Bildung

Schulstart in Berlin mit vielen Hindernissen

Für mehr als 400.000 Schüler hat am Montag das neue Schuljahr begonnen. Es gibt genug Lehrer, dafür viele Baustellen in den Schulen. Und noch dazu ein neues Problemthema: die Inklusion.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Einen Schulstart der besonderen Art haben die Schüler der Klassen 8 bis 10 der Lichterfelder Max-von-Laue-Schule erlebt. Sie trafen sich am Montagmorgen vor dem Titania-Palast an der Schloßstraße und durften sich den neuen Thriller „Lucy“ mit Scarlett Johansson ansehen. „Ein Drogenpräventionsfilm“, sagt die Schulstadträtin von Steglitz-Zehlendorf, Cerstin Richter-Kotowski (CDU). Sie hatte die Schüler ins Kino eingeladen. Allerdings nicht, um sie vor Drogen zu schützen, sondern vor dem Baustellenchaos, das immer noch an ihrer Schule herrscht. Während die 300 Schüler im Kino saßen, konnten zumindest die neuen Siebtklässler an der Max-von-Laue-Schule in der Aula begrüßt werden.

Für mehr als 400.000 Schüler begann am Montag das neue Schuljahr an den öffentlichen, privaten und berufsbildenden Schulen. Allein an den allgemeinbildenden Schulen lernen in diesem Jahr 5600 Schüler mehr als im Vorjahr. Das hat die Senatsbildungsverwaltung vor eine besondere Herausforderung gestellt. 2000 neue Lehrer mussten eingestellt und Schulgebäude saniert und erweitert, zusätzliche Klassenzimmer geschaffen werden. Nicht an jeder Schule in der Stadt verlief der Start ins neue Schuljahr reibungslos. Bauchaos gab es zum Beispiel auch am Albert-Einstein-Gymnasium in Neukölln. Laut Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist dort gerade mit der Sanierung der Toiletten begonnen worden.

Ausreichend Lehrer eingestellt

An der Max-von-Laue-Schule herrschte am Dienstag vergangener Woche noch das „große Chaos“, wie es Schulleiter Günther Schrenk nennt. Er war nach längerer Krankheit den ersten Tag wieder da. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, sagt der 63-Jährige. Er hatte in den vergangenen Jahren schon viel mitgemacht: 18 Monate sollte der Ausbau der Schule, die Modernisierung und der Bau eines neuen Gebäudes auf dem Hof dauern. Vier Jahre hat es schließlich gedauert, in denen die Baukosten von 3,8 Millionen auf 7,5 Millionen Euro gestiegen sind – vier Jahre, die an den Nerven gezerrt haben. Und dann stand Günther Schrenk eine Woche vor Schulbeginn immer noch auf einer Baustelle, mit Kisten, Eimern, fehlenden Türen, unverlegten Kabeln. Er schlug Alarm und schaffte es, dass am Freitagabend die Bauabnahme erfolgen konnte. Hof, Atrium und Sportplatz fehlen allerdings noch.

„Schön, dass es mit eurer Einschulung doch noch geklappt hat“, begrüßte Schulleiter Schrenk am Montag die siebten Klassen in der neuen Aula. Er musste laut sprechen, denn die Technik war noch nicht installiert, ein Mikrofon gab es noch nicht. Auch das Kulturprogramm der älteren Klassen zum Empfang der Neulinge musste ausfallen. „Üblich ist auch, dass die Schüler der siebten Klassen mit einer kleinen Überraschung begrüßt werden“, sagte Schrenk. Die müsse sich noch in einer Kiste verstecken und werde erst in den nächsten Tagen übergeben werden können.

