Berlin-Pankow

Berliner Baustellen-Drama: Sechs Jahre für 1050 Meter Straße

| Lesedauer: 5 Minuten
Die Schönstraße in Berlin-Weißensee verbindet auf nur einem Kilometer Länge viele erstaunliche Baublockaden. Radlader gehören hier von 2018 bis 2024 zum Inventar.

Die Schönstraße in Berlin-Weißensee verbindet auf nur einem Kilometer Länge viele erstaunliche Baublockaden. Radlader gehören hier von 2018 bis 2024 zum Inventar.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

Eine Reihe außergewöhnlicher Umstände warf die Sanierung der Schönstraße in Weißensee weit zurück. Auch die Kosten steigen rapide.

Berlin. Freie Fahrt? Nicht auf der Schönstraße. Hier gibt es seit 2018 kein Durchkommen mehr. In immer neuen Abschnitten arbeitet das Bezirksamt Pankow an einer „grundhaften Instandsandsetzung“ dieser Kiezpassage, wie es im Amtsdeutsch heißt. Anders gesagt: Hier laufen Arbeiten an etwas, das Nachbarn in Weißensee für selbstverständlich halten: intakte Leitungen. Darüber eine ebene Fahrbahn für den Autoverkehr. Sauber verfugte Bürgersteige. Ab und an ein Straßenbaum. Doch die Entwicklungen bei der Sanierung der Schönstraßen, sie waren hässlich – anders als ihr Name verheißt.

Ganze drei Jahre zu spät kommen die Arbeiten zum Ende, berechnet Pankows Verkehrsstadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) auf Anfrage des SPD-Politikers Henrik Hornecker. Voraussichtlich 2024 ist Schluss. Zumindest, wenn nicht noch mehr dazwischen kommt. 2018, als Baufirmen die Aufstemmung der marode Schönstraße mit Presslufthämmern begannen, war Anders-Granitzki noch Dozentin. Niemand ahnte, dass der Ersatzneubau einer 1050 Meter kurzen Straße sechs Jahre dauern könnte. 2018, da erlebte ihr Amtsvorgänger den ersten Dämpfer.

„Infolge massiver Beschwerdeführungen der anliegenden Nutzer der Ärztehäuser, Gewerbetreibenden und Anwohner“ musste der Bezirk umplanen, damit die Schönstraße als Einbahnstraße befahrbar bleibt. So ist es in den Unterlagen überliefert, die Pankows heutige Verkehrsstadträtin nun vorfand.

Das Problem der Schönstraße in Weißensee: Bauleistungen wurden „kleinteilig“

2019 habe eine „Änderung der Technischen Regelungen für Arbeitsstätten“ dazu geführt, dass aus einem großen Bauabschnitt viele kleine Bauabschnitte werden mussten. Nur so war die „die Versorgungssicherung der Ärztehäuser und Gewerbetreibenden zu gewährleisten“. Dazu muss man wissen, dass sich direkt an der Baustelle die Parkklinik Weißensee befindet. Das wusste man schon bei der Planung.

Aber weil die Klinik auf eine bessere Erreichbarkeit bestand, wurde die Arbeiten so portioniert, dass Rettungswagen immer durchkommen. Doch so begannen die Probleme in der Schönstraße: Bauleistungen, die am Stück geschehen sollten und spätestens 2021 hätten zu Ende sein können, wurden „kleinteilig“. Und je kleinteiliger eine Baustelle, desto langsamer der Baufortschritt. Dabei war das Straßenbauprojekt durchaus effizient geplant: Damit nicht zweimal oder gar noch öfter gegraben und gesperrt wird, schlossen sich die Berliner Wasserbetriebe und Kabelbetreiber dem Bezirk gleich an.

Aber was dann geschah, hatte keiner der Bauherren kommen sehen. Erst bei Projektstart stellte sich heraus, dass Gasleitungen im Boden anders lagen als beschrieben. Das hieß: Erst die komplette Gasleitung absenken, dann losbauen, wie eigentlich geplant. Und bei der Entsorgung des alten Asphalts und der Bodenfüllung lauerte das nächste Hemmnis: Die „Bestimmung eines regelkonformen Entsorgungswegs“ fraß Zeit – denn auch der alte Asphalt der Schönstraße entsprach nicht den Beschreibungen.

Bezirksamt Pankow befürchtet Mehrkosten von über 1,6 Millionen Euro

Relativ harmlos: der vierte Grund für die dreijährige Verzögerung des Bauerfolgs. „Unvorhersehbarkeiten“ traten laut Anders-Granitzki mehrfach auf. Es waren zwar keine Dramen, doch die Vorkommnisse seien „in der Summation ebenfalls nicht zu nicht vernachlässigen“.

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Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die Mehrkosten durch die Summe der Probleme: 1,6 Millionen Euro zahlt der Bezirk Pankow drauf. 2,8 Millionen Euro waren anfangs kalkuliert. Aber auch beim Preisaufschlag könnte es noch neue Sachstände geben. Drei Faktoren sind geeignet, den Preis nach Einschätzungen des Bezirks noch nach oben treiben. Erstens: „Eventuelle noch zu beauftragende Zusatzleitungen.“ Zweitens: „Die Entwicklung der baubetrieblichen Kosten.“ Und drittens: „Die Kostenentwicklung bei Lohn- und Stoffpreisen.“ Zumindest letzteres Problem hat Weißensees ewige Baustelle mit allen anderen gemein.

In Reinickendorf startet nun ein ähnlich riskantes Projekt

Dass sich Berliner Bezirke in langwierige Sanierungsprojekte für Kiezstraßen verstricken, ist durchaus nicht ungewöhnlich. In Reinickendorf schickt sich derzeit die Verwaltung zum Beispiel an, die Straßenzüge Schmitzweg, Heiligental und Brodersenstraße bis 2025 von Grund auf zu erneuern. Auf einer Streckenlänge von 1,2 Kilometern arbeiten sich die Berliner Wasserbetriebe, Vattenfall, die Telekom und Kabel Deutschland nach und nach an der Infrastruktur ab, wie es die Berliner Woche berichtet.

Laut Reinickendorfs Baustadträtin Korinna Stephan (Grüne) hält auch dieses Vorhaben Unwägbarkeiten bereit. Den genauen Zustand des Unterbaus und der Leitungen erfahre man erst beim Öffnen der Straße. „Schon deshalb wären Aussagen zum zeitlichen Ablauf immer nur unter Vorbehalt möglich“, sagt sie. Stephan wird aus Erfahrung sprechen. Denn vor ihrem Stadtratsposten in Reinickendorf war sie zufälligerweise Mobilitätsbeauftragte in Pankow und wies dort regelmäßig auf die Konflikte hin, die der Autoverkehr in die Kieze bringt. Zu einer Zeit, als es in Weißensees Schönstraße schon lange kein Durchkommen mehr gab. Allerdings nicht aus verkehrspolitischen Gründen – sondern wegen der ersten hässlichen Entdeckungen im Untergrund.

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