Reinickendorf
Wirtschaftsleben

Die Probleme und die Geheimnisse der Berliner Familienbetriebe

234 Jahre Geschichte: In Reinickendorf sind drei der traditionsreichsten Berliner Unternehmen ansässig, ganz nah beieinander. Sie werden noch von den Gründerfamilien geführt – und sind doch modern.

Foto: Martin U. K. Lengemann

In einer Seitenstraße der Danziger Straße steht Alfred Seliger vor dem Laden seines Vaters. 14 Jahre ist er alt. Die Hände drückt er in die Seiten seiner Schürze. Der Erste Weltkrieg liegt noch vor ihm. Das sieht man freilich nicht auf diesem Bild, das an der Wand im Inneren der Büroräume der Firma Aseli hängt. Chocolade schreibt man 1910 mit „CH“ und Confitüre mit „C“. Noch kann die Bevölkerung von süßen Dingen nicht nur träumen, nein, es gibt sie auch noch zu kaufen. Alfred Seliger arbeitet in der Confiserie seines Vaters. 1921, ein Jahr nachdem Hans Riegel in Bonn seine Firma gründete, hat Alfred darauf keine Lust mehr. Er macht sich selbstständig. Mit einem Tisch und seinen eigenen Vorstellungen von Süßigkeiten.

Aus seinen Initialen formt er den Namen seines Unternehmens Aseli. Mit dem Fahrrad fährt er die Produkte in ganz Berlin aus. Der Zweite Weltkrieg kommt. Trotzdem wächst sein Unternehmen. Im Krieg werden die Unternehmensstandorte häufig ausgebombt. Die Produktion aber geht immer weiter. Sie überdauert den Krieg, sie überdauert den Eisernen Vorhang. Heute werden die Süßigkeiten mit Alfred Seligers Originalrezepten von seinen Enkeln Christian und Michael hergestellt. In Handarbeit. Zuckerschaumfiguren sind das. Bunte Mäuse, kleine Mäuse, große Mäuse, süße Bären, süße Katzen aber auch Busen und Po.

Während Seliger also durch den ganzen Krieg hindurch weiterproduziert, kann Arnold Langer nur unter schwierigsten Umständen fertig studieren. Er wird im Jahr der Firmengründung Aselis in Berlin geboren, wird 1935 Laborant bei einer Berliner Kosmetikfirma, beginnt 1939 das Studium der Chemotechnik, das er zwischen 1940 und 44 kriegsbedingt ruhen lässt. Schlussendlich schließt er sein Studium 1944 ab. 1945 eröffnet er mit seinem Kameraden Krause die Kyrolanfabik in Reinickendorf. Und mit 92 ist er immer noch an drei Tagen in der Firma in der Papierstraße 10. Ist mit seinem Sohn Wolfram noch immer Geschäftsführer. Er ist zweifelsohne schon alt, er trägt Hörgeräte, kennt die Mitarbeiter aber noch mit Namen. Unvorstellbar.

Zuckermaus in Handarbeit

Ebenso schwer zu glauben ist es aber, dass die bei Aseli alle ihre Produkte immer noch von Hand herstellen. Da werden tausende, hunderttausende von kleinen Schaumdingern wirklich von Hand gegossen. In Kupferkesseln werden zunächst Zucker, Gelatine, Aromen, Ingwer aufgekocht. Vier Kessel auf Gasbrenner in einer Reihe. Michael Seliger, der jüngste Enkel von Alfred Seliger, steht in einem weißen Kittel davor. Darunter aber trägt ein ganz famoses Blumenhemd und auf der Nase eine modische Brille. Sein Nacken ist sauber ausrasiert. Er hat eine beeindruckend gute Frisur. Genau 75 Grad muss die Masse haben. Es riecht zuckrig.

