Rücktritt

Buschkowsky hat es geschafft, dass alle über Neukölln reden

Heinz Buschkowsky ist Berlins bekanntester Bezirksbürgermeister. Jetzt hat er aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt eingereicht. Würdigung eines Querdenkers.

Foto: M. Lengemann

2004, da war er gerade ein paar Jahre Bezirksbürgermeister von Neukölln, erklärte der bis dato eher unauffällige Heinz Buschkowsky: „Multikulti ist gescheitert.“ Und mit einem Schlag war er berühmt. Es ist ein extrem plakativer Satz, den Buschkowsky da gesagt hat, sein Reiz liegt vor allem darin, dass er zu den Sätzen gehört, von denen sofort eine große Masse Leute denkt: Endlich sagt es mal einer. Er hat bei vielen eine Erleichterung ausgelöst. Heinz Buschkowsky, ein beleibter Lokalpolitiker Mitte 50, trat von Neukölln aus eine bundesweite Debatte los. Da war jemand gegen die, wie er selbst so gern sagt, „Mafia der Gutmenschen“ angetreten. Da lobte nicht jemand sich selbst und seine gute Arbeit, sondern sagte deutlich: In meinem Bezirk läuft etwas falsch. Und er schien damit Erfolg zu haben.

Ab sofort rissen sich alle um Heinz Buschkowsky, den Sozialdemokraten vom rechten Parteiflügel. Erst die regionalen Zeitungen, dann die überregionalen. Und natürlich entdeckten die Talk-Shows den Mann mit dem Hang zur deutlichen Aussage für sich. Seit 2004 taucht Buschkowsky regelmäßig bei Illner, Jauch und Co. auf. Er sitzt dann gemütlich da, mit seinen Retro-Anzügen und den auffälligen Krawatten und sagt immer mehr große Sätze über Muslime, über Imame, und Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Und er fordert beharrlich, mehr Druck auszuüben. Zum Beispiel: Wenn Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schickten, dann sollte man ihnen die Hartz-IV-Bezüge kürzen.

2004 war Buschkowsky gerade von einer Reise nach Rotterdam zurückgekommen. Eine Tour durch soziale Brennpunkte Europas, so wie der, den er selbst regiert. In Amsterdam wurde am 2. November 2004 der Filmemacher Theo van Gogh von einem islamischen Fundamentalisten ermordet. Die Frage, ob ein Mord aus falsch verstandenen religiösen Motiven auch in Deutschland möglich wäre, hatte Buschkowsky mit einer Gegenfrage beantwortet: „Was unterscheidet die Niederlande von Deutschland?“ Aus dem Nachbarland bekam Buschkowsky die Idee der „fordernden Integrationspolitik“, die er in Neukölln praktizieren wollte. „Familien, die Jahrzehnte hier leben und ihren Kindern den Weg in die Gesellschaft versperren, würde ich gern beim Kofferpacken helfen, ehrlich, weil, so wird das nichts“, sagte er einmal.

Politik des wirklichen Lebens

„Was unterscheidet Sie von Thilo Sarrazin?“, ist er in einem Interview gefragt worden. Seine Antwort: „Ich weiß, wovon ich rede. Was ich beschreibe, ist das wirkliche Leben, was mich täglich umgibt.“ Von den Thesen über die „Kopftuchmädchen“ von Sarrazin hat er sich immer distanziert. Und Heinz Buschkowsky hat tatsächlich einiges bewegt in seinen rund 15 Jahren als Bezirksbürgermeister einer der schwierigen Bezirke Berlins. Das liegt auch daran, dass er sich sehr gut auskannte. Die Zahlen über Hartz-IV-Empfänger und Schulabbrecher hat er immer sofort parat. „Es muss Menschen geben, die sehen, was vor Ort wirklich los ist. Menschen wie mich“, so Buschkowsky über Buschkowsky.

Tatsächlich hat er immer im Bezirk Neukölln gelebt. Er wohnt in Buckow, aufgewachsen ist er in einer Kellerwohnung in Rudow, der Vater Schlosser, die Mutter Sekretärin, sie zogen mit den Kindern in die moderne Gropiusstadt. Eine Aufsteiger Familie, so wie es sich Buschkowsky von den Migranten wünscht. Die Eltern sollten denken: „Meine Kinder sollen einen besseren Start ins Leben finden. Sie sollen nicht das durchmachen, was ich durchgemacht habe. Mit dieser Botschaft bin auch ich groß geworden.“ Er war Bezirksverordneter, Stadtrat, Bezirksbürgermeister.

Den „Dorfschulzen“ hat er kaum ernst gemeint

„Ich spiele in der Bezirksliga“, sagt Buschkowsky, einen „Dorfschulzen“ nennt er sich, aber ernst hat er diese Bescheidenheit nicht gemeint. Im Gegenteil. Davon zeugt schon der Titel seines 2012 bei Ullstein erschienenen Buchs sehr deutlich: „Neukölln ist überall“. Buschkowsky kann folgerichtig auch überall mitreden.

Er hat einiges bewegt für seinen Bezirk. Gegen großen Widerstand hat er Sicherheitswachdienst vor Schulen eingeführt, heute geben viele ihm damit Recht, ist hat gegen das Betreuungsgeld gekämpft, damit die Kinder möglichst früh von den Bildungschancen profitieren können, und er ist ein Verfechter von Ganztagsschulen. Bildung, das ist für ihn der Schlüssel zur Chancengleichheit. Bildung, aber auch Druck.

Selbsternannte Friedensrichter lehnt er ab, ebenso, dass muslimische Mädchen vom Sportunterricht befreit werden. Auch gegen die Verschleierung sprach er sich aus. Wie bei allen seinen Beiträgen immer aus der radikal subjektiven Perspektive: „Ich mache keinen Hehl daraus: Ich finde, dass ein Straßenbild mit überwiegend völlig verhüllten Frauen nicht dem entspricht, was ich mir unter allgemeinen Verhaltensregeln für den öffentlichen Raum in Mitteleuropa vorstelle“, sagte er in einem Essay zu seinem jüngsten Buch „Die andere Gesellschaft“. Da machte er noch nicht den Eindruck, dass er bald aufhören wolle: „Nicht selten kommen Besucher zu mir ins Rathaus und sagen: Sagen Sie mal, ich traue meinen Augen nicht – was ist denn mit Neukölln passiert, seit ich vor ein paar Jahren das letzte Mal hier war? Und ich sage dann: Auch wenn es so aussehen mag: Wir sind kein Gottesstaat. Und ich werde tun, was ich kann, damit es auch nicht dazu kommt.“

Die Debatte ist inzwischen weitergezogen. Was Buschkowsky gar nicht gefällt, ist die Nutzung seiner Thesen durch Teile der Pegida-Bewegung.

Am 1. April verabschiedet sich Heinz Buschkowsky, 66, aus dem Bezirksamt. Neukölln wird er erhalten bleiben. Und auf der Straße wird er wohl auch präsent bleiben. Denn seine Frau, so sagte er der „Bild“-Zeitung, wolle ihn nicht unbedingt den ganzen Tag im Haus haben. „Als Hausmann bin ich eine Null.“