Clans & Gentrifizierung

Die Oderstraße in Neukölln - ein Berliner Mikrokosmos

Während die Neuköllner Oderstraße im Norden hip und gentrifiziert ist, haben im Süden die Clans das Sagen. Ein Besuch vor Ort.

Gepflegte Straße am Rande des Tempelhofer Feldes: Die Oderstraße bildet einen eigenen Mikrokosmos.

Gepflegte Straße am Rande des Tempelhofer Feldes: Die Oderstraße bildet einen eigenen Mikrokosmos.

Foto: Jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. "Früher bin ich manchmal ohne Schuhe, Jacke oder Rucksack von der Eislaufbahn nach Hause gekommen“, erzählt Marc Gutzeit aus dem Bezirksamt Neukölln. Er ist im Bezirk geboren, aufgewachsen und lebt noch heute hier. Gutzeit erinnert sich noch an die Jahre, als das Gebiet um den heutigen Werner-Seelenbinder-Sportpark an der Oderstraße in Neukölln ein beliebter Jugendtreffpunkt war – und kleinkriminelle Jugendbanden hier ihr Unwesen trieben, andere Kinder an der Schlittschuhbahn ausraubten oder zusammenschlugen. „Diese Zeiten sind aber zum Glück vorbei“, sagt Gutzeit.

Reportage über die Oderstraße in Neukölln

Die Oderstraße in Neukölln: Ein Brennpunkt?

Und doch schafft es die Oderstraße bis heute regelmäßig in die Schlagzeilen. Vergangenes Jahr wurde hier Intensivtäter Nidal R. spektakulär mit acht Kugeln niedergeschossen, nur wenige Monate später tötete an fast derselben Stelle ein Mann seine Lebensgefährtin. Dabei sei die Oderstraße eher eine ruhige, unauffällige, ja fast schon verschlafene Straße, berichten Anwohner.

Und sie ändert an fast jeder Ecke ihr Gesicht. Vom leicht verschlafenen Sportpark an der Oderstraßenbrücke im Süden der gut einen Kilometer langen Straße, über einen Teil, der fest in Clan-Hand ist, bis hin zum hippen Norden und dem Schillerkiez, wo die Mieten mittlerweile ein Niveau wie am Viktoria-Luise-Platz in Schönberg erreicht haben.

Die Oderstraße ist ein eigener Mikrokosmos. Sie bildet auf kleinstem Raum die unterschiedlichsten Lebenswirklichkeiten ab, die es überall in der Stadt gibt. Berlin in der Nussschale, sozusagen.

Restaurantbesitzer erinnert sich an unruhige Zeiten

Die unruhigen Zeiten, von denen Marc Gutzeit erzählt, kennt auch Familie Papadopoulos. Im Jahr 1992 eröffneten Ioannis und seine Frau Dorothea das griechische Restaurant „Taverna Olympia“ an der Oderstraße/Ecke Emser Straße, gegenüber vom Sportpark.

„Eigentlich wollten wir nur vorübergehend in Neukölln bleiben“, sagt Ioannis heute. Mehr als ein Vierteljahrhundert später öffnen sie noch immer jeden Tag ihr Restaurant – und haben die Höhen und Tiefen der Oderstraße hautnah miterlebt. Familie Papadopoulos lebt in einer Wohnung über ihrer Gaststätte.

Ein Kreis an Stammkunden baute sich langsam auf

Zur Eröffnung des Restaurants Anfang der 1990er-Jahre trauten sich die Freunde und Stammgäste aus Schöneberg, wo das Ehepaar sein erstes Restaurant hatte, kaum nach Neukölln – der Bezirk galt als arm, kriminalitätsbelastet und heruntergekommen. Schnell aber merkten die Papadopoulos, dass diese Klischees nur bedingt zutrafen. Ein neuer Kreis an Stammkunden baute sich auf, man fühlte sich angekommen.

