des Bezirksamts Lauben und Bewohner akribisch auf Regelverstöße kontrolliert, forderte Rückbauten und monierte angeblich fehlende Genehmigungen. Zuletzt drohte der Bezirk mit der Kündigung des Mietvertrags, der noch bis 2017 läuft.

Beate Seeliger und ihre Nachbarn sagen: Der Streit laufe schon seit Jahren. Mittlerweile hätten sie die Probleme in der BVV vorgetragen, Unterschriften gesammelt, sich an Politiker gewandt. Der VDGN stellte eine Petition im Abgeordnetenhaus. Selbst die Gemeindepfarrerin setzte sich zwischenzeitlich für die gekündigten Mieter ein. Eine Lösung gab es nicht. Bürgermeister Kleebank wehrt die Vorwürfe ab. Dass Kolonisten mit Kontrollen terrorisiert würden, „das geistert seit Jahren als Gerücht durch die Siedlungen“, sagte er der Berliner Morgenpost. Vielleicht sei da mal „jemand mit der Taschenlampe aufgetaucht, aber wer sagt, dass das ein Mitarbeiter von uns war?“ In Wirklichkeit sei es genau umgekehrt: „Unsere Mitarbeiter werden verleumdet, über die Medien und mit Dienstaufsichtsbeschwerden. Das grenzt teilweise an Mobbing.“

Inzwischen hat der Streit aus Hakenfelde die Mitte Berlins erreicht. Dieser Tage trafen sich Raed Saleh, Fraktionschef der SPD im Abgeordnetenhaus, und seine Fraktionskollegin Burgunde Grosse mit Beate Seeliger und den Siedlern. Burgunde Grosse sagt: Die Kündigungsdrohung sei inzwischen vom Tisch, es werde Verhandlungen geben: „Für die nächsten zehn Jahre ist der Bestand der Wohnsiedlung gesichert.“ Und auch die akribischen Kontrollen wird es wohl so nicht mehr geben. „Ich denke, die Kuh kriegen wir vom Eis.“ Das klingt gut, doch Beate Seeliger bleibt misstrauisch: Nachbarn hätten den kontrollfreudigen Mitarbeiter gerade wieder gesehen, wie er Autos und Mülltonnen kontrollierte.