BVG

Neue Wege im Dauerkampf gegen Graffiti-Schmierer

Die BVG hat die U-Bahnstation Hermannstraße in Neukölln in einen Dschungel verwandelt - weil bunte Wände seltener beschmiert werden als schlichte weiße. Die Schäden durch Graffiti sind immens.

Foto: Massimo Rodari / Massimo Rodari (2)

Wer schon immer mal einem rotgesichtigen Rüsselhündchen in die Augen schauen wollte, der muss jetzt nicht extra nach Ostafrika reisen. Nicht einmal ein Besuch des Berliner Zoos oder des Tierparks ist dafür nötig, es reicht die Fahrt mit der U8 bis zur südöstlichen Endstation Hermannstraße.

Gerade erst haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) den Bahnhof für rund 1,5 Millionen Euro saniert. An den zuvor schmucklosen Pfeilern, die die Decke des Neuköllner U-Bahnhofs stützen, sind nunmehr lebensgroße Bildnisse von mehr als 80 seltenen Tiere zu sehen.

Von der einen Säule kreischt etwa ein Rhinozerosvogel, der eigentlich auf Sumatra beheimatet ist, während auf der anderen ein Sansibar-Stummelaffe oder eben das erst 2008 im tansanischen Udzungwa-Gebirge entdeckte Rüsselhündchen im dichten Regenwald herumturnt. Alle abgebildeten Exoten eint, dass sie vor allem durch den Raubbau der Menschen an ihren angestammten Lebensräumen vom Aussterben bedroht sind.

Schutz durch Glasur

„Wir wollen mal was ganz anderes machen“, begründet Uwe Kutscher, Bauchef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die für hauptstädtische Bahnhöfe durchaus ungewöhnliche Innengestaltung unter dem Motto „Großstadt-Dschungel“. Zwar sind auch in anderen U-Bahnhöfen Tiermotive zu finden, doch längst nicht so flächendeckende und so farbenfrohe, wie die jetzt vom Berliner Künstler Felix Scholz geschaffenen Illustrationen. Doch mit den bunten Dschungelmotiven im U-Bahnhof Hermannstraße will die BVG nicht einfach nur mehr Farbe in die Stadt bringen, diese sind vielmehr Teil einer neuen Strategie der landeseigenen Verkehrsbetriebe gegen den gerade in Verkehrsmitteln allgegenwärtigen Graffiti-Vandalismus. Die Erkenntnis dahinter: Künstlerisch gestaltete, möglichst bunte Wände und Pfeiler werden seltener beschmiert als schlichte weiße. „Warum, wissen wir nicht. Aber vielleicht gibt es ja in der Szene noch so etwas wie Respekt vor dem Kunstwerk eines anderen“, mutmaßt Martin Renz, der seit sieben Jahren bei der BVG verantwortlicher Architekt für Berlins U-Bahnhöfe ist.

Allein auf Respekt will die BVG nicht vertrauen. So sind die Tiermotive mit einer Glasur versehen, die tief in die aus Spanien stammenden Feinsteinzeugfliesen eingebrannt ist. „Absolut vandalismussicher“, versichert Renz. Die Fliesen sind auf Stoß geklebt, damit die Zwischenräume schmal sind. „Breite Fugen lassen sich einfach schwerer von Graffiti reinigen“, so die Erklärung des BVG-Architekten.

Jährlichen sieben Millionen Euro für Beseitigung der Schäden

Öffentliche Verkehrsmittel sind seit jeher und in allen Städten bevorzugtes Ziel von Graffiti-Sprayern. Möglichst viele Menschen sollen ihre Werke sehen, so das erklärte Ziel der gern anonym bleibenden Sprayer, die in allerseltensten Fällen irgendwelche künstlerische Ambitionen haben. Bahnhöfe werden täglich von Zehntausenden Menschen passiert, Busse und Bahnen fahren den ganzen Tag über durch die Stadt – sie sind also ideale Transporteure der oft einfältigen Botschaften und simplen Sprayer-Autogramme, die in der Szene Tags genannt werden.

Die Schäden für die Verkehrsunternehmen und damit auch für die Fahrgäste, die die Kosten über ihr Ticket mitbezahlen, sind immens. So gibt allein die Berliner S-Bahn jährlich rund sieben Millionen Euro für die Beseitigung von Sachbeschädigungen in ihren Zügen aus. Ein Gutteil wird gebraucht, um Farbschmierereien zu entfernen und zerkratzte Fensterscheiben zu ersetzen. 2013 wurden 1614 Fälle von Sachbeschädigung an und in den Fahrzeugen der S-Bahn angezeigt. Die BVG registrierte im Vorjahr 1528 Fälle von Sachbeschädigung, etwa ein Drittel weniger als im Jahr zuvor. 2009 wurden mit 3711 noch deutlich mehr als doppelt so viele Schadensfälle angezeigt. Auch die Kosten für die Beseitigung von Vandalismusschäden sind zurückgegangen. Von 9,7 Millionen Euro 2009 auf rund vier Millionen Euro im Jahr 2013. Das sei auch ein Ergebnis der aktuellen Strategie der Verkehrsbetriebe bei der schrittweisen Modernisierung ihrer insgesamt 173 U-Bahn-Stationen, wie BVG-Sprecherin Petra Reetz betont.

Ausrüstung mit moderner Videotechnik

„Generell werden unsere Bahnhöfe sichtbar heller und übersichtlicher, dunkle Winkel und schwer einsehbare Ecken verschwinden“, so der Bauverantwortliche Uwe Kutscher. Dazu gehört auch, dass die Bahnsteige einen Bodenbelag aus hellem Granit erhalten. Das ist längst nicht überall möglich, wie die Beispiele Leinestraße und Boddinstraße zeigen. Die beiden Stationen an der Linie U8 stehen, anders als der Endbahnhof Hermannstraße, unter Denkmalschutz.

Und die dafür zuständige Behörde macht der BVG strenge Vorgaben. Zudem rüstet die BVG ihre Stationen mit moderner Videotechnik aus. Die von den Kameras mit Rundumblick gelieferten Bilder erleichtern es Polizei und Justiz erheblich, Straftätern auf die Spur zu kommen. Auch Graffiti-Schmierer können so leichter identifiziert werden. Doch längst nicht alle lassen sich davon abschrecken: Nur wenige Tage nach der Wiedereröffnung prangte auf den Wandfliesen des U-Bahnhofs Leinestraße eine mehrere Quadratmeter große Farbschmiererei.