Freizeit für Kinder

Wie Pankow die Spielplatz-Misere beenden will

In Pankow sind besonders viele Spielplätze beschädigt. Trotz Hilfe der Eltern ist das Bezirksamt mit der Sanierung überfordert

Christoph Weyl, seine Tochter Carla und Anke Tiedt haben verwilderte Spielplätze in Pankow satt

Christoph Weyl, seine Tochter Carla und Anke Tiedt haben verwilderte Spielplätze in Pankow satt

Foto: Thomas Schubert

Pankow.  Die Hütte oberhalb der Rutsche ist bei einem Feuer abgebrannt, Unkraut hat die Sitzbänke umschlungen. Im Sandkasten wächst das Gestrüpp der kleinen Carla buchstäblich über den Kopf. Dass die Dreijährige den gesperrten Spielplatz an der Duseke-straße ausnahmsweise betreten darf, soll nur die Dramatik der Lage verdeutlichen.

Wo sich in diesem Herbst noch ein verheerender Anblick bietet, soll Carla mit ihren Freunden schon im kommenden Frühjahr umhertoben können. Dafür sorgt nicht etwa ein vom Staat beauftragte Bautrupp, sondern der Vater des Mädchens, Christoph Weyl. Als Vorsitzender des Vereins „Kiezinseln“ werden er und seine Mitstreiter selbst anpacken und sogar Spenden sammeln, damit gesperrte Spielplätze wie derjenige in der Dusekestraße wieder in Schuss kommen. „Es geht zunächst einmal darum, dass wir dabei helfen, beschädigte Spielgeräte abzureißen. Dann haben Kinder wenigstens eine Fläche zum Ballspielen“, sagt Weyl. Neue Spielgeräte zu beschaffen, das wäre dann der nächste Schritt. Und auch dabei will das 60-köpfige „Kiezinsel“-Team helfen.

Mit einem Vertrag haben die Initiative und das Bezirksamt ihre Partnerschaft offiziell besiegelt. Auch die Übertragung von Spendengeld speziell für die Reparatur der Spielplätze ließ der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) in dem Papier regeln.

Doch auch die engagierteste Elterninitiative kann die Schieflage, in der sich vor allem die östlichen Innenstadtbezirke befinden, kaum aufwiegen. Von den 1839 öffentlichen Spielplätzen im ganzen Stadtgebiet waren bei einer Zählung im März dieses Jahres 770 beschädigt, meldete die Senatsverwaltung für Umwelt auf Anfrage des CDU-Abgeordneten Stefan Evers. In Pankow war die Quote zuletzt noch wesentlich schlechter: Auf 160 von 212 Spielplätzen waren nach Zählung der Senatsverwaltung entweder einzelne Geräte unbenutzbar – oder die Anlagen als Ganzes galten als Sanierungsfall. Aktuell in 39 Fällen sind die Spielstätten teilweise oder komplett gesperrt. Ähnlich düster bewertet die Verwaltung die Lage im Bezirk Mitte: Auch hier waren zwei Drittel der Anlagen teilweise oder komplett beschädigt.

Sperrungen sollen maximal zwei Monaten dauern

Verhältnismäßig gut gepflegt sind hingegen Spielplätze in Charlottenburg-Wilmersdorf und in Reinickendorf. Dort gilt es, wesentlich weniger Anlagen instand zu halten als in Pankow. Nur in Mitte fällt die Zahl mit 253 Spielplätzen noch höher aus.

Zu wenig Geld und zu wenig Personal für besonders viele Kinderoasen – das sind aus Sicht von Stadtrat Kuhn die Gründe, weshalb Bezirke wie Pankow weit hinten liegen. „Man müsste 40 bis 50 Millionen Euro in die Hand nehmen, um Abhilfe zu schaffen“, berechnet Kuhn den Investitionsbedarf. Das Jahresbudget im Haushalt liege aber nur bei 1,2 Millionen Euro – und dieses Geld muss auch noch für die Herrichtung von Schulhöfen genügen. Auch die befinden sich oft in einem miserablen Zustand, räumt der Stadtrat ein. Er meint: Wenn man das Problem lösen wollte, müsste der Senat den Bezirken nicht nur durch einzelne Förderprogramme für die Sanierung helfen, sondern dauerhaft Personal bewilligen, das die Reparatur steuert und plant. Darüber hinaus will der Bezirk Eltern als Baugehilfen einsetzen. Und mit diesem Model zum Vorreiter werden.

Doch es gibt auch Eltern, die für die Partnerschaft von ehrenamtlichen Helfern und Spielplatzplanern strenge Bedingungen stellen. Die Elterninitiative „Ja! Spielplatz!“ aus Weißensee sieht den Staat in der Pflicht, Freizeitflächen für Kinder gar nicht erst verkommen zu lassen. Maximal zwei Monate dürfe ein Spielplatz gesperrt sein und müsse dann wieder eröffnet werden, meint der Sprecher Uwe Scholz. „Generell ist für uns klar, dass Bürgerengagement die Leistungen des Staates nicht ersetzen kann. Spielplätze für alle wird nur der Staat schaffen – oder keiner“, sagt Scholz. Ziel müsse es sein, bis 2025 insgesamt 90 Prozent der Pankow Kinderspielplätze mindestens auf die Zustandsnote 2 zu bringen. Derzeit hätten 75 Prozent der Anlagen die Noten 3 oder 4, die einen Sanierungsbedarf anzeigen. Aber auch die Initiative von Uwe Scholz wäre bereit, für dieses Ziel mit anzupacken. Damit sich Kinder in Weißensee auf dem Platz am Goldfischteich vergnügen können, warb die Gruppe ein Hotel als Sponsor an.

In Pankow geschieht es nicht zum ersten Mal, dass Eltern Geld für die Reparatur beschaffen. 2016 am Teutoburger Platz veranstalteten Anwohner Flohmärkte und Basare, um mit Einnahmen in Höhe von 14.000 Euro das abbruchreife Klettergerät „Walfisch“ zu ersetzen. Im Sommer 2016 gelang es, den Regenbogen-Spielplatz im Mauerpark mit neuen Geräten zu bestücken, nachdem er ein Jahr zuvor wegen morscher Holzpfosten gesperrt wurde. Der Verein „Freunde des Mauerparks“ beschaffte damals Geld und half auch beim Aufbau.

Ein Kapitel für sich: Spielplatzsperrungen, die Unbekannte mutwillig herbeiführen. Gleich viermal fanden Eltern auf dem Spielplatz auf dem Arnimplatz im August Reißzwecken, Nadeln und Rasierklingen, bevor sich Kinder daran verletzen konnten. In einem fünften Fall stach sich eine Mutter, als sie auf eine Nadel trat.

Stadtrat Kuhn spricht von „Anschlägen auf Kinder“, bei denen die Täter Hass und Kreativität beweisen. Mehrfach hätten Mitarbeiter sogar „Fresspakete“ für Ratten aufgesammelt. Sie sollten offenbar die Schädlinge auf den Spielplatz locken, damit dieser gesperrt werden muss. Noch immer dauern die Ermittlungen der Polizei zu den Vorfällen an, ohne dass es Hinweise auf einen Täter gibt. „Eine drastische Konsequenz wäre, einen Sicherheitsdienst zu beauftragen“, sagt Kuhn.

„Kiezinseln“-Sprecher Christoph Weyl setzt lieber auf Eigeninitiative. Er ermuntert Eltern, Müll auf Spielplätzen selbst zu entfernen und sagt: „Es könnte uns aufmerksamer werden lassen für das, was im Sand landet und dort auf keinen Fall hingehört.“

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