Windenergie

Warum alle sechs Windräder Berlins in Pankow stehen

| Lesedauer: 6 Minuten
Thomas Schubert
Windrad-Bauer Jan Teut (2. von links) feierte im Herbst 2021 mit Lokalpolitikern symbolisch die Fertigstellung der sechsten Windkraftanlage in Pankow und Berlin. Seit Russlands Krieg sind selbst Projekte in Wäldern kein Tabu mehr.

Windrad-Bauer Jan Teut (2. von links) feierte im Herbst 2021 mit Lokalpolitikern symbolisch die Fertigstellung der sechsten Windkraftanlage in Pankow und Berlin. Seit Russlands Krieg sind selbst Projekte in Wäldern kein Tabu mehr.

Foto: Thomas Schubert

Der Ukraine-Krieg gibt Windrad-Projekten Aufwind. Doch nur ein Berliner Bezirk kennt sich aus – und niemand will dort bauen. Warum?

Berlin. Als Bauherren im letzten Herbst am Fuß des sechsten und höchsten Berliner Windrads das Glas erhoben, war der russische Krieg in der Ukraine unvorstellbar – und doch nur wenige Monate entfernt. Kritiker des Projekts fiel es leicht, auf das schwierige Verhältnis von jahrelangen Genehmigungsverfahren und der Energieausbeute zur Versorgung von höchstens 3000 Haushalten hinzuweisen. Es fiel nicht schwer, daraus zu schließen, dass sich der Windrad-Bau in Berlin kaum lohnt. Das war im September 2021.

Ein halbes Jahr später änderte der Angriff Russlands schlagartig auch die Dringlichkeit bei der Energiewende. Von russischem Gas unabhängiger zu werden, dafür sind der Politik nun viele Mittel recht. Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) sieht die Zeit gekommen, den Abschied von russischem Gas auch mit dem Bau von weiteren Berliner Windrädern zu beschleunigen. Selbst Prüfungsverfahren in Landschaftsschutzgebiete und Wälder sind kein Tabu.

„Der Gau kommt am Anfang“: Genehmigungen für Pankows Windräder hart erkämpft

Wie genehmigt und baut man Windräder in Berlin? Das Bezirksamt Pankow besitzt als einziges Erfahrung beim Beantworten dieser Frage. Alle sechs Berliner Windräder erheben sich rund um die Autobahn A114 auf Feldern. Alle sechs mussten von Baustadträten der Grünen gegen massive Widerstände des Senats, zum Teil auch gegen Klagen von Umweltschützern verteidigt werden.

„Der Gau kommt am Anfang“, nennt Windanlagen-Betreiber Jan Teut, der Erbauer des sechsten Windrads, westlich der Bundesstraße 2, ein Sprichwort in seiner Branche. Tatsächlich glich das Genehmigungsverfahren aus Betreibersicht einem behördlichen Spießrutenlauf. Nachweise, dass seltene Vogelarten und Anwohner nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, dafür braucht es Gutachten. Und Beharrlichkeit, um Rückschläge zu überwinden. Zu Plänen für weitere Windkraftanlagen in Berlin äußert sich die Firma Teut bisher nicht. Auch sonst, scheinen Bauspezialisten selbst Berlins Musterbezirk Pankow inzwischen zu meiden. Obwohl eine interne Studie des Senats aus den 2000er Jahren, die der RBB nun diskutiert hat, Platz für bis zu sieben weitere Windräder in Pankow ausweist.

Bezirksamtsbeschlüsse in Pankow gaben Bauherren Aufwind

„Dem Bezirk sind derzeit keine konkreten Planungen für weitere Windenergieanlagen bekannt“, berichtet Baustadträtin Rona Tietje (SPD) von einer Flaute trotz politischem Aufwinds für Ökostrom-Projekte. Zwar ist vor allem die Senatsumweltverwaltung für Genehmigungsverfahren verantwortlich. Aber die bisherigen sechs Windkraftprojekte kamen vor allem zustande, weil das Bezirksamt Pankow sich erst mit Betreiberfirmen wie Teut absprach – und dann interne Beschlüsse herbeiführte, die Projekte trotz Turbulenzen zu unterstützen.

