Weiße Wände, gewöhnliche Stühle und zusammengerückte Tische: Der Treffpunkt in der Uthmannstraße 17 in Neukölln ist eher praktikabel als gemütlich eingerichtet. Aber es gibt Çay und Kekse. Und für die Gemütlichkeit kommen die Männer auch nicht her, sie wollen vielmehr etwas loswerden, sich von der Seele reden. Ein Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, berichtet von seinen Problemen zuhause, vom Streit mit dem Kind und der Ehefrau, die ihn dann hinauswarf. Davon, dass er dann wieder bei seiner Mutter einziehen musste.
Als er das erste Mal zu einem Treffen in die Uthmannstraße kam, damals keineswegs freiwillig, sondern auf Anraten des Jugendamts, habe er erst mal gar nichts gesagt. „Ich war der Ansicht, dass ich das hier nicht brauche“, erinnert sich der Mann. Damit meint er die vom Neuköllner Verein „Aufbruch“ organisierten wöchentlichen Treffen der Männer- und Vätergruppe. Dort sprechen die Teilnehmer über ihre Probleme in den Familien, über ihre Sorgen und Ängste. Sie hören sich gegenseitig zu, geben sich Ratschläge.
Wenn ich die Teilnehmer frage, was denn Ehre für sie bedeutet, kommt da inhaltlich wenig, nur auswendig Gelerntes.
Kazim Erdogan
„Wir versuchen hier, eine neue Vaterrolle für das 21. Jahrhundert zu etablieren. Und dass die Männer wahre Partner für ihre Frauen sind“, sagt Kazim Erdogan, der den in den 90er-Jahren gegründeten und dann eingeschlafenen Verein mit seinem Umzug nach Neukölln im Jahr 2003 wiederbelebte.
Männergruppe im „Aufbruch“-Verein nimmt Begriff der „Ehre“ unter die Lupe
Auch der Begriff der Ehre werde in den gemeinsamen Treffen genauestens unter die Lupe genommen. „Wenn ich die Teilnehmer frage, was denn Ehre für sie bedeutet, kommt da inhaltlich wenig, nur auswendig Gelerntes“, sagt Erdogan. Der Psychologe, der vor seinem Ruhestand bei den Psychosozialen Diensten des Neuköllner Bezirksamts arbeitete, ist sich sicher, mit seiner ehrenamtlichen Arbeit im Verein bereits Morde verhindert zu haben.

Es gelte, falsch Erlerntes zu durchbrechen. „Menschen geben das weiter, was sie selbst erlebt haben. Ich habe mal eine Gruppe von 25 Männern gefragt, wer in der Kindheit Gewalt erlebt hat. 22 haben die Hand gehoben. Und auf meine Frage, wer diese Gewalterfahrung weitergegeben hat, etwa an die eigenen Kinder oder die Ehefrau, haben sich 18 Männer gemeldet.“
Drei Schlüssel will Erdogan den Männern mit auf den Weg geben: Geduld, Ruhe und Gelassenheit. Dabei gehe es für die insgesamt rund 600 Menschen, die die Angebote des Vereins regelmäßig nutzen, nicht ausschließlich um familiäre Probleme. Unter den Mitgliedern sind vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Die Altersspanne reicht vom Teenager bis zum Senior, Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten.
Neuköllner Verein „Aufbruch“ hat auch Programm für Frauen
Auch Themen wie Wohnungsnot, Ausbildung, Einsamkeit, psychische Probleme und die Spaltung der Gesellschaft würden die Menschen im Verein umtreiben. Diesen Herausforderungen begegnet der Verein mit verschiedenen Gruppen, etwa in der Renten- und Sozialberatung, der Frauen- und Müttergruppe und einer Gruppe für präventive Elternarbeit. Und mit der Gruppe zur Glücksspielsucht. Von der war ein Mann, der auch zum Männertreff gekommen ist, betroffen. „Ich habe gekifft, gesoffen und gespielt.“ Das sei überwunden, heute habe er einen Job, ein geregeltes Leben. Er ist sich sicher: „Ohne das Angebot hier wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Kazim ist immer da für mich. Diese Liebe und Aufmerksamkeit, die er mir entgegengebracht hat, kannte ich vorher nicht.“

Kazim Erdogan, der für sein Tun bereits den deutschen Verdienstorden erhalten hat, ist für viele in der Uthmannstraße ein Held. Einer, der immerzu aktiv ist. Aber er habe auch schon ans Aufgeben gedacht, so der mittlerweile 72-Jährige.
Doch das „Zepter aus der Hand geben“, das gehe erst, wenn die Finanzierung des Vereins gesichert ist. Und das bereitet ihm in der aktuellen Situation Sorgen. Denn die Sparmaßnahmen des Berliner Senats treffen auch den „Aufbruch“ in Neukölln, so Erdogan. „Für so einen etablierten Verein müsste die Förderung doch eigentlich sicher sein“, findet er. Zum „größten Erfolg“ zählt er die „Woche der Sprache und des Lesens“, die in Neukölln initiiert wurde und Erdogan zufolge bis Corona stadtweit stattfand – 2019 sogar einmalig deutschlandweit.
Verein betont Vielfalt des Bezirks Neukölln
Die Frage nach der Finanzierung bezeichnet Erdogan als „Zittern, Kampf, Krieg“. „Eine Verstetigung der Projekte kann unter diesen Umständen nicht stattfinden.“ Dabei sei doch gerade das wichtig in Neukölln, einem Bezirk, über den „häufig schlecht gesprochen wird, statt das Positive hervorzuheben“: Wo sonst kann man schon so viel Vielfalt in Sprachen, Kulturen und Essensangebot erleben, fragt Erdogan.
Zu gesellschaftlichen Debatten wie der um die von der AfD geforderte Remigration sagt er, man müsse sich „inhaltlich damit auseinandersetzen. Einfach mal fragen, wie es etwa auf Berlins Straßen aussehen würde, wenn alle Straßenreiniger mit Migrationshintergrund ab sofort zuhause bleiben würden.“ Von einer Brandmauer gegen Rechts hält Erdogan hingegen nichts. „Wenn wir mit der AfD so umgehen, wie wir es in der Vergangenheit getan haben, wird es nicht gut ausgehen, das wird die Partei nur stärken“, ist er überzeugt.
Der Psychologe plädiert für mehr Austausch in der Gesellschaft. Diesen will er mit seiner Arbeit weiter fördern. So soll etwa die Vätergruppe auf Gemeinschaftsunterkünfte ausgeweitet werden und das Jugendprojekt „Deine Zukunft beginnt in deinem Kopf“ an Berliner Schulen weitergehen. „Einsamkeit und Isolation in unserer Gesellschaft nehmen zu“, stellt Erdogan fest. Früher sei er „auf jeder U-Bahn-Fahrt mit netten Menschen ins Gespräch gekommen“. Heute würden alle nur noch auf ihre Handys starren oder Kopfhörer im Ohr haben. „Wir reden nicht mehr miteinander – dabei ist doch Kommunikation der Schlüssel für alles.“



