Seit Wochen erstrahlt Berlin im vorweihnachtlichen Lichterglanz. Der Geruch von gebrannten Mandeln und heißen Maronen auf den Weihnachtsmärkten steigert die Vorfreude auf das Fest, das für viele Christen der Höhepunkt dieser besinnlichen Jahreszeit ist. Doch wie verbringen eigentlich Muslime in der Stadt die Feiertage?

Ahmet Sezgin aus Neukölln hätte nichts dagegen, wenn die Weihnachtsfeiertage fünf Tage lang andauern würden. „Es ist eine schöne Zeit“, sagt der gebürtige Türke, der vor 45 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Auch wenn Sezgin als Moslem mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat, genießt er die Weihnachtszeit jedes Jahr aufs Neue. „Wir kommen als Familie zusammen, meine drei Kinder und die Enkelkinder, meine Frau und ich verbringen schöne Tage miteinander“, erzählt der BVG-Busfahrer.

Der Essensplan steht bereits fest. Es gibt türkische Speisen, von Reis, über weiße Bohnen bis zur Linsensuppe. „Meine Kinder bringen oft auch selbstgebackene türkische Plätzchen mit“, so Sezgin. Im Grunde würden sich die Feiertage in seiner Familie jedoch nicht groß von einem gewöhnlichen Familientreffen unterscheiden. „Wir kommen grundsätzlich zweimal die Woche zusammen.“

Auch interessant

Moslem in Neukölln: Kritischer Blick auf Baumfällung zu Weihnachten

Weihnachtliche Deko gibt es bei den Sezgins nicht. „Wir stellen auch keinen Weihnachtsbaum auf“, so Sezgin, der Mitglied in der Aziziye-Moschee in Britz ist. Als junger Mann habe er in der Hauptstadt Weihnachtsbäume ausgeliefert. „Die habe ich damals mit dem Fahrrad transportiert. Das war ein toller Job, ich habe gutes Geld verdient“, erinnert sich Sezgin. Die Unterschiede zwischen Tanne, Kiefer und Fichte hätten sich ihm durch den Job auf ewig eingebrannt.

Aus heutiger Sicht sieht er die Fällung der Bäume zu Weihnachten jedoch kritisch. „Das passt nicht mehr, in Zeiten des Klimawandels.“ Viel schöner – und umweltfreundlicher – seien die geschmückten Straßenbäume, die in Berlin in dieser Jahreszeit an vielen Stellen zu finden sind. Die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt findet auch Hasan Akyol aus der Aziziye-Gemeinde toll. „Ich fahre in der Weihnachtszeit gerne durch Berlin, alles sieht so festlich und hell aus.“ Den schönsten Weihnachtsmarkt habe er jedoch in Prag gesehen. „Die Lichter dort sind unbeschreiblich.“

Auch interessant

Die erste Berührung mit Weihnachten habe er, der als 10-Jähriger nach Deutschland kam, in der Schule gemacht. „Da wurde gesungen und gebastelt, aber Zuhause war das dann kein Thema mehr.“ Als Jahrzehnte später seine beiden Söhne in die Schule kamen, wollte er möglichen Berührungsängsten entgegenwirken. „Die Kinder haben Weihnachts- und Osterthemen mit nach Hause gebracht und wir haben im Gegenzug Freunde unserer Söhne zu uns nach Hause eingeladen, wenn die muslimischen Feste Ramadan und das Opferfest stattfanden.“

Gemeinsamkeiten der beiden Religionen

Für ihn sind diese beiden muslimischen Feiertage gut mit den christlichen Hochfesten zu vergleichen. „Menschen kommen mit ihren Liebsten zusammen, es wird gemeinsam gegessen und es gibt Geschenke.“ Einen großen Unterschied sieht Akyol jedoch in der Vorbereitung: „Die Menschen kaufen vor Weihnachten und Ostern ein, als ob es einen Monat lang nichts mehr geben wird.“

Mir hat noch nie jemand einen schönen Ramadan gewünscht.

Hasan Akyol

Der 63-Jährige muss es wissen, leitet er doch eine Edeka-Filiale in Neukölln. Auch vor den türkischen Festen decken sich Familien mit ausreichend Lebensmitteln ein, so Akyol. „Zu Ramadan gibt es ja auch viel Essen bei uns, die Kinder bekommen Geschenke und Süßigkeiten. Aber so extrem wie vor Weihnachten und Ostern ist es nicht.“

Das liege aber auch daran, dass die christlichen Feste, anders als die muslimischen, als gesetzliche Feiertage gelten – und Supermärkte für mehrere Tage am Stück geschlossen bleiben. Akyol sieht darin ein Indiz dafür, dass die Festtage der verschiedenen Religionen im Land eine unterschiedliche Gewichtung haben. „Wir Muslime werden immer noch als Gäste gesehen“, beklagt Akyol. Jedes Jahr wünsche er seinen Mitarbeitern ein frohes Weihnachtsfest. „Mir hat aber noch nie jemand von den deutschen Kollegen einen schönen Ramadan gewünscht.“

Auch interessant

Ramadan ist das Hochfest des muslimischen Glaubens

Die Unterschiede zwischen dem, was muslimische Kinder in der Schule zu Weihnachten lernen und was sie Zuhause hören, kennt auch Cihat Tilki. „Wir haben in der Schule zu Weihnachten gebastelt und gebacken. Zuhause hat mir mein Vater dann aber erklärt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt“, so der 38-Jährige, der in Deutschland geboren wurde.

Er habe das jedoch nie als Zwiespalt empfunden. „Das wäre der negative Blick auf die Dinge, aber es bringt auch viele Vorteile, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen.“ Tilkis Meinung über Weihnachten? „Auch wenn wir Muslime nicht daran glauben: Jesus taucht auch im Koran auf, als Prophet“, verweist er auf die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen.

Muslimische Gemeinde in Britz: Weihnachten ist „Fest der Liebe“

Auch vor diesem Hintergrund verurteile er jeglichen religiös motivierten Extremismus, wie etwa den islamistischen Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Jahr 2016. „Wir schämen uns, wenn sich jemand als Moslem bezeichnet, der so etwas tut“, so Tilki.

Diese Taten haben immer auch Auswirkungen auf die gesamte migrantische Community, sagt er mit Blick auf die drohende Stigmatisierung. „Ich selbst gehe selbst auch gerne auf Weihnachtsmärkte, es kann jeden treffen.“ Nun freue er sich jedoch auf die anstehenden Feiertage. Der Elektroingenieur versteht „Weihnachten als Fest der Liebe“ – ein wichtiges Zeichen, „gerade in der heutigen Zeit“.

Mehr Neuigkeiten aus Berlin-Neukölln finden Sie hier.