Jan-Christopher Rämer hat als Treffpunkt den S-Bahnhof Neukölln vorgeschlagen. Dort sei gut zu sehen, was diesen Bezirk ausmacht, sagt er. Es ist kurz nach 17 Uhr. Frauen mit Kopftüchern kommen aus dem Bahnhof, Männer mit großen vollgepackten Taschen, ältere Damen mit Einkaufstrolleys. Jugendliche stehen herum, einzeln oder in kleinen Gruppen. Kinder flitzen durch die Menge. Es ist laut und voll. Rämer liebt dieses Gewusel. „Das ist viel besser, als wenn man das Gefühl hat, die Bürgersteige sind hochgeklappt“, sagt er.

Jan-Christopher Rämer, 34, seit 2004 Mitglied der SPD, ist gebürtiger Neuköllner und hat noch bis vor Kurzem im Bezirk gewohnt. Demnächst wird er Neuköllns jüngster Stadtrat werden. Am 15. April, wenn Noch-Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) zur Bürgermeisterin des Bezirks gewählt werden wird, soll er ihr Amt übernehmen. Zwar hat er bisher im städtebaulichen Bereich gearbeitet, war Fachreferent für Städtebaupolitik in der SPD-Bundestagsfraktion und ist noch persönlicher Referent im Bundesbauministerium. Doch was es heißt, in Neukölln zur Schule zu gehen, das weiß er aus eigener Erfahrung. Er hat die Fritz-Karsen-Oberschule besucht, inzwischen eine Gemeinschaftsschule, und dort auch sein Abitur gemacht.

Rämer kennt beide Seiten von Neukölln, den bürgerlichen Süden mit den vielen Einfamilienhäusern, aber auch den Norden, wo viele Migranten leben. Bis er zehn war, hat er in Britz gewohnt. Dort lebt noch immer seine Großmutter. Später sind seine Eltern nach Buckow gezogen. Mit Anfang 20 hat er dann seine erste eigene Wohnung bekommen, die lag an der Hermannstraße im Körner-Kiez. Seit Kurzem wohnt Rämer allerdings am Ostkreuz. „Der Liebe wegen“, sagt er. „Meine zukünftige Frau ist dort politisch aktiv.“ Aber er hofft, dass es irgendwann doch wieder Neukölln sein wird, „wenn wir dort eine schöne große Wohnung finden“.

Selbst als Giffey-Nachfolger ins Spiel gebracht

Rämer hat sich selbst als Nachfolger von Franziska Giffey ins Spiel gebracht. Er hat gern mit Menschen zu tun. „An meiner bisherigen Arbeit hat mich vor allem der soziale Aspekt interessiert“, sagt er. Als Stadtrat für Bildung, Schule, Kultur und Sport wird dieser Aspekt im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen. Außerdem möchte er wieder näher dran sein an dem, was er macht. „Im Bund zu arbeiten war spannend, da haben wir Rahmenbedingungen festgelegt“, sagt er. „In der Lokalpolitik geht es nun darum, diesen Rahmen mit konkreten Vorhaben zu füllen und in der Praxis zu testen, was machbar ist.“ In seiner neuen Position wird Rämer auch Chef des Neuköllner Eisstadions sein. Seit 25 Jahren trainiert er dort in der Eishockey-Mannschaft. „Als Stadtrat für Sport kann ich im Herbst die Saison eröffnen“, sagt er, und freut sich richtig darüber. Beim Eismeister hat er sich schon vorgestellt und gleich den Wunsch nach einer neuen Eismaschine mit auf den Weg bekommen.

Jan-Christopher Rämer trägt Anzug und Krawatte, dazu einen blauen Wollmantel und eine dieser eng anliegenden Mützen, die junge Menschen heute gern aufsetzen. Er wirkt bescheiden, sogar etwas zurückhaltend, obwohl er gern erzählt. Von seiner Familie zum Beispiel – der Vater ist seit Jahrzehnten Zahnarzt in Nord-Neukölln, die Mutter gelernte Krankenschwester. Mit den Jahren ist sie erblindet, was sie nicht davon abgehalten hat, mit Ende 40 Theologie zu studieren. Seit Kurzem ist sie Pfarrerin in der Dreieinigkeitskirche in der Gropiusstadt. „Ich habe miterlebt, dass Inklusion funktionieren kann“, sagt Rämer, der noch drei jüngere Brüder hat.

Die Familie hält zusammen

Der Jüngste ist vor einigen Jahren plötzlich krank geworden und gestorben. Die Familie ist dadurch noch enger zusammengerückt. Wie auf dem Dorf ist Rämer groß geworden in Süd-Neukölln, mit vielen Freiheiten. Das hat ihn geprägt und erklärt die offene Art, mit der er auf Menschen zugehen kann.

Würde er auch seine eigenen Kinder in Neukölln zur Schule schicken? Rämer lacht. „Auf jeden Fall“, sagt er. Einer seiner Brüder müsse sich jetzt diese Frage stellen. Dessen Sohn Oskar werde im nächsten Sommer eingeschult. Für Rämer ist das ein gutes Zeichen. „Es muss uns gelingen, bildungsorientierte Eltern im Bezirk zu halten“, sagt er. Das sei eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre, der Knackpunkt für die weitere Entwicklung in Neukölln. „Nur wenn wir eine gute Durchmischung der Schulklassen hinbekommen, wird der Bezirk eine Zukunft haben.“

Rämer hat deshalb auch nichts dagegen, wenn Schulen den Eltern spezielle Angebote machen, wie zum Beispiel Deutschklassen. Das könne ein Anfang sein, sagt er. „Auf diese Weise können Ängste abgebaut werden.“ Dann fällt ihm noch eine andere Geschichte ein. Ein Mannschaftskamerad vom Eishockey habe ihm kürzlich freudestrahlend gesagt, dass er im Einzugsbereich der Rütli-Schule wohnt. „Das zeigt doch, wie erfolgreich die Schule sich entwickelt hat. Vor einigen Jahren wäre das noch eine Katastrophenmeldung gewesen.“ Der Campus Rütli sei ein gutes Beispiel dafür, wie eine Schule sich entwickeln kann, wenn sie gut unterstützt wird, sagt Rämer. In diesem Fall sei aus einer gemiedenen Restschule eine angesagte Gemeinschaftsschule geworden. Bildungsverwaltung und Bezirk hätten dafür gesorgt, dass genug gut ausgebildete Lehrkräfte, Erzieher und Sozialarbeiter an der Schule arbeiten und die Einrichtung saniert worden ist. Das Campus-Modell ist zum Erfolgsmodell geworden.

„Hoffentlich schaffe ich das“

„Wir werden jetzt weitere Schulen auf einen guten Weg bringen.“ Rämer nennt die Liebig-Sekundarschule und die Walt-Disney-Grundschule in der Gropiusstadt, die den Campus Efeuweg bilden sollen. Der 34-Jährige freut sich auf sein neues Amt. „Ich übernehme ein gut bestelltes Feld“, sagt er. Wie schon Franziska Giffey, will auch er alle Schulen persönlich kennenlernen. „Da stehen 62 Besuche an.“ Rämer lacht: „Das könnte ich in einem Monat schaffen, wenn ich täglich zwei Schulen besuche und nichts anderes mache.“ Er wird sich etwas mehr Zeit lassen. Und natürlich auch alle Sportstätten Neuköllns besichtigen. Eishockey spielen will er übrigens auch weiterhin. „Hoffentlich schaffe ich das“, sagt er. Seine Vorgängerin hat auch in diesem Punkt die Latte hoch gehängt.