Im nächsten Raum wird gegossen. In Formen aus Maisstärke härtet die Flüssigkeit aus. Das geht so, dass man zunächst eine Positiv-Form macht, aus Gips zum Beispiel, die dann in einen mit Maisstärke ausgelegten Rahmen drückt. Dann entstehen Krater, in den Formen einer Maus, einer Katze und so weiter. Und da rein kommt das geschmolzene Zuckerzeug, härtet aus und fertig. Für diese Arbeit setzen sie tatsächlich nur ihre Hände ein. Thai-Frauen helfen bei der Verpackung ein paar deutschen Jungs beim Gießen. Das mit den Thai-Frauen sei Zufall. Früher hätten sie ja zwei Deutsche und eine Thai gehabt, die Deutsche sei dann krank geworden, und die eine Thai hätte dann gesagt, eine Freundin hätte noch Lust. Die zweite Deutsche wurde krank und so kam per Telefon die Hilfe aus Fernost. „Fleißig sind die Damen. Wirklich“, meint Michael Seliger.

Für das nächste Jahr ist ein Anbau geplant

Während Hans Riegel mit seiner Firma Haribo nach Belgien, Russland, nach Australien und Schweden liefert, konzentriert sich Aseli auf Berlin und auch Teile Deutschlands. Die Metro vertreibt seine Produkte unter anderem. Im Hofverkauf in der Gartenstraße kriegt man sie aber am günstigsten.

Michael Seliger muss nachdenken, deswegen raucht er eine Zigarre. „Aber nicht schreiben, sonst denken die Leute noch, wir seien reich.“ Die Kredite für die Fabrik müssen noch abbezahlt werden. Für das nächste Jahr plant er schon einen Anbau. Mit Hilfe eines neuen Vertriebs konnte er über die vergangenen vier Jahre seinen Umsatz steigern. Sein Bruder Christian arbeitet nur noch halbtags. Die Mutter, Elisabeth, 84 ist sie jetzt, wohnt noch über der Produktionsstätte und Schwägerin Liane macht die Buchhaltung.

150 Kilogramm Schaumzucker

Auf dem kleinen Korbstuhl, im Rücken den Backstein der Wand, über ihm einen Blumenkranz hängend, in den Aschenbecher auf der Spitzendecke des kleinen Tisches seine Kubanische aschend, denkt Michael Seliger jetzt also nach. Vielleicht geht er die Bestellungen durch. 20 Paletten in der Woche à 150 Kilogramm Schaumzucker. 144 Tonnen Schaumzucker im Jahr. Haribo macht 75 Tonnen Süßigkeiten am Tag. Vielleicht denkt er auch daran, wie sein Großvater die weiße Maus erfand. Wie genau, dass kann er nicht mehr sagen. Es muss Ende der Fünfziger gewesen sein. Jedenfalls sei die erste weiße Maus von Aseli gewesen und von niemandem anders. Damals wurden die Zuckerfiguren noch mit Ringen verkauft. Kleiner, süßer Spielzeugschmuck für Kinder.

„,Geh’ mal zum Juden und zahl’ die Ringe’, hat mein Vater immer gesagt“, meint Michael jetzt. Sein Vater Heinz übernahm die Firma von Alfred. Und jetzt führen die Firma die Brüder Michael und Christian. Beide haben noch die Ausbildung zum Konditor gemacht.

Flugzeuge brausen im Landeanflug auf Tegel über uns herüber, als wir uns in die Papierstraße aufmachen. Dort liegen die Produktionshallen der Firma Kryolan. Das ist ein Kofferwort und steht für Krause und Langer. Arnold Langer, der Gründer, lernte im Zweiten Weltkrieg den Kameraden Krause kennen. „Nach dem Krieg mach ich mich selbstständig“, sagt Langer damals und Krause antwortet, er sei dabei.

Erst 24 Jahre und schon Unternehmer

Mit vierundzwanzig ist Arnold Langer Unternehmer. Zusammen mit Krause macht er sich bald einen Namen an deutschen Theatern und beim deutschen Film. Mittlerweile stellen sie über 20.000 verschiedene Produkte her. Klassische Schminke, aber eben auch Blut, Erbrochenes – und alles, was irgendwie künstlich hergestellt werden muss an Biomasse für den Film.

