• Wer an Weihnachten alleine ist, fühlt sich oft besonders einsam
  • Doch auch, wer die Feiertage ohne Familie oder Freunde verbringt, kann es sich schön machen
  • Hier geben Experten Tipps, wie Weihnachten auch alleine ein Fest wird

Für viele ist Weihnachten ein Höhepunkt im Jahr – voller Lichter, Nähe und vertrauter Rituale. Doch nicht jeder Tisch ist an Heiligabend voll besetzt. Überall in Deutschland verbringen Menschen Weihnachten allein. Sei es nach einer Trennung, weil sie weit weggezogen sind, oder weil vertraute Menschen schlicht fehlen.

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Nicht nur an Feiertagen wird die eigene Einsamkeit besonders spürbar. „Jede vierte Person in Deutschland gibt an, einsam zu sein“, sagt Christian Fein, Gründer von „keinerbleibtallein“. Doch es gibt Wege, mit dem Gefühl der Einsamkeit umzugehen – und sogar neue Gemeinschaft zu erleben. Denn es zeigt sich: Wer sich überwinden kann und beispielsweise gezielt Kontaktangebote wahrnimmt, entdeckt oft, dass viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen. Unsere Redaktion hat mit Menschen gesprochen, die sich mit verschiedenen Initiativen für Betroffene starkmachen.

Initiative bringt Menschen an Weihnachten und Silvester zusammen

Christian Fein hat das Projekt „keinerbleibtallein“ gegründet, nachdem er selbst an einem Heiligabend plötzlich alleine war – frisch getrennt, alleine in einer großen Wohnung und konfrontiert mit der eigenen Einsamkeit. 2016 startete er einen spontanen Aufruf auf seinem Twitter-Account, um andere Menschen an Weihnachten digital zusammenzubringen. Die starke Resonanz zeigte ihm, wie groß das Bedürfnis nach Gemeinschaft rund um die Feiertage wirklich ist.

Christian Fein, Gründer von "keinerbleibtallein"
Christian Fein, Gründer von "keinerbleibtallein"© Christian Fein | Christian Fein

Ein Jahr später begann „keinerbleibtallein“ Kontakte zwischen Menschen zu vermitteln, die Weihnachten oder Silvester nicht allein verbringen möchten. Das Prinzip ist einfach: Interessierte geben auf Facebook oder Instagram an, wo sie wohnen, wie alt sie sind und welche Sprache sie sprechen. Dann werden passende Gastgeber und Gäste zusammengebracht. Dabei richtet sich das Angebot vor allem an junge Erwachsene und Menschen mittleren Alters – in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dass Einsamkeit nur ältere Menschen betrifft, ist laut Fein ein Stereotyp. Über 350.000 Teilnahmen seit Start der Initiative untermauern das.

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Einsamkeit überwinden: Neue Kontakte geben Impulse für den Alltag

Auch wenn nicht jedes vermittelte Treffen sofort zu einer Freundschaft führt, ziehen dennoch viele Teilnehmer aus der Begegnung wichtige Impulse. Christian Fein berichtet, dass manche im Nachhinein sagen: „Das Treffen selbst war vielleicht nicht ideal, aber es hat mich dazu animiert, wieder auf Leute zuzugehen.“ Er betont zudem, dass Einsamkeit viele Gesichter hat. „Da haben wir Alleinerziehende, wir haben Studenten, die in eine neue Stadt gezogen sind, wir haben Berufsreisende.“ Auch viele Armutsbetroffene würden von dem Vermittlungsangebot profitieren.

Menschen, die die Feiertage allein zu Hause verbringen, empfiehlt Fein, sich bereits im Vorfeld gut zu überlegen, wie sie die Tage gestalten möchten. „Was werde ich in der Zeit essen? Was mache ich jetzt die Tage? Gucke ich nur irgendwelche Serien auf Netflix?“ Solche Fragen mögen zunächst banal erscheinen, gäben aber gerade in schwierigen Zeiten eine wichtige Struktur, betont der Gründer von „keinerbleibtallein“.

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Silbernetz bietet älteren Menschen vertrauliche Gespräche zu Weihnachten

Neben Initiativen wie „keinerbleibtallein“, die vor allem Jüngere ansprechen, gibt es auch Anlaufstellen für ältere Menschen. Wer an den Feiertagen Gesellschaft sucht oder einfach jemanden zum Reden braucht, findet beim Telefonangebot von „Silbernetz“ einen vertraulichen Gesprächspartner.