Restaurant kämpfte ums Überleben

Doch dann, Mitte der 90er-Jahre, erlebte der Kiez einen Niedergang. Viele Deutsche und Alteingesessene zogen weg. Die Folge: Leerstand. Wohnungen wurden günstig an Immigranten vermietet. Die Kunden blieben weg, die „Taverna Olympia“ kämpfte ums Überleben. Immer häufiger führte die Polizei Razzien in den anliegenden Häusern durch – Gebäude, die mittlerweile von Clans aufgekauft worden waren.

„Vom Sportpark drüben kamen oft mal Kinder zu uns ins Restaurant gerannt, atemlos. Sie suchten Schutz bei uns, weil andere Jugendliche sie draußen ausrauben wollten“, erinnert sich Ioannis. Erst mit der Schließung des Tempelhofer Flughafens 2008 ging es mit der Oderstraße allmählich wieder bergauf. „Jetzt sieht man hier viele Familien mit Kindern“, freut sich Dorothea. Einen neuen Mietvertrag über weitere zehn Jahre haben die Papadopoulos gerade erst unterschrieben.

Ioannis Papadopoulos, Chef der „Taverna Olympia“.

Schwierige Sozialstruktur fördert die Kriminalität

Trotzdem: Das Gebiet im südlichen Teil der Oderstraße – insbesondere die Emser- und die Siegfriedstraße – ist ein Kriminalitätsschwerpunkt. Allein im vergangenen halben Jahr wurden entlang der Oderstraße und in den anliegenden Straßenzügen 156 Straftaten begangen. Ganze Häuserzüge an der Siegfried- und der Emser Straße gehören stadtbekannten Clans. Auf Klingelschildern stehen Namen der Familien R. und Ch.

Zwei Verbrechen lenkten jüngst den Blick der Öffentlichkeit besonders auf die Oderstraße: Ende Dezember wurde an der Ecke Siegfriedstraße eine 25 Jahre alte Polin mit einem Kopfschuss getötet. Und nur rund 500 Meter weiter nördlich wurde im Herbst der stadtbekannte Intensivtäter Nidal R. am helllichten Tag von bisher noch unbekannten Männern niedergeschossen.

Neukölln: Kriminalitätsbelasteter Bezirk

„Die Verbrechen haben absolut nichts miteinander zu tun“, sagt Polizeidirektor Thomas Böttcher (61), Leiter des Abschnitts 55, der auch für die Oderstraße zuständig ist. Er sagt aber auch, dass die Oderstraße schon immer eine Straße mit mehr Kriminalität als anderswo in Berlin gewesen sei – und bis heute auch ist. „Wir haben in der Oderstraße eine schwierige Sozialstruktur. Und es ist nun mal oft so, dass in Stadtteilen mit schwierigen Lebensbedingungen auch die Anfälligkeit für das Begehen von Straftaten größer ist.“

Polizei setzt auf Jugendarbeit

Eine kurzfristige Entspannung in Sachen Kriminalität – insbesondere von Clan-Kriminalität – sieht Böttcher nicht. Seiner Meinung nach müsste man voll und ganz auf Jugendarbeit setzen. Er gibt aber auch zu, dass „es wahnsinnig schwierig“ sei, zu den Kindern durchzudringen.

Denn: „Zehnjährige beeindrucken ihre Mitschüler und Lehrer damit, dass sie in die Tasche greifen und ein riesiges Bündel 50-Euro-Scheine auf den Tisch legen – und das bei Kindern, die aus ganz schwierigen sozialen Verhältnissen kommen.“ Verbrechen und Kriminalität seien „cool“ in diesen Gesellschaftsschichten. Deshalb sagt Böttcher auch: „Neukölln wird nie zu einem bürgerlichen Stadtteil werden.“

Thomas Böttcher, Leiter des Abschnitts 55

20 Jahre Quartiersmanagement im Schillerkiez

Etwa 23.000 Menschen leben insgesamt im Schillerkiez, zu dem auch die Oderstraße zählt. Rund 31 Prozent der Einwohner beziehen staatliche Transferleistungen. Und circa 51 Prozent haben einen Migrationshintergrund, etwa 34 Prozent davon besitzen keine deutsche Staatsbürgerschaft. Seit etwa 20 Jahren steht der Kiez unter Quartiersmanagement. Voraussichtlich 2020 soll es beendet werden.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) weiß um die angespannte Lage im Kiez. Verschiedene Maßnahmen sollen die Oderstraße und die angrenzenden Straßen attraktiver und sicherer machen. Der Anita-Berber-Park, der die Oderstraße auf halber Höhe teilt, soll demnächst mit Fußgängerlampen ausgeleuchtet werden, sagt Hikel.

