Kampagne wiederbelebt

Offene Ohren für Skeptiker: Wie Pankow gegen Omikron impft

| Lesedauer: 6 Minuten
Neuer Wirkstoff gegen Omikron ohne Termin: Emine Eren und Juliane Ryczewski vom Gesundheitsamt Pankow sind Expertinnen für hyperlokale Corona-Impfaktionen. Die haben nun wieder Konjunktur.

Neuer Wirkstoff gegen Omikron ohne Termin: Emine Eren und Juliane Ryczewski vom Gesundheitsamt Pankow sind Expertinnen für hyperlokale Corona-Impfaktionen. Die haben nun wieder Konjunktur.

Foto: Thomas Schubert

Trotz hohem Aufwand startet der Bezirk Pankow eine Corona-Impfaktion in cityfernen Ortsteilen. Dahinter steckt eine Erkenntnis.

Berlin.  Zwei Jahre nachdem Biontech, Moderna und Astrazeneca beim Entwickeln ihrer Corona-Impfstoffe den Durchbruch feierten, haben sich die Verhältnisse komplett verkehrt. Herrschte Anfang 2021 zum Start der Immunisierungskampagne in Deutschland und Berlin noch akuter Impfstoffmangel, kann heute jeder den Piks bekommen, der ihn will. Selbst das neueste Vakzin, abgestimmt auf die Omikron-Varianten BA.4 und BA.5, ist diesen Herbst sofort verfügbar. Statt Impfstoffmangel herrscht jetzt ein Mangel an Impflingen. Im einwohnerstärksten Bezirk Pankow braucht es längst kein Velodrom mehr, um die Nachfrage zu stillen. Jetzt ist die Zeit des hyperlokalen Impfens.

Ein sonniger Novembermorgen im Bürgerhaus Buch. Ein Klappschild an der Tür wirbt für den Covid-Schutz im Vorübergehen - ohne Termin. Dies ist eine Impf-Sonderaktion speziell für den Ortsteil Buch. Nirgends im Bezirk ist die Bevölkerung so alt, die mutmaßliche Zahl an Hochrisikopatienten so hoch.

Der Biontech-Booster gegen die vorherrschende Omikron-Variante ließe sich hier nach einem Gang ins Bürgeramt im gleichen Gebäude abholen. Oder vor einer Shoppingtour in der Einkaufsstraße. Mit hohem Aufwand hat Pankows Gesundheitsamt hier seine Impfkampagne wieder in Gang gebracht, um da zu sein, wo die Menschen an einem Werktag im November wahrscheinlich weilen.

Corona-Impfaktionen in Pankow: Das Gegenteil von Fließband-Betrieb

Aber das fünfköpfige Team der Impfstelle des Gesundheitsamts Pankow ist an diesem Morgen gegenüber den Impflingen meist in der Überzahl. Am Engagement der Mannschaft kann die Zurückhaltung nicht liegen. Jeder Besucher wird freundlich begrüßt, aufgeklärt, immunisiert und nachbeobachtet. Den Corona-Schutz erwirbt man in hellen Kabinen, frei von Hektik. Es ist das Gegenteil des Fließband-Betriebs, als im Winter 2021 die großen Berliner Impfzentren am Anschlag liefen. Lohnt sich der Aufwand, einer zweitägigen Impfaktion an Berlins nördlichem Stadtrand überhaupt?

Tülay Kalokoh ist davon überzeugt. Als Leiterin der Impfaktion im Bürgerhaus Buch sieht die Ärztin ihre Mission nicht in der Immunisierung der Massen. Im Gegenteil. „Nur eine Beratung bekommen, das geht bei uns auch“, verweist Kalokoh auf die Softskills ihres Teams. Es sind ausdrücklich auch die willkommen, die an Corona-Impfungen zweifeln. Solche, die nach einer Beratung wieder gehen und vielleicht später einen Termin beim Hausarzt buchen.

