Einige Fahrgäste bleiben erst noch sitzen früh am Morgen in der U-Bahn, gucken weiter auf ihr Smartphone. Dann schrecken sie hoch. Es ist wohl die Macht der Gewohnheit. Dabei ist die Ansage eindeutig. „Kurt-Schumacher-Platz. Dieser Zug endet hier. Bitte alle aussteigen.“ Seit 65 Jahren fährt die U6 vom Kurt-Schumacher-Platz weiter bis nach Alt-Tegel. Seit Montagmorgen tut sie das für zweieinhalb Jahre nicht mehr.
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben eines der aufwendigsten Projekte der letzten Jahre in Angriff genommen und sanieren das nördliche Ende der U6 für rund 90 Millionen Euro. Es werden rund 12.000 Tonnen Gleisschotter entnommen, recycelt und wieder eingebaut, 8.500 Betonschwellen müssen ausgebaut und wieder ersetzt werden, sowie 69 Haupt-, Vor- und Notsignale demontiert, aufgearbeitet und wieder montiert. Zur Stabilisierung des Bahndamms der nördlichen U6 werden zirka 1100 Bohrpfähle hergestellt. Als vorbereitende Arbeiten wurden Bäume, die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen sind, gefällt. Derzeit liegen sie noch neben dem Bahndamm. Und rund 500 Tonnen Stahl benötigt die BVG allein für den Ersatzneubau der Brücke über die Seidelstraße.

Die Angst vor dem Schienenersatzverkehr
Eine anfangs träge, dann immer flinkere Menschenmenge ergießt sich am Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz aus dem Zug, so viele wie es selten waren als der Bahnhof noch Zubringerpunkt für den Flughafen Tegel war. Und die Leute steigen die Treppen hoch, immer den auf den Boden geklebten, gelben Fußsymbolen folgend. Sie weisen den Weg zum Schienenersatzverkehr.
Wohl kaum ein Wort fürchtet der BVG-Kunde mehr. Oft sind die Busse voll, wenn nicht gar überfüllt und es gibt lange Wartezeiten. Man ist also auf das Schlimmste gefasst. Doch oben empfängt ein BVG-Mitarbeiter mit Info-Zetteln zum Pendelverkehr. Er erzählt von einem Fahrgast, der ihn früh am Morgen ziemlich angeblafft habe. „Aber das war die Ausnahme, sonst sind alle sehr verständnisvoll.“
Sein Kollege drückt den Passanten 10-Euro-Gutscheine für die Jelbi-App von der BVG in die Hand. Damit kann man Räder, Autos und Roller mieten. Die BVG hat Plätze für 200 Elektrofahrzeuge an den Bahnhöfen in der Umgebung eingerichtet. Um sieben Uhr macht davon niemand Gebrauch. Am Backshop hingegen ist es voll. Voller als sonst. „Wir haben bisher bestimmt doppelt so viele Kaffee verkauft wie sonst“, schätzt eine Verkäuferin.

Revierverhalten beim Run auf die Sitzplätze
Rechts herum in der Straße 462 am U-Bahnhof Kurt-Schumacher-Platz stehen schon acht Niederflur-Gelenkbusse. Ein bisschen Gedrängel und Revierverhalten zeigt sich beim Run auf die Sitzplätze. Aber: Überraschung. Alle, die wollen bekommen einen Platz. Manche stehen trotzdem. So wie das Paar mit den großen Reise-Rucksäcken. Der Schienenersatzverkehr klappt.
Sieben Minuten braucht die Bahn für die fünf Stationen bis Alt-Tegel. Auf der Straße dauert es länger. Je nach Tageszeit zwischen 15 und 20 Minuten. Um 7.04 Uhr geht es los. Vier Minuten dauert es dann bis zur ersten Haltstelle Scharnweberstraße und danach jeweils zwei Minuten. Um 7.16 Uhr ist man in Alt-Tegel. Eigentlich waren 16 Minuten veranschlagt. Der Bus blieb sogar noch unter seiner geplanten Fahrzeit. Wenn man läuft, braucht man für die 4,5 Kilometer eine knappe Stunde.
Damit die barrierefreien Busse gut durchkommen, wurden zwischen Eichborndamm und An der Mühle in beiden Richtungen Busspuren eingerichtet und Rampen zum Einsteigen geteert. Für Autos wird es hier eng.

Warum denn zweieinhalb Jahre?
„Eigentlich klappt es ja ganz gut, aber warum muss das denn zwei Jahre dauern?“, fragt Stephanie Lehmann. Sie kommt aus Wedding arbeitet in einem Büro in Tegel. Ein Sitznachbar ruft laut: „Das dauert ja fast so lang wie der BER!“ und lacht. Man kann nur hoffen, dass er Unrecht behält: Der BER brauchte 14 Jahre Bauzeit.
Aber wer Hoffnung hat, dass es schneller gehen könnte als zweieinhalb Jahre, wird sicher enttäuscht. Der Knackpunkt ist die Brücke über die Seidelstraße. 300 Zugfahrten täglich haben zusammen mit Wetter und Witterung den Brückenbeton ermüden lassen, außerdem gab es Konstruktionsfehler und Pfusch schon bei Konstruktion und Bau. U-Bahnen dürfen schon seit Jahren nur mit Tempo 30 drüber fahren. Obwohl sie als Denkmal eingetragen ist, gilt die Spannbetonbrücke als irreparabel. Darum wird sie an einem Wochenende im März 2023 abgerissen und durch eine Stahlbrücke ersetzt. Die Brückenbauarbeiten allein dauern zwei Jahre.
Mit dem Ersatzverkehr in Alt-Tegel angekommen, ist alles wie immer, wenn man vom vergitterten U-Bahneingang absieht. Die Mieter der Geschäfte im Bahnhof haben ihre Räume schon vor Wochen verlassen.
Das Paar mit den großen Reise-Rucksäcken sprintet die Berliner Straße hoch in Richtung Fernbus-Haltestelle. Auch wenn der Schienenersatzverkehr vorbildlich klappt. Zu knapp sollte man nicht losfahren.
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