Ohne allzu fatalistisch sein zu wollen: Unser Leben wird immerzu eingerahmt, um nicht zu sagen eingezäunt, von Vorgaben, Pflichten, Zwängen. Und dabei rede ich noch nicht einmal von den ganz rudimentären, biologischen – wie Schlafen, Nahrung aufnehmen und wieder veräußern. Ob im Arbeitsleben mit seinen 9-Uhr-Konferenzen, Abgabefristen und Urlaubsplanungen oder im Privaten, mit Familientreffen und Geburtstagsfeiern, an denen wir nicht immer partizipieren, weil wir es unbedingt möchten, sondern oft genug, weil andere es erwarten: tatsächlich frei sind wir selten.
Im Fitnessstudio bin ich mein eigener Boss
Wieso sollte ich mich dann auch noch in meiner Freizeit von einem Fremden anbrüllen, befehligen und zurechtweise lassen? Zu festen Zeiten, nach denen ich mich mit meinem Beruf sowieso kaum richten kann? Zu unter Umständen nervtötender Beschallung, die andere aussuchen? Und für den Drill dann auch noch bezahlen, so wie meine Kollegin Iris May es bevorzugt? Nein, ich möchte das Gegenteil: das Fitnessstudio als Autonomiegebiet, und zwar meines. Entscheidungen treffe ich hier selbst.
Wann ich hingehe und wieder aufbreche beispielsweise. Das kann Rund-um-die-Uhr-Öffnungszeiten sei Dank auch mal spätabends oder gar nach Mitternacht sein und wird mit einem leeren, quasi Privatstudio belohnt. Oder was ich auf welche Weise und wie intensiv trainiere. Das setzt eine gewisse Eigenplanung voraus, erübrigt sich aber mit etwas Erfahrung, da die Erstellung vernünftiger Trainingspläne keine Raketenwissenschaft ist (ganz am Anfang kann und sollte man sich hier von einem Trainer unterstützen lassen!). Und schließlich, welche Musik ich meinem Gehörgang dabei zufüge. Nichts geht über meine ganz eigene Metal- und Techno-Liste auf Spotify, um bei Kraft- und Kardiotraining über mich hinauszuwachsen. Und wenn es mir zu viel wird, darf es auch mal ein Podcast sein – oder sogar einfach nur die Noise-Cancelling-Funktion meiner Kopfhörer.
Im Ergebnis führt die Fitness-Freiheit mitnichten zu Faulheit und Misserfolg. Ja, die eine oder andere Pause zwischen den Trainingssätzen ist länger, als es jeder Drill-Instructor ertragen würde, wenn ich nebenbei auf dem Smartphone einen Artikel der Berliner Morgenpost lese. Und noch länger, wenn ich in einem gelegentlichen Plausch mit einem anderen Studiobesucher hängenbleibe. Doch genau dieses Zugeständnis an mich selbst verschafft mir den Freiraum, den ich brauche, um nicht erdrückt zu werden und langfristig motiviert zu bleiben. Zwischen Leistung und Laissez-faire, Eigenantrieb und gut sein lassen. Fitness mit Einpeitscher? Ohne mich!