Gleichzeitig sollen die Wege asphaltiert werden, so dass damit ein Radweg über die Hermannstraße, das Rollbergviertel hinab, über die Karl-Marx-Straße bis in den Richardkiez führt. Wenn der Radweg fertig ist, wird er drei Kilometer lang sein.

Ein sicherer Rückzugsort für Kinder

Heute ist der Park hingegen noch ein Drogen-Hotspot. Und das direkt neben dem Jugendclub „Yo! 22“ an der Oderstraße. Hier wurde Nidal R. erschossen. „Die Sozialarbeiter hatten damals ihre liebe Not, die Kinder wieder zu beruhigen“, erinnert sich Hikel. Angst und Entsetzen herrschten tagelang. Und das, obwohl der Club eigentlich eine wichtige Aufgabe in der Straße hat, bietet er den Kids aus dem Kiez doch Montag bis Sonnabend Unterhaltung und Betreuung. Und eigentlich auch einen sicheren Rückzugsort.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel

Die zwei Gesichter der Straße

Gegenüber vom Club liegt das gediegene Familienzentrum „Kinderwelt am Feld“. Hier ändert die Oderstraße wieder einmal ihr Gesicht. Ihr hässliches Gesicht streift sie ab. Ab hier wird die Straße hip, cool, bunt und voll. Im Sommer ziehen Menschen-Karawanen aufs Tempelhofer Feld. Dann wehen Grillgerüche und Rauchschwaden über die Oderstraße.

„Seitdem der Flughafen zu ist, hat man den größten Park der Welt vor der Tür“, schwärmt Ute Gartzke.

Die 55-Jährige ist seit zehn Jahren Vorsitzende im Gemeindekirchenrat der Genezarethkirche am Herrfurthplatz im Schillerkiez. Das Einzugsgebiet ihrer Gemeinde reicht bis zum Anita-Berber-Park hinab. Gartzke ist Neuköllnerin durch und durch. Den Kiez und die Oderstraße kennt sie wie kaum eine Zweite.

Das Auf und Ab der Oderstraße

Die schweren Zeiten hat sie genauso miterlebt wie den Aufschwung. Als Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre viele Sozialwohnungen im angrenzenden Rollbergkiez gebaut wurden, strahlte die prekäre soziale Struktur der Anwohner von dort bis in ihren Kiez an der Oderstraße ab.

„Viele zogen weg, der Kiez ist fast ausgestorben“, erinnert sich Gartzke. Doch dann gründete ihre Kirche gemeinsam mit der Şehitlik-Moschee am Columbiadamm ein interkulturelles Zentrum. „Und plötzlich war alles wieder ganz lebendig.“ Mehr als 50 verschiedene Nationen kommen hier seitdem regelmäßig zusammen. In diesem Teil von Neukölln funktioniert Multikulti vorbildlich.

Der Aufschwung kam mit der Stilllegung des Flughafens

Mit der Stilllegung des Flughafens 2008 kam dann der zweite Aufschwung für den Kiez. Mittlerweile haben die Anwohner an der Oderstraße – vor allem an ihrem nördlichen Ende – die gleichen Probleme wie anderswo in Berlin auch: steigende Mieten, fehlende Kita-Plätze, Gentrifizierung. Trotzdem liebt Gartzke ihren Kiez. Sie sagt: „Es durchmischt sich gerade: Früher gab es hier viele sozial schwache Menschen, die am Flughafen gewohnt haben. Jetzt ist es aber ruhig hier und die hippen Leute ziehen her.“

Gemeindekirchenrat Ute Gartzke

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