Trübe Augen schauen einen an, redet man mit Arnold Langer, aber er selbst ist noch klar. Wir sprechen vom Russen in Frankfurt an der Oder, von Professor Reinhard von der Thannen, der kürzlich an der Komischen Oper als Kostümbildner „Hänsel und Gretel“ neu erfand. Der seit Jahren auf Kryolan schwört. „Wir machen die am besten verträgliche Schminke überhaupt. Der Schauspieler muss sich jeden Tag schminken. Wenn eine Frau ihr Make-up nicht verträgt, kann es weglassen oder ein anderes nehmen. Aber der Schauspieler, der sich beruflich schminkt, der muss sich darauf verlassen können. Der Junior hat ihnen schon vom nahen Osten erzählt, oder? Die können davon profitieren, was wir an den Schauspieler ausprobiert haben.“

Tatsächlich hat der Junior schon vom Nahen Osten berichtet. Dominik ist 29 und Betriebswirt. Anders als sein Großvater, der eben noch Chemiker war. „Saudi Arabien ist eines unser stärksten Länder.“ Insgesamt hat Kryolan weltweit verteilt 250 Angestellte. Es gibt Shops in Hamburg, Berlin, San Francisco, Chicago, Istanbul, Ankara, Mumbai und eben in Dschidda. Ein Scheich war auch schon in Berlin. Er kam mit dem eigenen Flugzeug. Dominiks Hemd ist rot und er ist stolz auf sich und die Erfolge seines Vaters und seines Urgroßvaters. Er berichtet von den arabischen Frauen, die er nie unverschleiert sehen durfte. Die im Adlon von einer Kryolan-Mitarbeiterin geschminkt wurden. Unverschleiert, bei geschlossener Tür, im Kreise des gleichen Geschlechts. Wie großartig die ausgesehen haben müssen. Natürlich übertriebener geschminkt als die Nordeuropäer, aber eben wunderschön.

Hundert Euro für einen Liter Blut

Voriges Jahr wollte Dominik der Einladung eines saudischen Geschäftspartners folgen. Er bekam das Visum nach drei Wochen. Seine Frau wartet bis heute darauf. Es absurd, aber Frauen können nur unter ganz besonderen Bedingungen nach Saudi-Arabien einreisen. Seine Frau jedenfalls durfte nicht. Und so verzichtete er. In den arabischen Ländern würden vor allen Dingen Privatpersonen die professionellen Produkte nach den Rezepturen seines Großvaters schätzen. Kunst-Blut gehe dort allerdings gar nicht. Aber das sei nicht so schlimm. Die Theater und Filmproduktionen kaufen genügend. Allein für eine Inszenierung der Nibelungen wurden 800 Liter Blut gebraucht. Der Literpreis startet bei dreißig Euro und geht bis hundert, je nach Konsistenz und genauer Farbe.

Ständiges Arbeiten an neuen Rezepturen

In einem Labor arbeitet Yousef Atapour an neuen Rezepturen. Früher stets gemeinsam mit Arnold Langer. Der schaut heute aber trotzdem über die Rezepturen. Es riecht steril, nach Alkohol. Herr Atapour hat gerade eine Maschine gereinigt. Er pinselt sich also etwas Weiß auf den rechten Handrücken. Titandixoid. „Wir arbeiten aber auch Lipglosse aus und natürlich gerade noch an Aqua Color Plus“. Das ist eine Weiterentwicklung von Aqua Color, einer fettfreien, abwaschbaren Cremeschminke, deren Rezeptur seit 1947 unverändert ist. Die Idee von Aqua Color Plus ist es, eine auf der Haut haftende Schminke zu erfinden, die auch übereinander verwendbar sein soll. Sich also nicht zu sehr vermischt. Arnold Langers und Yousef Atapours Rezepturen sind weltweit begehrt. „Cloud Atlas“, „Fluch der Karibik“, „Hulk,“ sie alle wurden durch Produkte von Kryolan ermöglicht. Aber auch die Theater- und Opernbühnen unserer Republik benutzten Kryolan-Produkte.