Der Verein wurde 2014 in Berlin von Elke Schilling gegründet, nachdem sie erlebte, wie ein Nachbar einsam und unbemerkt verstarb. „Das war der Moment, wo ich mir dachte: Das darf einfach nicht sein, dass Menschen auf diese Art sterben“, erzählt sie. Heute nehmen bei Silbernetz bundesweit rund 90 Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner täglich bis zu 260 Anrufe entgegen. Sie bieten anonyme, zwanzigminütige Gespräche an. In der Weihnachtszeit können Betroffene sogar rund um die Uhr anrufen.

Elke Schilling, Initiatorin von Silbernetz
Elke Schilling, Initiatorin von „Silbernetz“© Gordon-Welters | Gordon-Welters

Die Initiatorin betont: Den typischen Anrufer gibt es nicht. Auch ihre Erfahrung zeigt deutlich, dass Einsamkeit jeden treffen kann. „Das sind Menschen aus unterschiedlichen Generationen, mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, mit unterschiedlichen Überlebensstrategien. Da ist alles drin“, erzählt Schilling.

Die Mehrheit der Anrufer, so die Gründerin, lebe allein und komme kaum noch aus der Wohnung heraus. Für viele sei das Telefonat der einzige Austausch am Tag und eine Möglichkeit, kleine Alltagsmomente zu teilen, für die sonst niemand mehr da sei. „Die rufen zum Frühstück an und sagen, sie haben ihre Stulle auf dem Teller liegen und trinken jetzt ihren Kaffee“, erklärt sie.

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Weihnachten allein: Viele fürchten, anderen zur Last zu fallen

Trotz des Wunsches nach Nähe, so Schilling, zögerten viele, sich zu melden – häufig aus Angst, anderen zur Last zu fallen. Wer mobil ist, dem empfiehlt sie, den Schritt nach draußen zu wagen: etwa in die Kirchengemeinde oder ins nächste Café. „Solange ich mobil bin, kann ich Kontakt suchen, wenn ich es mir zutraue.“ Auch wenn es Überwindung koste, lohne sich der Versuch, ins Gespräch zu kommen, betont Schilling. Denn oft gebe es mehr Bereitschaft zum Miteinander, als viele vermuten.

Menschen, die sich nicht trauen, aktiv nach Begegnungen zu suchen, animiert die „Silbernetz“-Gründerin, die Feiertage mit kleinen Ritualen zu gestalten, die guttun – etwa mit gutem Essen, Kerzen oder Musik. Gerade in solchen Fällen sei die Selbstfürsorge ausschlaggebend: „Der erste Mensch, der für mich sorgen kann, bin ich selbst.“ Entscheidend sei es zudem, sich nicht auf den Mangel zu konzentrieren, sondern wertzuschätzen, was bereits da ist.

Sie betont jedoch: „Nicht jeder, der alleine Weihnachten verbringt, leidet zwangsläufig darunter“. Manche seien zwar allein, fänden es aber in Ordnung, weil sie sich nicht nach jemandem richten müssen, so ihre Erfahrung.

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„Niemand soll an diesem Abend allein sein“ – Wie ein Berliner Stift Gemeinschaft schafft

Manche Einrichtungen bieten rund um Weihnachten auch direkte Begegnungen vor Ort an, so zum Beispiel das Paul Gerhardt Stift in Berlin. Dort lädt man seit mehreren Jahren Alleinstehende zu einer Weihnachtsfeier am 24. Dezember ein. Mittlerweile ist sie ein fester Bestandteil im Veranstaltungskalender. Dabei lautet das Motto: „Niemand soll an diesem Abend allein sein.“

Anmelden können sich Menschen jeden Alters. „Man geht immer davon aus, dass es ältere Menschen sind, die von Einsamkeit betroffen sind, aber dieses Problem hat keine Altersgrenze“, betont Elisabeth Liebing, Sprecherin des Stifts. Der Bedarf steige von Jahr zu Jahr; viele, die einmal dabei waren, kommen gern wieder, berichtet sie.

Überwindung zahlt sich laut Liebing aus: „Es erfordert ein Stück weit Mut, zu sagen: Ich bin alleine an diesem besonderen Tag und ich stelle mich dieser Angst und gehe da einfach mal hin.“ Ihre Erfahrung zeige jedoch, dass die Besucher schnell ins Gespräch kommen. Oft entstünden sogar Freundschaften, die weit über das Fest hinausreichen. Wer sich anmeldet, entdecke schnell, „dass wir noch weitere Angebote in unserer Stiftung haben.“ Ein gemeinsamer Festabend kann somit der erste Schritt sein – und manchmal der Türöffner aus der Isolation.