Ein später Dienstagvormittag in Neukölln, kurz vor halb 12. Die Autos rauschen über die Karl-Marx-Straße, Fußgänger hasten in alle Richtungen. Und dort, unweit des Magdalenen-Friedhofs auf der Ecke zur Kirchhofstraße, direkt neben einem öffentlichen Urinal, steht Nicolaescu Mihai-Silviu und wartet. Darauf, dass die Klappe des geparkten Transporters sich endlich öffnet. Denn dort organisiert Kubus, ein sozialer Träger mit Sitz im Bezirk, mit dem „Suppentopf“ wöchentlich eine Speisenausgabe an bedürftige Menschen.

„Ich freue mich die ganze Woche über auf den Dienstag, denn ich weiß, dass ich hier immer eine warme Mahlzeit bekomme. Die Menschen, die hier arbeiten, geben uns leckeres Essen und haben ein gutes Herz“, so Mihai-Silviu, der nach eigenen Angaben bereits den zweiten Winter in Folge auf der Straße verbringt.

#Vereinsseite: Kubus Suppenbus
Gernot Zessin ist seit 2008 bei Kubus. Seit 2023 verteilt die gemeinnützige Gesellschaft für soziale Arbeit mbH wöchentlich Suppe an bedürftige Menschen in Neukölln und Kreuzberg.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Noch ist der gebürtige Rumäne der Einzige, der auf die Essensausgabe wartet. Doch je näher die Zeiger der Uhr Richtung Mittag wandern, desto mehr Menschen versammeln sich rund um den Wagen. „An manchen Tagen geben wir hier 100 Essen aus“, sagt Gernot Zessin, der bei Kubus für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Jeden Dienstag ist das Team in Neukölln, mittwochs in Kreuzberg.

Neuköllner Essensausgabe für Bedürftige: Diese Spitzenköche waren schon dabei

Um die Essensverteilung vor Ort kümmern sich zwei Mitarbeiter, die bei Kubus im Rahmen eines Arbeitsförderprojekts tätig sind. Gekocht werden die Gerichte meist von lokalen Gastronomiebetrieben, die ihr Essen dann einen Monat lang wöchentlich an Kubus spenden. Darunter waren schon Persönlichkeiten wie Ex-Sternekoch Thomas Kammeier und Fernsehkoch Ralf Zacherl. Im Februar wurde der „Kubus-Suppentopf“ finanziell von den Gropius-Passagen unterstützt. Gekocht wurde dann in der Kubus-eigenen Suppenküche. „Wir hatten auch schon mal den ein oder anderen Monat keinen Spender. Da haben wir dann die Kosten selbst gestemmt, aber das geht auf Dauer einfach nicht“, so Zessin. Mit etwa 400 Euro müsse man pro Ausgabe, bei der etwa 40 Liter Suppe bereitstehen, kalkulieren.

Wir haben die Obdachlosen und Bedürftigen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Und die Nachfrage steigt.

Gernot Zessin von Kubus

Der Geruch nach kräftigen Gewürzen weht rund um den Wagen durch die Luft, an diesem Dienstag gibt es Wurstgulasch mit Nudeln und eine vegetarische Minestrone. „Wir haben auch mal Speisen von einer veganen Küche bekommen, da haben wir dann auf Wunsch noch eine Wurst mit reingeschnibbelt“, so Zessin. Kräftige Eintöpfe seien bei den Menschen besonders beliebt, im Sommer gebe es auch mal ein kaltes Gericht, so Zessin. Wenn Essen übrig bleibt, was nicht oft vorkommt, geht es an die Kältehilfe.

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„Die Gastronomen, die uns ihr gekochtes Essen spenden, kommen damit auch ihrer sozialen Verantwortung nach“, sagt Zessin, der den „Suppentopf“ bei Kubus im Jahr 2023 ins Leben rief. Anfangs sei dieser noch vom „Netzwerk der Wärme“ des Berliner Senats unterstützt worden, diese Förderung sei dann allerdings bereits Ende 2023 ausgelaufen. Seither ist Kubus auf Spenden für das ganzjährige Suppen-Angebot angewiesen.

„Eigentlich wäre das Projekt mit dem Ende der Förderung gestorben“, so Zessin. Doch dann sei die lokale Gastronomie eingesprungen. Mittlerweile sei das Projekt etabliert genug, sodass viele Betriebe sich auf Anfrage bereit erklärten, zu spenden. „Aber wir sind noch weit davon entfernt, dass die Gastronomen von sich aus auf uns zukommen und uns ihre Unterstützung anbieten“, so Zessin.

Kubus Suppentopf: Nachfrage nach warmen Speisen steigt

Eigentlich, so sieht es der 55-Jährige, dürfte so ein Angebot wie der „Suppentopf“ in einem Sozialstaat wie Deutschland gar nicht nötig sein. „Aber die Realität sieht nun mal anders aus. Wir haben die Obdachlosen und Bedürftigen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Und die Nachfrage steigt“, so Zessin, der seit 2008 bei Kubus arbeitet.

An der Essensausgabe herrscht inzwischen reger Betrieb: Einige Menschen kommen in Gruppen, sie unterhalten sich miteinander, während sie das warme Gulasch schlürfen. „Wir geben den Menschen mit unserem Angebot auch eine gewisse Tagesstruktur“, so Zessin. Schräg gegenüber von der Essensausgabe befindet sich ein Standort von Fixpunkt mit einem Konsumraum. „Manchmal vergessen die Menschen auch einfach, dass wir hier mit einer frischen Mahlzeit auf sie warten“, so Zessin.

#Vereinsseite: Kubus Suppenbus
Bei den Menschen, die das Essensangebot des „Kubus-Suppentopfs“ nutzen, sind vor allem kräftige Eintöpfe beliebt.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Immer wieder werde die Essensausgabe von den Bedürftigen auch genutzt, um wichtige Informationen in Erfahrung zu bringen. „Wir werden dann etwa gefragt, wo die nächstgelegene Notunterkunft ist. Das sind Fragen, die die Mitarbeiter vor Ort beantworten können. Aber für alles darüber hinaus bräuchten wir eigentlich einen Sozialarbeiter. Das wäre natürlich ein Traum. Aber wer soll das bezahlen, wenn ja selbst für die Suppe das Geld fehlt?“

Neuköllner Essensausgabe musste wegen Baustelle umziehen

Die Mitarbeiter vor Ort haben derweil mehrere Stehtische auf dem Bürgersteig aufgestellt. „Früher waren wir mit unserem Stand am Karl-Marx-Platz, da hatten wir mehr Platz und konnten auch Sitzmöglichkeiten anbieten“, sagt Mitarbeiter Kim. Der zentrale Platz an der Neuköllner Hauptverkehrsstraße gilt seit Jahren als Dauerbaustelle. Ihre warme Mahlzeit genießen die Menschen jedoch auch wenige hundert Meter weiter am neuen Standort.

Friedlich geht es dabei nicht immer zu, so Mitarbeiter Kim. „Hier fliegen auch mal die Suppenschalen, wenn die Menschen untereinander Konflikte haben.“ An diesem sonnigen Dienstagmittag im Spätwinter ist die Stimmung an der Essensausgabe jedoch gut. Was wohl auch am leckeren Essen liegt. „Heute hat es mir besonders gut geschmeckt. Ich könnte glatt noch eine Portion essen“, so eine junge Frau zum Personal, als sie ihre Schüssel zurückbringt.