Anders als in Flächen-Bundesländern wird in Berlin jeder Fall einzeln betrachtet, betont Tietje eine Schwierigkeiten: „Viele Städte und Gemeinden haben sogenannte Konzentrationszonen im Flächennutzungsplan ausgewiesen. Hierbei werden eine Vielzahl von Rahmenbedingungen analysiert: Etwa Abstände zu Siedlungen, Widerspruch zu den Darstellungen im Flächennutzungsplan und Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege.“

Um 3000 Haushalte zu versorgen, braucht es lange Kämpfe mit Berliner Behörden

Weil im Land Berlin keine Konzentrationszonen existieren, braucht es laut Tietje „eine umfangreiche Standort-Einzelprüfung“. Und die verlangt von den Anlagen-Betreiber Zeit, Personal und Nerven. Die Relation von Aufwand und Nutzen, sie spricht bislang gegen Windenergie made in Berlin. Um im Idealfall 3000 Haushalte mit Strom zu versorgen, dafür gab es im Fall des sechsten Windrads der Firma Teut einen jahrelangen Kampf mit behördlichen Mühlen.

„Wir brauchen vor allem das Signal: Ja, wir wollen das“, nennt Pankows Bundestagsabgeordneter Stefan Gelbhaar (Grüne) seine Schlussfolgerungen aus bisherigen Projekten. Als der Start für Pankows erstes Windrad 2007 wegen einer Bedrohung für den Rotmilan und andere seltene Vögel wackelte, kämpfte Gelbhaar an der Seite der Betreiber. Auch das Bundesrecht habe Erbauern von Windkraftanlagen bislang „nicht das das ideale Setting geboten“. Mit der Ampel-Bundesregierung wolle man das ändern. Von Behörden in Berlin verlangt Gelbhaar den Mut, einzelne Standorte aktiv zu untersuchen: Und wenn dann Naturschutzregeln gegen ein Windrad sprächen, könne man das Projekt immer noch stoppen.

Pankows Baustadträtin befürchtet Konflikte mit großen Wohnungsbauprojekten

Zu den laut der alten Senatsstudie möglichen Standorten in Pankow, die allesamt am Stadtrand liegen, zählt auch der Bucher Forst. „Angesichts der Windenergie-Ausbauziele der Bundesregierung wird sicher auch der Wald verstärkt in den Fokus der Diskussion kommen. Ich würde Waldflächen nicht generell als Windrad-Standort ausschließen, aber hier ist natürlich eine besondere Sensibilität in Hinblick auf die naturschutzrechtlichen Belange im Verhältnis zum erzielten Ertrag erforderlich“, sagt dazu SPD-Stadträtin Tietje.

Für sie ist klar, dass sich Unterstützung oder Ablehnung nach den konkreten Standorten richten muss, die Betreiber vorschlagen. Oft entstehen an möglichen Stellen Konflikte mit der Planung von großen Wohnungsbauprojekten – auch darin ist Pankow Primus. Und soll es laut Tietje auch bleiben.

Pankower Abgeordneter sieht die Zukunft in Mini-Windkraftanlagen auf Dächern

„Überhaupt gar nichts“, hält der Pankower Abgeordnete Johannes Kraft (CDU) von einer Windrad-Lösung im Bucher Forst. Beeinträchtigungen für die Umwelt und mögliche Wohnungsbauvorhaben in der Umgebung seien viel zu hoch. Anderseits betont Kraft, dass er weniger invasive Projekte unterstützt hat. Und beträchtliche Chancen für Anlagen auf Hausdächern sieht.

Abonnieren Sie den Pankow-Newsletter der Berliner Morgenpost

So genannte Mini-Windkraftanlagen seien in Kästen eingehaust und leicht an die bestehende Kabel-Infrastruktur in Berlin anzuschließen. Mit einer Anfrage will Kraft den Senat nun zum Potenzial von Mini-Windanlagen auf Dächern befragen. Die Idee: Statt weniger neuer Riesen-Mühlen am Stadtrand könnten sich viele kleine drehen – direkt in den Kiezen.

Weitere Nachrichten aus Pankow lesen Sie hier