09:45 Auch in den Hackeschen Höfen wird getrunken. Das Bier liefert Jörg Brönner, der seine Kisten verflucht, während der Regen vom Lkw-Dach strömt und die Akustik des Innenhofs jedes Rumpeln zu einem Donnern werden lässt. Es dauert gerade einmal fünf Minuten bis das Bier vor dem Restaurant und Veranstaltungsort „Oxymoron“ ausgeladen und die Ladeklappe geschlossen ist. Der Laster piept laut im Rückwärtsgang. Dann verschwindet er dröhnend durch die Einfahrt und hinterlässt einen seltsam stillen Hof.

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11 Uhr: David Kastner, Geschäftsführer der Pentanex GmbH, der Firma, die die Höfe betreibt, ist streng, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht. Keine Außenwerbung, nur Selbstgefertigtes im Verkauf, keine Schirme und Stühle im Hof. Wer hier sein Geschäft hat, muss strenge Auflagen erfüllen. Schließlich geht es um Berlins berühmteste Immobilie in Privatbesitz.

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11.55 Uhr: Wie schön, in einer Galerie zu arbeiten: Man ist ständig umgeben von herrlichen Bildern, berät Kunden, hat seine Lieblinge, die an den Wanden hängen. Zwar enden die Stücke in den seltensten Fällen in der eigenen Wohnung. Aber manchmal klappt auch das. „Das hier“, sagt Natascha Aplas in der Galerie Lumas, „habe ich mir selbst gekauft.“ Sie deutet auf das Bild mit jungen Männern, die im Sommer gut gelaunt auf einem Baumstamm sitzen. Sie hat es in ihre Sitzecke gehängt, um beim Ansehen „ebenfalls gute Laune zu bekommen“. Das trifft das Konzept der Galerie ganz gut. Hier wird Kunst verkauft, mit der man leben will. Sehr passend in den Hackeschen Höfen, wo ein Gespür für Ästhetik Pflicht und ein Produkt häufig Lifestyle-Ware ist.

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13:30 Uhr: Draußen sieht es nach November aus. Es regnet, der Himmel hängt schwer und bleigrau über den Höfen. Astrid Freitag freut sich darüber. „Come rain, come shine“ ist das Motto ihres Geschäfts „Freitag-Fashion“. Auf Deutsch etwa: „Für jedes Wetter“. Grellbunte Mäntel hängen an den Kleiderständern. Blaue, gelbe, rosafarbene Hüte stapeln sich auf Puppenköpfen. Jedes Kleidungsstück ist aus Lack. Mode für den Regen.

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14.25 Uhr: Die Hackeschen Höfe waren nicht immer der mondäne Café-Latte-Ort in Berlins Mitte. Trotz all der Touristen, all der Modesalons und Ledermanufakturen findet man hier immer noch Menschen, die sich erinnern, wie es früher an der Rosenthaler Straße aussah. Waltraut Potratz wohnt im sechsten Hof, oben in der vierten Etage, in einer Wohnung, die sich, wie sie sagt, seit den 60er-Jahren nicht mehr verändert hat. Sie sitzt in ihrer Küche, auf dem Tisch liegt eine rot-weiß karierte Decke. „Das bin ich“, sagt sie und zeigt auf ihr fast 60 Jahre altes Hochzeitsbild. „Damals war ich noch bildhübsch. Heute ist nur noch das Bild hübsch“, sagt sie und lacht. Frau Potratz ist 1954 in die Hackeschen Höfe gezogen, zu DDR-Zeiten, als das Kino im Vorderhaus noch Imperial hieß und in den Räumen des „Oxymoron“ Trabis repariert wurden. Sie ist hier alt geworden. Die Höfe um sie herum wurden immer jünger. „Draußen ist jetzt jeden Tag Demo“, sagt sie und meint die Touristenscharen, die gut hörbar durch die Straßen rund um die Hackeschen Höfe hasten. Viele der jüngeren Mieter zögen nach einem Jahr wieder aus, erzählt sie. „Das ist ihnen hier sehr bald zu laut“. Für das Ehepaar Potratz kommt das dagegen nicht in Frage. „Jetzt doch nicht mehr“, sagt Waltraut Potratz.

