Bildung

Wenn eine gute Schule den ganzen Kiez verändert

Die Neuköllner Karlsgarten-Schule will eine Schule für alle Bewohner des Kiezes sein. Eine Initiative engagiert sich dafür, dass bürgerliche Familien nicht wegziehen - mit Erfolg.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Für 30.000 Kinder beginnt an diesem Sonnabend die Schule. Auch für einige Dutzend in der Neuköllner Karlsgarten-Schule. Die Schulanfänger sitzen in der Aula ganz vorn und halten ihre Zuckertüten fest.

Sie haben deutsche Namen, türkische, arabische, afrikanische oder rumänische. Viele sind dunkelhaarig, andere blond. Die meisten sind vor Aufregung ganz still. Schulleiterin Barbara Unger wird den Eltern später sagen, dass an ihrer Schule alle Kinder zusammen lernen, egal, wie sie aussehen, wo sie herkommen, was ihre Eltern sind.

Eines der Kinder ist Lauris. Der Sechsjährige kennt seine Schule sogar schon ein wenig – weil er schon eine Woche lang im Hort war und weil seine Schwester Ella, die inzwischen die dritte Klasse besucht, ihm schon viel erzählt hat.

Früher sind viele weggezogen

Lauris Eltern haben sich bewusst für die Karlsgarten-Schule entschieden. Es ist die Grundschule in ihrem Kiez, nur zehn Minuten von der Wohnung entfernt. Auch einige Kita-Freunde von Lauris gehen jetzt in diese Schule. Lauris Mutter Susann Worschech freut das sehr.

Noch vor drei Jahren seien bildungsbewusste Eltern weggezogen aus dem Kiez, wenn die Einschulung ihrer Kinder bevorstand, sagt sie. Die vielen Migrantenkinder hätten sie abgeschreckt. „Die sind nur kurz in die Schule gekommen, haben den Ummeldeantrag abgeben und sind dann ganz schnell wieder gegangen.“ Nicht mal umgesehen hätten sie sich.

In Berlin gilt das Sprengelprinzip. Jede Straße, jedes Haus ist einer bestimmten Schule zugeteilt. Wer sein Kind dort nicht hinschicken will, muss sich bei einer anderen Schule bewerben. Das muss nicht zwangsläufig klappen. Oder er sucht nach einer Privatschule.

In der Vergangenheit haben sich Eltern auch unter der Adresse von Freunden oder Verwandten angemeldet, um an die Schule ihrer Wahl zu kommen. Wer ganz sichergehen wollte, zog weg. Susann Worschech wollte weder umziehen noch nach einer Privatschule suchen, als ihre Tochter Ella vor drei Jahren eingeschult werden sollte. Sie wollte im Kiez bleiben. Ihre Tochter sollte lernen, mit vielen verschiedenen Kindern umzugehen.

„Kiezschule für alle“

Zusammen mit Petra Lafrenz, die für ihre Tochter Ylva nach einer Schule suchte, gründete sie deshalb 2011 die Initiative „Kiezschule für alle“. Ihr Ziel war es, Eltern für die Karlsgarten-Schule und die Karl-Weise-Schule zu interessieren. „Wir wollten die Eltern nicht überreden, ihre Kinder an einer dieser Schulen anzumelden“, sagt Worschech. Es sei vielmehr darum gegangen, dass sich die Eltern diese Schulen überhaupt erst einmal ansehen, die Lehrer kennenlernen und das Konzept der jeweiligen Schule.

Die Karlsgarten-Schule mache zum Beispiel erfolgreich jahrgangsübergreifenden Unterricht, habe ein Theaterprofil und besonders gute Mathelehrer. Die Arbeit der Initiative war erfolgreich. Immer mehr bildungsnahe Eltern haben sich dafür entschieden, ihre Kinder in einer der beiden Kiezschulen anzumelden, statt wegzuziehen oder weite Schulwege in Kauf zu nehmen. Inzwischen gibt es an beiden Schulen eine große Nachfrage und in vielen Klassen eine gute Durchmischung. Susann Worschech sagt, dass sie nun nicht mehr werben müssten. Die Initiative werde sich künftig um die Öffentlichkeitsarbeit für die beiden Schulen kümmern.

Eltern waren skeptisch

Auch in andere Kiezen, sei es in Neukölln, Kreuzberg oder Mitte, sind Eltern und Schulleitungen um eine gute Mischung der Schülerschaft bemüht. An der Lenau-Schule etwa haben sich ganze Kitagruppen angemeldet. An der Gustav-Falke-Schule sorgen Klassen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt für das Interesse vieler Eltern.

Die Arbeit der Initiative sei nicht immer reibungslos verlaufen, räumt Worschech ein. Anfangs seien viele Eltern skeptisch gewesen, nach dem Motto: „Jetzt kommen die, die alles umkrempeln wollen.“ Ihre gute Zusammenarbeit mit einem türkisch- und einem arabischstämmigen Vater in der Gesamtelternvertretung der Schule habe dann vieles verändert. „Wir halten zusammen, Probleme werden offen diskutiert. Diese Kultur prägt jetzt die Atmosphäre an der Schule.“

Susann Worschech will auch anderen Eltern Mut machen, ihre Kiezschule zu entdecken. „Wenn Schulleitung und Lehrer offen sind für Vielfalt, dann lohnt es sich unbedingt, im Kiez zu bleiben“, sagt sie. Rechnen und Schreiben würden die Kinder überall lernen, soziale Kompetenzen aber vor allem im Umgang mit vielen verschiedenen Kindern. „Eine gute Schule verändert schließlich den Kiez“, sagt Worschech. „Für uns ist längst die Schule der Hauptgrund dafür, dass wir hier bleiben wollen.“