Das Warten auf den großen Moment zieht sich hin, die ersten Schaulustigen haben sich wieder verzogen. Christian Gaebler ist geblieben. Ein Ereignis dieser Art hat selbst Berlins Staatssekretär für Verkehr und Umwelt noch nicht zu Gesicht bekommen. Direkt neben der Freybrücke in Spandau werden zwei Ersatzbrücken gebaut. Seit Mittwoch befindet sich das Projekt in der Phase „Verschub“: Innerhalb von zwei Tagen werden die vormontierten Brücken Zentimeter um Zentimeter über die Havel geschoben. „Eine wichtige Phase der Sanierung“, sagt Gaebler.
Im September sollen die Ersatzbrücken in Betrieb genommen werden. Sie ersetzen die marode Freybrücke, die dann abgerissen und neu errichtet wird. Die Maßnahme ist zwingend notwendig, da die mehr als 100 Jahre alte Brücke nicht mehr standsicher ist. Bei einer Brückenprüfung vor sechs Jahren kamen erhebliche Bauwerksschäden ans Licht, die im Laufe der Zeit gravierender wurden. Rund 50.000 Autos überqueren die Havel an dieser Stelle auf der Heerstraße täglich, die Verbindung zwischen Spandau und der Innenstadt ist eine der meistbefahrenen Straßen der Stadt.
Verschub ist ein Balanceakt
Neben Gaebler steht Ingenieur Arne Huhn auf der Freybrücke und beobachtet die Vorbereitungen für die erste Ersatzbrücke. Die Havel liegt ruhig da, für die Arbeiten wurde der komplette Schiffsverkehr ausgesetzt. „So lange die Seile nicht gespannt sind, wird nichts passieren“, erklärt der Fachbereichsleiter des Senats bei einem Blick auf das Wasser. Am westlichen Ufer stehen zwei Seilwinden, die mit einem Ponton auf der anderen Seite verbunden sind. Auf diesem stehen Container und stützen die Brücke, die bereits 24 Meter über die 60 Meter breite Havel ragt.
Gegen 13 Uhr kommt Bewegung in die Sache. Das hintere Ende der Brücke ist mit Betonblöcken beschwert. Ein Kran entfernt sie nach und nach, gleichzeitig wird der Ponton angehoben, damit die Brücke im Gleichgewicht bleibt und nicht nach vorn kippt. Ist der Balanceakt vollzogen, werden die Seilwinden angeworfen, die die Brücke langsam zu sich heranziehen. Ermöglicht wird das Gleiten der mehr als 300 Tonnen schweren Brücke durch kleine Metallräder, auf denen sie aufliegt. „Eine Schlittenkonstruktion“, sagt Huhn. Am Nachmittag fehlen nur noch zehn Meter zum Ufer. Dort wird die Brücke auf neu gebaute Widerlager geschoben.
Ein Elefant, der übers Glatteis geschoben wird
Es hat etwas von einem Elefanten, der übers Glatteis geschoben wird. Bei den Brücken handelt es sich um so genannte „Leihbrücken“, die schon an verschiedenen Orten im Einsatz waren. Die einzelnen Träger wurden am Ostufer mit insgesamt 8500 Schrauben verbunden. Zusammen wiegen sie rund 700 Tonnen. Sie verlaufen nur 30 Zentimeter neben der Freybrücke, der Verschub ist Präzisionsarbeit. Bei zu starker Strömung würde Kollisionsgefahr bestehen. „Was wir hier machen, erfordert schon sehr genaue Planung. Es darf nichts schief gehen“, sagt Huhn.
Am Donnerstag erfolgt der sogenannte Verschub der zweiten, äußeren Brücke, die neben zwei Fahrspuren noch mit einem Rad- und Fußweg ausgestattet ist. Anschließend werden beide Brücken über „Vorlandbrücken“ mit der Heerstraße verbunden. Zudem müssen Leitungen von der Freybrücke zu den Ersatzbrücken umverlegt werden. Ansonsten wäre die Versorgung mit Strom, Wasser und Telekommunikation in Spandau gefährdet. „Das zeigt, welch wichtige Rollen Brücken für die Infrastruktur spielen“, sagt Huhn. Aber diese Arbeiten kosten Zeit. Allein die Deutsche Telekom benötigt für das Umlegen ihrer Leitungen drei Monate.
Die Kosten für sämtliche Baumaßnahmen belaufen sich auf 33 Millionen Euro. Berlin muss 5,4 Millionen Euro aufbringen, der Rest kommt vom Bund. Der Neubau der Freybrücke ist Teil des „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 17“, das den Ausbau der Wasserstraßenverbindung Hannover–Magdeburg–Berlin vorantreibt. So wird die neue Freybrücke, deren Fertigstellung nächstes Jahr erfolgen soll, einen guten Meter höher gebaut, damit zweilagiger Containerverkehr möglich ist.
Busfahrer wurden beschimpft
Die Ersatzbrücken, die nach Fertigstellung der neuen Freybrücke demontiert werden, schlagen mit neun Millionen Euro zu Buche. Geld, das mancher Pendler in Spandau wahrscheinlich als gut investiert betrachtet. Seit Januar sind Fahrzeuge mit einem Gewicht von über 18 Tonnen auf der Freybrücke nicht mehr zugelassen, die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt Tempo 30. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) können nur leichte Eindecker mit einer Kapazität von 70 Fahrgästen einsetzen. In den Hauptverkehrszeiten waren die Busse der Linie M49 regelmäßig überfüllt. Fahrer wurden beschimpft, weil sie nicht alle Fahrgäste mitnehmen konnten. Seit April sorgt die Linie X49 zwar für Entlastung, trotzdem freut sich das Unternehmen auf die Ersatzbrücken. Auf ihnen herrschen keine Beschränkungen, dann sollen auch wieder Gelenkbusse und Doppeldecker fahren, die bis zu 113 Personen fassen.
Einige Anwohner am Westufer kann das kaum trösten. Sie hatten geklagt, da der Verkehr durch die Ersatzbrücken noch näher an ihrem Haus vorbeiführt. Sie bekommen als Entschädigung eine vier Meter hohe Lärmschutzwand.