Für Impf-Skeptiker: Pankow legt auch Protein-Impfstoff bereit

Ziel des hyperlokalen Impfens in Pankow ist es, näher an jenen dran zu sein, die nicht wissen, ob sie einen Omikron-Booster überhaupt wollen. Näher an denen, die ihre Skepsis spät begraben, ihre Scheu fast zwei Jahre nach Einführung der Vakzine ablegen. „Es gibt durchaus auch Besucher, die sich heute bei uns ihre Erstimpfung holen“, verrät Kalokoh. Um bei einer solchen Ortsteil-Aktion in Ruhe über Chancen und Risiken einer Covid-Impfung reden zu können, dafür nimmt das Gesundheitsamt Pankow in Kauf, dass man nicht allzu viele Dosen verimpft. Wie viel Vorrat für die Aktion im Bürgerhaus Buch bereitliegt, will das Team nicht verraten. Aber es ist so viel, dass jeder wählen kann: Zwischen einem Vakzin für die Erstimpfung, zwischen dem BA.4 / BA.5-Omikron-Booster und einem Proteinimpfstoff für solche, die der mRNA-Technologie misstrauen.

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Neuer Omikron-Impfstoff: Diese Praxen bieten ihn an

Aber die meisten, die am Mittwoch ins Bürgerhaus kommen, wollen die Auffrischung gegen Omikron. „Diesen neuen Wirkstoff“, wie die Anwohnerin Renate an der Theke mitteilt. „Ich hatte erst meine Zweifel, ob ich die vierte Impfung brauche“, erzählt sie, als sie mit einem Pflaster am Oberarm die Räume wieder verlässt. „Aber als eine Freundin einen schweren Corona-Verlauf hatte, habe ich mich entschieden.“ So hört man es an diesem Vormittag häufiger: Wer im Bürgerhaus erscheint, dem ist die Dringlichkeit durch Erkrankungen im Umfeld klar geworden. Was die Besucher treibt, ist der Wunsch, gesund zu bleiben in diesem dritten Corona-Winter.

Zweiter Booster gegen Corona: Quote in Berlin bei 12,4 Prozent

Deshalb findet sich auch Torsten Hofer ein. Als Abgeordneter der SPD will er es vermeiden, im erwartetem Winter-Wahlkampf vor einer Wahlwiederholung mit Covid flachzuliegen. „Beim Hausarzt hätte ich auf einen Impftermin warten müssen. Bei der Impfaktion klappt es sofort“, begründet Hofer, warum er sich in Buch den vierten Piks holt.

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455.000 Menschen haben in Berlin bisher den zweiten Booster erhalten, was einer Quote von 12,4 Prozent für die Viertimpfung ergibt. 2,3 Millionen Mal wurde die erste Auffrischung verabreicht (63,6 Prozent). Die Zunahme erfolgt nur schleppend, lediglich knapp 40.500 Spritzen setzten Ärzte in ganz Deutschland am 1. November.

Impfaktion des Gesundheitsamts Pankow in Buch geht weiter

Tülay Kalokoh und ihr Team arbeiten daran, dass es in Berlin-Buch ein paar mehr werden. Das erhoffte Erfolgsrezept: Man begibt sich in einen cityfernen Ortsteil. Und man hat Verständnis für Impfskeptiker. „Es ist nicht verkehrt, wenn einer kritische Ansichten hat“, sagt Kalokoh. Ihrem Impfteam vom Gesundheitsamt Pankow sei aber noch „kein Rückläufer“ bekannt geworden. Niemand, der mit schweren Nebenwirkungen behandelt werden musste. Und wer bei der Beratung im Bürgerhaus Buch trotzdem nicht zu überzeugen ist, der muss für die Berliner Impfkampagne nicht verloren sein. „Wir sagen dann: Gerne ein andermal“.

• Info: Weitere Corona-Impfaktionen des Gesundheitsamtes Pankow im Bürgerhaus Buch, Franz-Schmidt-Straße 8: Mittwoch, 30. November, 9.30 bis 13.30 Uhr. Donnerstag, 1. Dezember, 15 bis 18 Uhr, jeweils ohne Termin.

Alle Termine der Impfstelle des Gesundheitsamts Pankow finden Sie hier.