All das ist in der Holzstraße, 120 Meter nördlich in der Papierstraße, sehr weit weg. Für den Dachdecker Jörg-Dieter Mann sind es nach Dschidda eben doch 4100 Kilometer und kein Telefonat in eine Dependance. In seinem kleinen Büro-Container hängen die Meisterbriefe von Vater Georg-Dieter und Großvater Georg Mann an der Wand. 1936 wurde Georg Meister.

Das Dach der Kirche in Lübars

Jörg-Dieter Manns Vater, Georg-Dieter, machte zwar keine weltweiten Geschäfte, hat dafür das Dach der Kirche in Lübars gedeckt. Dort heirateten sein Sohn und seine Schwiegertochter Yvonne vor siebenundzwanzig Jahren. Im Berliner Zoo war dann Jörg-Dieter selbst zugange. 2009 erneuerte er mit Kollegen aus dem Norden das Reetdach des Schweinehauses. „Wollt ihr einen Kaffee?“, fragt seine Frau Yvonne. Sie kümmert sich um die Buchhaltung des Dachdeckerbetriebs.

Sohn Dominik ist gerade auf einem Dach. Auch er hat sich dafür entschieden, eine Ausbildung zum Dachdecker zu machen, steht kurz vor der Gesellenprüfung. Heutzutage darf man direkt nach der Ausbildung den Meister machen. Ausbilden zwar nicht, aber den Titel führen. Jörg-Dieter Mann brauchte damals noch eine Sondergenehmigung. Sein Sohn wird sich bald vom Acker machen, wie Jörg Dieter sagt. In einer andere Firma gehen. Vielleicht auch ins Ausland.

Man kann niemanden zwingen

„Vielleicht kommt er wieder“, sagt er, „vielleicht bleibt er kleben.“ Entweder bleibt man wegen einer Frau oder wegen einer Firma. „Aber das würde ich ihm natürlich auch gönnen“. Der Vater hat gelernt, niemand zwingen zu können. Denn das haben fast alle unserer Familienunternehmer erzählt: Mit dem eigenen Vater als Chef, als Ausbilder, ist es nicht leicht. Und auch schon vorher, wenn man die Ausbildung machen muss und soll, das kann einen immensen Druck aufbauen.

Michael Seliger blieb gar nichts anderes übrig, als Konditor zu werden – ganz wie sein Vater Heinz. Und Jörg-Dieter weiß noch, wie sein Vater unter Georg Mann gehorchen musste. „Mein Dad war einer der schärfsten Väter, den man haben könnte“, sagt er dann. Anders als der Großvater hat ihn der eigne Vater zu nichts gezwungen. Er hat ihn einfach machen lassen. Und auch, als er den ersten eigenen Auftrag an Land zieht – 16.000 Mark, ein Dach neu decken –, das Geld aber nie sieht, weil er einem Betrüger aufgesessen ist, lässt ihn der Vater nicht fallen. Jeder muss seine Fehler machen dürfen.

Dächer decken seit mehr als 80 Jahren

Seit 1930 gibt es Dachdecker-Betrieb Mann jetzt. Jörg-Dieter ist Landesinnungsmeister des Dachdeckerhandwerks und öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter im Dachdeckerhandwerk. Er ist seinen Weg gegangen. Hat die Firma, mit einen Ideen weiter nach vorne gebracht. Zwischen 20 und 25 Mitarbeiter beschäftigt. Vier Auszubildende davon. 2004 bekam er den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege verliehen.

Draußen in Reinickendorf, in den Straßen der dubiosen Gebrauchtwagen- und Schrotthändler, in Wurfweite der ehemaligen Grenze, unter der Einflugschneise zu Tegel, haben drei Familien an ihren Träumen festgehalten, sie haben aber auch der nachfolgenden Generation die Möglichkeit gegeben, sich zu entwickeln. Michael Seliger überlegt schon, wann er den Betrieb verkaufen kann, da braucht es wahrscheinlich noch einige Zigarren für. Weder er noch Christian haben Kinder in die Welt gesetzt. Aber Familie Langer und Mann können zuversichtlich in die Zukunft schauen. Und weiter wehen kleine Rauchringe vom Gründstück in der Granatenstraße in den Himmel.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.