Das Konzept „Campus“ hat gerade Hochkonjunktur. Es meint viel mehr als nur das Gelände einer Universität. Ein Campus ist nach Berliner Lesart auch mehr als die Unternehmenszen­trale nach dem Vorbild der US-Tech-Giganten. Berlin arbeitet sozusagen an einem Campus neuer Art, einem europäischen Campus, der an die alte Tradition der gemischten Stadt anknüpft.

Die vergangene Woche stand im Zeichen der Entscheidung des Siemens-Konzerns, sein Industrieareal in Siemensstadt mit 600 Millionen Euro zu einem Campus mit Wohnungen, Büros, Labors und Freizeitangeboten zu entwickeln. Diese Woche werden Planer der sogenannten „Urban Tech Republic“, die ab 2020 den dann hoffentlich vom Flugbetrieb befreiten Flughafen Tegel mit neuem Leben bevölkern soll, ihre neuesten Konzepte vorstellen. Auch dort geht es um einen neuen Stadtteil fürs Forschen, Arbeiten und nahe gelegenem, für normale Menschen bezahlbarem Wohnen.

Zwei so ambitionierte Großvorhaben in einer Entfernung von nur drei Kilometer Luftlinie umzusetzen, dürfte ziemlich einzigartig sein und wird Berlins Behörden viel abverlangen. Wer aber sehen will, was auf einem Campus Berliner Prägung möglich ist, sollte einen Blick auf das Euref-Areal am Schöneberger Gasometer werfen, der heute seinen zehnten Geburtstag feiert. Hier darf jeder in den Restaurants essen, Ausstellungen besuchen oder Volleyball spielen. Ein Campus soll eben nicht exklusiv sein, sondern einladend und offen.

Gleichwohl funktioniert das Konzept nur, wenn kluge Köpfe zusammengebracht werden, die an bestimmten Problemen arbeiten. Beim Euref ist das die Energiewende, neue Mobilität und die smarte, digitalisierte Stadt. Die Themen dürften auch für Siemens in Spandau und für Tegel wesentlich sein. Schlicht und einfach deswegen, weil unsere Zukunft davon abhängt, ob es uns gelingt, nachhaltig zu wirtschaften, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schonen und die Gesellschaft nicht brutal in Gewinner und Verlierer der Digitalisierung zu spalten.

Wer wissen will, wie Wachstum nicht laufen darf, der schaue sich die Smog-Wolken in chinesischen Mega-städten an, wo schon Kinder lernen, sich die Atemmaske aufzusetzen. Oder die Massen von Obdachlosen in der amerikanischen Hochtechnologiezone Silicon Valley, wo ein Ein-Zimmer-Apartment schon mal mehr als 3000 Dollar Miete kostet.

Berlin trägt also eine große Verantwortung, Modelle für das Forschen, Leben und Arbeiten von morgen zu entwickeln und vorzuführen. Wie das gelingen kann, zeigt der Euref-Campus, der sich dank einem entschlossenen Unternehmer wie Reinhard Müller prächtig entwickelt hat. Kaum vorstellbar, dass Siemensstadt oder Tegel hinter den in Schöneberg erreichten energetischen Standards zurückbleiben.

Aber die Stadt muss sich noch mehr öffnen für das, was an ihren innovativsten Orten erdacht und gebaut wird. Warum fegt die automatische Kehrmaschine vom Euref nicht auch normale Berliner Bürgersteige? Warum werden nicht an vielen Fassaden die Kohlendioxid-fressenden Algen gezüchtet? Wann kreuzt ein selbstfahrender Bus auf öffentlichen Straßen? Berlin muss sich ranhalten, wenn es auch beim Einsatz der modernsten Technologie vorne dabei sein will. Vor allem muss die Stadt die Erkenntnisse von Euref & Co nutzen, wenn sie neue Stadtviertel plant und baut. Die sollten Kohlendioxid-neutral beheizt, gekühlt und verkehrlich erschlossen werden. Nur wenn die Prinzipien der Vorzeige-Orte überall gelten, kann die Energiewende gelingen und die Gesellschaft zusammengehalten werden.

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