Energiekrise

Heizen in Prenzlauer Berg: Kohle wird heiß begehrtes Gut

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Der Mann mit der Kohle: Händler Torsten Mai aus Spandau würde gern mehr liefern, als er kann.

Der Mann mit der Kohle: Händler Torsten Mai aus Spandau würde gern mehr liefern, als er kann.

Foto: Florian Boillot / BM

Kohle ist in der Energiekrise teuer und begehrt. Die Preise explodieren, es kommt zu langen Lieferzeiten – und Betrug.

Berlin.  Hohe Gaspreise gepaart mit der Angst vor einem Lieferstopp: In diesem Winter rücken alternative Energieträger wieder in den Fokus der Verbraucherinnen und Verbraucher. Nach neuesten verfügbaren Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) von 2019 werden immerhin noch 0,1 Prozent der 1,9 Millionen Wohnungen in Berlin überwiegend mit Kohleinzelöfen beheizt. Eine davon steht in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Cordula Schmitz (Name geändert) öffnet die Tür ihres Kachelofens. Rötlich glimmend sind dort die Kohlen zu erkennen. „Das sind meine Letzten“, sagt sie. Doch sie hat Glück: Nach vielen Telefonaten, gut sechs Wochen Wartezeit und einem wegen Krankheit verschobenen Liefertermin, hat sich für den Nachmittag Kohlehändler Torsten Mai angekündigt. Nachbarn sind hingegen leer ausgegangen, haben teilweise noch gar keinen Liefertermin.

Dass die 51-Jährige mit Kohle heizt, fällt in dem gepflegten Altbau nicht groß auf. Der in beigen Kacheln gehaltene Ofen fügt sich gut in die Wohnung ein. „Ich bin mit einer Kohleheizung aufgewachsen“, sagt Schmitz. Sie schätzt die langanhaltende, wohlige Wärme. „Fünf Kilo halten etwa zwölf Stunden.“

Prenzlauer Berg: Kohleofen heizt sich in rund einer Stunde auf

Bis es soweit ist, dauert es nach Angaben von Schmitz rund eine Stunde. Die Vorbereitung dazu ist weniger aufwendig, als man denken könnte: Der Ofen hat zwei Klappen. Hinter die obere wird die Kohle zusammen mit einem Anzünder und etwas Anmachholz auf ein Rost gelegt. Die Asche fällt anschießend in die untere Kammer, wie sie durch eine weitere Klappe entfernt werden kann. Diese Klappe bleibt in der ersten Phase des Anheizens geöffnet, um die Feuerstelle mit genügend Sauerstoff zu versorgen.

Schmitz hat neben dem Kohleofen – wie in vielen Gebäuden im ehemaligen Ostteil der Stadt – auch noch eine Außenwandheizung vom Typ Gamat in der Wohnung. Damit können einzelne Räume schnell aufgeheizt werden, „entsprechend ist aber auch der Verbrauch“, sagt sie. Erst kürzlich habe ihr Versorger die Vorauszahlung für Gas von 90 auf 180 Euro verdoppelt.

Entsprechend hoch ist der Anreiz, mit Kohle eine Alternative zu haben, auch wenn die Preise ebenfalls stark gestiegen sind. „Vor einem Jahr habe ich für zehn Kilo vier Euro bezahlt. Heute sind es 14“, sagt sie. Während Cordula Schmitz in den Vorjahren einfach bei Gelegenheit immer mal wieder Kohle beim Discounter gekauft hat, ist sie dort nicht mehr oder nur noch zu Mondpreisen von mehr als 30 Euro verfügbar.

Darum hat Schmitz in diesem Jahr zum ersten Mal bestellt und dann gleich soviel wie noch nie: 500 Kilo. Damit hofft sie, durch den Winter zu kommen. „Ob das letztlich günstiger ist, weiß ich aber nicht“, sagt sie. Jedenfalls sei es aber eine Reserve, auf die sie immer zurückgreifen könne. Sollten ihre Nachbarn keine Lieferung mehr bekommen, sei sie aber auch bereit, zu teilen.

Kohleauslieferung in Berlin ist ein Knochenjob

Wenig später klingelt es und Torsten Mai vom Brennstoffhandel Berlin steht draußen vor der Tür. Mitarbeiter Alexander Rodriguez holt derweil bereits die Kohlebriketts der Marke Rekord mit einem Hubwagen aus dem Lastwagen.

So geht es rückenschonend in den Hinterhof, wo der 35-Jährige die Briketts auf eine Sackkarre umlädt und dann Stufe für Stufe in den engen Altbau-Keller bugsieren muss. „Ein Knochenjob“, gibt er unumwunden zu. Doch dafür stimme das Trinkgeld. Man kann es sich denken in diesen Tagen, in den die Kunden besonders dankbar sind für die Lieferung.

Mai wird dieses Jahr höchstwahrscheinlich weniger Kohle verkaufen als im Vorjahr, trotz gestiegener Nachfrage. Denn er er weiß noch gar nicht, ob er selbst noch einmal Nachschub bekommt. „Wir liefern deswegen nur an Kunden, die auch eine Kohleheizung haben und begrenzen die Menge auf 500 Kilo“, sagt er. Auch der 50-Jährige musste die Preise in diesem Jahr ordentlich anziehen, will aber keine Spekulanten bedienen.

Händler aus Spandau will sich nicht an Spekulation beteiligen

Trotzdem erreichen den Inhaber des Brennstoffhandels bereits Mails voller Verzweiflung. „Vergangene Woche haben wir einen Kunden beliefert, in dessen Wohnung die Temperaturen im einstelligen Bereich waren“, so Mai. Die Nachfrage ist so hoch, dass der Betrieb aus Spandau auch über die warmen Monate hindurch ausgeliefert hat, „und das, obwohl wir zum ersten Mal keine Sommerpreise angeboten haben“.

Einkaufspreise, die sich in der Spitze verzehnfacht haben, locken dabei auch unseriöse Anbieter in das Metier. Für Mai und seine Kunden durchaus gefährlich. Vor einigen Monaten sei seine Webseite kopiert worden. „Die haben nur den Namen des Geschäftsführers und die Kontonummer ausgetauscht“, sagt er. Und sich ausschließlich per Vorkasse bezahlen lassen. Und höchstwahrscheinlich nie Ware geliefert.

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Mai geht dagegen vor, schaut im Internet gezielt nach weiteren Anbietern. „Wenn der Preis zu gut klingt, Telefonnummer und Impressum fehlen und nur per Vorkasse bezahlt werden kann, sollte man misstrauisch werden“, rät er Kunden. Cordula Schmitz ist bereits vorsichtig: Aus Angst vor Diebstahl ihrer Kohlen aus dem Keller will sie wieder ihre genaue Adresse noch ihren Namen in der Zeitung lesen.