Bei dieser Schutthalde in Prenzlauer Berg ist die erste Assoziation die Richtige. „Ach was! Ich habe mich gerade gefragt, wieso diese Folie da ist. Dann habe ich an Asbest gedacht – und dass es seltsam wäre, das einfach abzureißen“, sieht Rainer seine Gedanken bestätigt. Der Passant erinnert sich an den Abriss des Palasts der Republik zwischen 2006 und 2008 und dem sorgfältigen Umgang mit dem dort verbauten Asbest.

Donnerstag
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Ein hochgradig krebserregender Stoff, der 1993 in Deutschland verboten wurde. „Solange er nicht rausgerissen oder rausgeschnitten wird, ist Asbest ja ungefährlich – aber genau das scheint hier gemacht worden zu sein.“ Der Mann aus dem angrenzenden Bezirk Mitte spaziert wie viele andere an dem im Wind flatternden weißen Sichtschutz vorbei, der die Abriss-Arbeiten am DDR-Stadion, nur noch eine Ruine, im Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg verbirgt. „Das ganze passt mehr als gut zu Berlin“, sagt er.
Von den jüngsten Geschehnissen rund um das Abriss-Drama, der Asbest-Entdeckung, erfährt Rainer erst im Gespräch mit der Morgenpost – wie fast alle Angesprochenen an diesem sonnigen wie böigen Mittwochnachmittag. Dass sich unter den gut sichtbaren Planen direkt auf der anderen Seite des Sichtschutzes eine Halde mit asbesthaltigem Material verbirgt, das Bauarbeiter beim Abriss gefunden haben. Es dort bereits seit Wochen lagert, deklariert als gefährlicher Abfall, und als solcher in einer speziellen Deponie entsorgt werden muss. Dass sich die entsprechende Zuweisung allerdings, durch die Sonderabfallgesellschaft Berlin/Brandenburg (SBB), zieht. Ein genauer Entsorgungstermin steht laut Senatsbauverwaltung noch nicht.

Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg: So reagieren Anwohner auf Asbest-Fund
Experten des Senats vermuten, dass bei der Errichtung des Stadions zu DDR-Zeiten unsachgemäß gearbeitet wurde. Die Senatsverwaltung versucht allerdings zu besänftigen, nachdem eine Bürgerinitiative Strafanzeige gegen sie gestellt hat. Mit dem Vorwurf, den kontaminierten Schutt unter freiem Himmel zu verpacken, zu verschleiern und an Schutzmaßnahmen zu sparen. Die Verwaltung kontert, dass alle gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen zur vorübergehenden Lagerung umgesetzt worden seien: das Abdecken mit Planen, die Ausstattung der Arbeiter mit Schutzanzügen und Staubmasken, die Staubbindung mit Wassernebel.
Ein ungutes Gefühl, das zumindest überkommt die Spaziergänger hier trotzdem – vor allem jene, die mit Babys und Kindern vorbeilaufen, der unwillkommene Fund nur Meter entfernt. So wie Mutter Katja, die mit ihrem Kind am Sichtschutz vorbeispaziert und erstmals davon erfährt. „Ich laufe ganz gerne hier lang. Vielleicht mache ich das in Zukunft nicht mehr“, sagt sie der Morgenpost.

Abriss von Jahn-Stadion „Muss erwarten können, dass sich gut vorbereitet wird“
Und auch so wie Victoria, ebenfalls das Kind an ihrer Seite. Sie wohnen in der Sonnenburger Straße, in unmittelbarer Nähe. Von dem gefundenen Asbest hört auch sie zum ersten Mal. „Das ist nicht cool. Auch nicht, dass die Leute nicht informiert werden. Vielleicht nehmen wir das nächste Mal besser einen Umweg. Ich laufe hier mindestens zweimal täglich vorbei“, erzählt sie. Was sie grundsätzlich von dem Abriss und Bau eines neuen Stadions inklusive Umgestaltung des gesamten Sportparks hält? „Ich komme nicht aus der Gegend. Ich bin für die Zukunft und denke, dass das Neue seinen Zweck erfüllen wird.“
Anwohnerin Daria macht keinen Hehl aus ihrem Unverständnis für die unerwartete Entdeckung. Die gebürtige Moskauerin sitzt an der Grünfläche gegenüber des Sichtschutzes, neben dem Parkplatz. Ihre kleine Tochter läuft und springt strahlend umher. „Man kann doch nicht sagen, dass das aus dem Nichts kommt. Werden da nicht im Vorfeld Experten zurate gezogen? Warum gibt es in Berlin immer so große Überraschungen?“, fragt sie – und zieht Parallelen zur BVG. „Jeden Winter wieder ist etwas kaputt, wird in Durchsagen um Verzeihung gebeten – weil es völlig unvorhergesehen schneit? Man muss doch erwarten können, dass sich gut vorbereitet wird.“ Sie fühlt sich ungut an ihre Kindheit im Sozialismus erinnert.
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Asbest in Jahn-Sportpark „Heute zufällig in den Schlagzeilen gesehen“
Weniger überrascht ist Julia. Sie hält ihren Jungen im Grundschulalter an der Hand. „Ich habe noch nichts von dem Fund gehört, wundere mich aber nicht. Es ist Ostarchitektur. Ich bin im Osten aufgewachsen und weiß, dass das häufig verwendet wurde. Natürlich ist das schlecht, ich will mich aber auch nicht wie die typische Prenzlauer-Berg-Mutter aufregen“, sagt sie. Und das gesamte Bauprojekt Jahn-Sportpark? „Das ist bescheuert – denn ich wohne direkt angrenzend. Das bedeutet Jahre Baustelle.“
Auch Shoshana wohnt in unmittelbarer Umgebung. Sie findet das ganze Sportpark-Projekt „verrückt“. Das Geld jedenfalls könne an anderer Stelle besser genutzt werden – beispielsweise für marode Schulen. Vom Asbest habe sie zufällig erfahren: „Es hat mich schockiert, weil wir nicht informiert wurden. Es gab keine Briefe, gar nichts. Ich habe es heute Morgen zufällig in den Schlagzeilen gesehen“, so die Anwohnerin.
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„Es ist ein gefundenes Fressen für die Gegner des Projekts“
Entspannter sieht die Sache Markus. Er kommt täglich auf dem Weg zur Arbeit hier vorbei, wohnt im Wedding. „Ich glaube, dass das mit dem Asbest zu heiß gekocht wird. So schlimm ist es wahrscheinlich nicht. Doch es ist ein gefundenes Fressen für die Gegner des Projekts“, glaubt er. Deren Position gegen die Arbeiten im Sportpark sei „auch nachvollziehbar“, er selbst jedoch für das neue Stadion. „Ich finde es cool, denn das alte war marode und fertig.“
Seine Gelassenheit teilt Roland – obwohl er wie Mutter Victoria in der Sonnenburger Straße wohnt, kaum 200 Meter entfernt. „Als das Stadion in den 50ern gebaut wurde, wurde viel Asbest verbaut. Das wundert mich nicht“, erzählt er. Was das Gesamtprojekt angeht, sei er eigentlich leidenschaftslos – „aber ich finde es nicht schlecht. Die Bauarbeiten stören mich nicht und Erneuerung muss auch mal sein“, findet er. Vielleicht habe das aber auch damit zu tun, dass er Hamburger ist. Da werde ja viel neu gebaut – Ruinen aber stehen gelassen. „Ich sage nur René Benko.“





