Til Biermann ist Journalist und lebte lange Zeit in Hamburg. Dann verschlug es den Sohn des Liedermachers Wolf Biermann an die Spree, genauer nach Neukölln. Er hat über seinen Wechsel einen Beitrag in einem neuen Buch über Berlin geschrieben. Es heißt „Wer ist Berlin?“ und wurde herausgegeben vom ehemaligen Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns, der mehr als 30 Autoren für Geschichten über Berlin gewinnen konnte. Sie geben „Auskunft über die Persönlichkeit der Stadt, ihre Entwicklung von 1945 bis heute“, heißt es. Die Autoren seien Personen der Zeitgeschichte, aus Ost und West, „keine Claqueure“. Der CDU-Politiker Lehmann-Brauns ist ein enger Freund des DDR-Dissidenten Wolf Biermann, der auch einen Beitrag zum Buch leistete. Die Berliner Morgenpost zitiert im Folgenden einige Passagen aus dem Beitrag von Til Biermann.
„Was soll ein Hamburger Fischkopf in Berlin? Das schöne Hamburg hat doch viel zu bieten. Den Hafen, die Elbe, den Duft von Nelken aus den Kontoren, von ranzigem Fisch und Schweröl, die vielen saftigen grünen Bäume. St. Pauli. Ich wollte nie aus Hamburg weg. (…) Dann hat mich die Arbeit nach Berlin verschlagen.
Als Til Biermann nach Neukölln zog
Zunächst war ich etwas unglücklich in dieser breit gefächerten Steppenstadt, die kalte sibirische Winde heimsuchen. Der Boden ist sandig, die Luft ist trocken. Es gibt kein Zentrum, keinen Kiez wie in Hamburg, sondern viele kleine Kieze. Und die Spree ist mehr ein Kanal als ein Fluss. Aber schon nach etwa drei Monaten hatte Berlin mich gepackt. (…) Berlin ist tatsächlich eine Weltstadt, die Hamburg gern wäre.
Ich lebe in Neukölln. Als ich in meine Wohnung gezogen bin, befand sich in den Räumen unter mir noch die Spielhölle eines deutschen Kleinganoven, in der er wahrscheinlich Geld gewaschen hat, kaum jemand saß vor den Automaten. Mittlerweile hat ein amerikanisch-norwegisches Künstler-Pärchen dort eine Galerie eröffnet. Im hinteren Teil der der ehemaligen Spielhalle haben die beiden sich mit viel handwerklichem Geschick eine kleine Wohnwelt gezimmert. In den drei Jahren, die ich in Neukölln wohne, kamen in meiner kleinen 150-Meter-Straße noch zwei weitere Galerien und ein kleiner Laden für italienische Designerkleidung hinzu.
Kunst-Kneipen mit englischem Pub-Quiz
Um die Ecke gibt es eine Kunst-Kneipe. Hier treten jeden Dienstagabend Komiker auf, die – seien sie auch deutscher Herkunft – selbstverständlich auf Englisch ihre Witze reißen.
Am Donnerstag dann wird ein typisch englisches Pub-Quiz veranstaltet, mit absurden und skurrilen Fragen, die über Lautsprecher verkündet werden. Der Laden ist dann brechend voll mit Italienern, Spaniern, Amerikanern, Engländern, Skandinaviern, Franzosen und ein paar Deutschen, die um den wöchentlich steigenden Jackpot miträtseln.
Kiez im ständigen Wandel
Die Betreiber, drei britische Brüder mit alttestamentarischen Vornamen, haben auch kurzerhand den Keller unter der Kneipe zu einem Klub ausgebaut, in dem am Wochenende laute Bässe das alte, freigelegte Mauerwerk erschüttern. Und dass dies glücklicherweise von der Stadt geduldet wird, ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Berlin ist tolerant. (…) Im ehemals berüchtigten Rütli-Schulen-Neukölln machen im Wochentakt neue Bars, Cafés und Kunstläden auf, sodass man alle paar Monate schon fast denkt, in einem neuen Stadtteil zu leben. Das ist ein weiterer Unterschied zum saturierten Hamburg.
Wenn in Hamburg mal ein interessanter neuer Laden öffnet, rennen alle sofort dort hin, sodass der Laden schon schnell den Geruch von Pfeffersäcken annimmt und öde wird. Hamburg ist in diesen Dingen manchmal eine schlechte Imitation der Hauptstadt. In Berlin kommt man gar nicht hinterher, es ist im ständigen Wandel. Wo früher Gemüseläden und verrauchte Teestuben waren, wollen jetzt New Yorker Kreative ihre Träume verwirklichen.“
Til Biermann: ‚Eine bunte Karibikinsel’ aus „Wer ist Berlin?“, herausgegeben von Uwe Lehmann-Brauns, Stapp Verlag Berlin, 270 Seiten, 19,80 Euro.