Immerhin hat die Max-von-Laue-Schule keine Sorgen bei der Lehrerausstattung, alle Pädagogen haben am Montag ihren Dienst angetreten. Auch an den meisten anderen Schulen der Hauptstadt verlief der Schulstart, was die Lehrerschaft betrifft, reibungslos. Lothar Semmel von der Vereinigung der Berliner Schulleiter sagte, dass es der Bildungsverwaltung in einem Kraftakt gelungen sei, fast alle 2000 offenen Stellen zu besetzen. „Dabei sind überwiegend voll ausgebildete Lehrer eingestellt worden“, so Semmel. Fast alle seien am Montag auch in den Schulen angekommen. Die Verwaltung hätte lediglich auf etwa 300 Quereinsteiger zurückgreifen müssen. Unbefriedigend sei aber die Lage an den Grundschulen. Dort hätten viele Oberschullehrer, aber auch Quereinsteiger eingesetzt werden müssen, weil es zu wenig ausgebildete Grundschullehrer gebe.

Die Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, Rita Schlegel, kann das bestätigen. Sie habe neun Stellen besetzen müssen, sagte sie. „Ich habe sechs Oberschullehrer eingestellt, einen Quereinsteiger und einen Grundschullehrer.“ Eine Stelle sei noch offen. Schlegel ist dennoch zufrieden. Die Neuen seien fast alle jung und hätten Lust auf Schule.

Auch Carsten Paeprer, Schulleiter der Neuköllner Hans-Fallada-Schule, konnte acht Stellen besetzen. „Wir haben drei Sonderpädagogen, drei Grundschullehrer, eine Studienrätin und einen Quereinsteiger eingestellt“, sagte Paeprer. Der Quereinsteiger müsste nun noch zwei Fächer studieren. Das gestalte sich schwierig, da er wöchentlich vier Seminare besuchen müsse, und zwar an drei Tagen und vier verschiedenen Orten. „Das ist sowohl für den jungen Mann als auch für uns als Schule eine Herausforderung.“ Kurzfristig hat sich zudem noch ein anderes Problem aufgetan. Paeprer muss für zwei schwangere Kolleginnen Ersatz finden. „Wir brauchen dringend Musiklehrer“, sagte er.

Zu wenig Förderstunden

Lothar Semmel von der Vereinigung der Berliner Schulleiter kritisierte überdies, dass die Verwaltung in den vergangenen Monaten keinerlei Kapazitäten für andere Aufgaben wie etwa die Umsetzung der Inklusion gehabt habe. „Die Suche nach Lehrern hat alle Kräfte gebunden.“ Im Bereich der Inklusion sehe es schlecht aus. Schon jetzt würden etwa 5000 Kinder nicht die 2,5 zusätzlichen Förderstunden pro Woche bekommen, die ihnen zustehen. Dieses Missverhältnis werde künftig noch größer werden, da die Zahl der förderbedürftigen Kinder zunehme, die Anzahl der Förderstunden aber festgeschrieben sei.

Probleme gab es am Montag an der Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg. Eine Mutter hatte drei Tage vor Schulbeginn erfahren, dass sie ihren schwerbehinderten Sohn am ersten Schultag nicht in diese Schule bringen darf. Zur Begründung hieß es: „Seine Versorgung durch Schulhelfer ist nicht gewährleistet.“ Wann und ob sich das ändert, sei ungewiss, erfuhr die Mutter. Ohnehin sollte der Zwölfjährige nicht mehr seine Schulhelferin bekommen, zu der er längst ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Sie war an eine andere Schule versetzt worden. Der Mutter wurde von der Schulleitung mitgeteilt, dass die Senatsbildungsverwaltung 40Prozent der Schulhelferstunden an der Grundschule gekürzt hatte.

Diese Zahl kann die Senatsbildungsverwaltung nicht bestätigen. Dennoch werden Probleme eingeräumt. „Das geht so nicht“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Sie stellte weitere Schulhelferstunden für die betreffende Schule in Aussicht. Auch für den zwölfjährigen Jungen werde es eine Lösung geben. Möglicherweise bekomme er sogar seine alte Schulhelferin zurück, sagte Stoffers.