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15.50 Uhr: Thomas Taubert ist seit 20 Jahren der Hausmeister der Hackeschen Höfe, auch wenn er selbst das anders ausdrückt. „Ich bin eine Mischung aus Krankenschwester und Altenpfleger“, sagt er. „Diese Höfe sind wie eine alte Dame.“

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17.30 Uhr: Katja Bahadori muss viel telefonieren. Mit der Presse, mit Gästen, Veranstaltern und den Kollegen im Haus. Seit vielen Jahren kümmert sie sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Chamäleon-Theaters. Vor allem jetzt, wo die Premiere der neuen Show „Beyond“ immer näher rückt, ist an geregelte Arbeitszeiten nicht mehr zu denken. Zumindest „macht der Job eine Menge Spaß“, sagt sie. „Circa“, die nächste Truppe, die sich allabendlich auf der Bühne des Varieté-Theater verrenken wird, kommt aus Australien. Das sei ungewöhnlich, sagt Katja Bahadori, da die meisten und besten Artisten derzeit aus Kanada kommen.

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18.40 Uhr: „Das hält fit“, keucht Frank Musaal, als er im fünften Stock ankommt. Ein paar Mal pro Tag läuft der Hausmeister des Hackesche Höfe Kinos ins Dachgeschoss, um die Lüftungssysteme der Filmsäle zu überprüfen. Als Zuschauer muss man ihm wohl dankbar sein. „Das merkt man ganz schnell, wenn hier oben etwas nicht stimmt“.

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19.30 Uhr: Das Geschäft „Whiskey & Cigars“ ist seit langem eine Institution an der Sophienstraße, seitlich der Hackeschen Höfe. Schon die Tür macht klar, dass es sich hier um eine etwas exklusivere Adresse handelt. Einlass erhält der Kunde erst nach Druck auf einen roten Klingelknopf. Es summt kurz, dann schwingt die Glastür langsam auf, der Holzboden knarzt, an der Wand stehen zwei Ledersessel, man lässt sich fallen und hebt den Blick. Vor einer Wand aus Zigarrenkisten steht Andrea Krath und deutet in einen Raum voller Whiskey aus vielen Ländern der Welt. „Wir haben alles zwischen 30 und 3500 Euro“, sagt sie lässig, während sie eine Flasche in braunes Packpapier einschlägt. Man gönnt sich eben auch gern mal etwas in Berlins Mitte.

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20.20 Uhr: Anika Aschern und Thomas Asbrede aus Wilhelmshafen und Hanover sind zu Besuch in der Hauptstadt. Sie treffen alte Freunde, gehen einkaufen und nutzen es aus, dass Anika Aschern ihre Ausbildung im Hotel Adlon gemacht hat. Um eine romantische Unterkunft müssen sich die beiden also keine Sorgen machen.

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21.45 Uhr: Ab 21 Uhr ist es immer voll im Billardsalon. „Vor allem, da gerade zwei Berliner Salons schließen mussten“, sagt Laure Runge während sie im zweiten Stock des letzten Hofes mit einem Lappen den blitzenden Edelstahltresen wischt. Gäste drängen sich um die Barhocker, Queues wandern von Hand zu Hand, den Rhythmus der Nacht diktiert das trockene Klicken der Kugeln. Hinter der Bar reiht sich Flasche an Flasche. Die Auswahl ist nicht schlecht. Immerhin geht es hier eigentlich um Pool, nicht um Alkohol. „Wer will, kann erst einmal einen Drink nehmen“, sagt Laure Runge. Mit großer Präzision schickt die 24-Jährige Billardkugeln über den Tisch. Für die einen im Salon klingt so der Abend aus. Für die meisten aber ist dies der Beginn einer langen Nacht in den Hackeschen Höfen.