Frühere Frauenklinik

Wo einst gewickelt wurde, entsteht jetzt ein Wohnquartier

Nach den Wöchnerinnen kamen Obdachlose und Schrottdiebe, jetzt hat die frühere Frauenklinik Neukölln eine Zukunft als Wohnquartier.

So soll das gesamte Quartier nach der Fertigstellung 2019 aussehen. Vom Hochhaus „Ruth“ geht der Blick auf das Tempelhofer Feld

So soll das gesamte Quartier nach der Fertigstellung 2019 aussehen. Vom Hochhaus „Ruth“ geht der Blick auf das Tempelhofer Feld

Foto: Avila / BM

Den Wöchnerinnen hat man die Sicht genommen. Frauen beim Wickeln, beim Baden oder Bespielen ihrer Kinder: Am Mariendorfer Weg in Neukölln verdeckt ein Baugerüst das Haus, in dem über 90 Jahre hinweg Tausende Neuköllner zur Welt kamen. Doch die verbliebenen Mütter stört das Sichthindernis nicht: Sie sind aus Keramik und nur noch fassadenzierende Erinnerung an alte Zeiten. Seit 2005 ist der Betrieb in der früheren Frauenheilanstalt Neukölln eingestellt. Genauso lange wartete das Gelände auf Nachnutzung.

Die wird nun seit einigen Monaten vorbereitet. Nachdem ein erster Investor nach dem Kauf des Objektes vom Vivantes-Konzern das 38.000 Quadratmeter große Areal hatte brachliegen lassen, verwandelt jetzt die Avila-Gruppe mit ihrer Tochtergesellschaft Petruswerk die frühere Gesundheitseinrichtung in ein hochwertiges Wohnquartier. Mehr als 600 Mietwohnungen sollen bis 2019 im Wohnpark St. Marien entstehen. Dafür werden der Verwaltungstrakt und der Klinikflügel grundsaniert und innen umgebaut. Auch die Direktorenvilla, die den Abschluss der Gebäudezeile am Mariendorfer Weg bildet und aus welcher der Klinikchef trockenen Fußes ins Bettenhaus gelangte, ist in den Umbau einbezogen.

Tiefgarage soll sämtliche Fahrzeuge der Bewohner aufnehmen

Auf der nördlichen Freifläche, wo Ergänzungsbauten aus der Nachkriegszeit abgerissen wurden, sollen vier freistehende viergeschossige Punkthäuser entstehen, sowie parallel dazu ein das Quartier nach Norden begrenzender kammförmiger Gebäuderiegel. An der Eschersheimer Straße am Nordwestrand des Grundstücks wird ein Wohnhochhaus 71 Meter hoch aufragen. Wo das Gelände an die Silbersteinstraße grenzt, ist ein sechsgeschossiges Wohnheim mit 137 Einzel- oder WG-Appartements für Studenten sowie ein Familienzentrum geplant. Dieses schließt eine Lücke in der Blockrandbebauung.

In Neukölln entsteht ein neues Wohnquartier

Von den Neubauvorhaben, die im zweiten Bauabschnitt beginnen, zeugen bisher vor allem Erdarbeiten. Bagger graben das freie Gelände auf: Um alle Kfz-Stellplätze unterzubringen, soll sich eine Tiefgarage über das gesamte Areal mit Ausnahme der Altbauflächen erstrecken. 475 Fahrzeuge sollen auf der 210 mal 100 Meter großen Parkebene Platz finden. „Wir bringen den ruhenden Verkehr vollständig unter die Erde. Kein Auto soll hier oben stehen“, sagt Projektleiterin Ursula Schamberg. Lediglich Dienstleister wie Taxen oder Müllabfuhr erhalten Zufahrt.

Auch im ehemaligen Krankenhaus, wo laut Planung Interessenten ab Sommer 2017 die ersten 110 bis 140 Quadratmeter großen Wohnungen mieten können, sind die Vorarbeiten erheblich. 106 Namen trage seine Liste der auf der Baustelle gelisteten Arbeiter, , sagt Bauleiter XXX. „Hunderte Tonnen Schutt haben wir herausgeschafft.“ Bis auf den Rohbau bleibe nicht viel stehen, sagt Ursula Schamberg. Als das Petruswerk die Frauenklinik Anfang 2015 kaufte, war sie durch Leerstand, illegale Nutzung und Diebstähle stark heruntergekommen. Anwohnerbeschwerden waren an der Tagesordnung. Weil das Haus nach etlichen Umbauten im Keller außerdem nicht mehr standsicher war, werden seit Wochen in Handarbeit die Fundamente freigelegt und neu abgestützt. Per Hochdruckinjektion wird ein drei Meter starkes neues Betonfundament unter die alten Sockel gepumpt.

Der Altbaubestand, zwischen 1914 und 1917 nach Entwürfen von Baurat und Stadtplaner Theodor Goecke errichtet, ist denkmalgeschützt. So wird Trauf- und Firsthöhe übernommen, wenn Avila den im Winkel errichteten Verwaltungstrakt nun durch zwei weitere Flügel zum geschlossenen Hofhaus ergänzt. Ebenso wie die neuen Wohnhäuser, wird der Anbau sich durch moderne Fassadenplatten und Glas von der Frauenklinik aber deutlich abheben. Denn dort bleiben, bis auf den Vorbau von Balkonen, die Fassaden erhalten.

Frauennamen erinnern an die Geschichte des Ortes

Die farbenfrohen Majoliken werden restauriert. Die alten Fenster sollen instand gesetzt, innen aus energetischen Gründen moderne Fenster davorgesetzt werden. Die Walmdächer werden saniert oder rekonstruiert, wo ein Feuer 2011 den Dachstuhl zerstörte. Während sich im Verwaltungsbau und im Bettenhaus durch die Wohnungsaufteilung der Innengrundriss unter Erhalt historischer Deckengewölbe und Wände verändert, sollen die Eingriffe in der Direktorenvilla gering bleiben. Einer Auflage des Bezirks folgend, entsteht dort eine Kita.

Gemäß dem christlichen Leitbild der Avila-Gruppe und der Katholischen Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft Petruswerk tragen alle Gebäude Namen großer Frauen der Kirchengeschichte. So soll das 21 Etagen fassende Hochhaus nach der Urgroßmutter von König David „Haus Ruth“ heißen, andere Häuser erinnern an die Märtyrerin Ursula oder die heilige Elisabeth. Damit soll der Geschichte des Ortes Rechnung getragen werden. Die Frauenklinik Neukölln war bei ihrer Gründung 1917, damals noch als „Brandenburgische Hebammen-Lehranstalt und Frauenklinik“, eine fortschrittliche Einrichtung.

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