Der Rosa-Luxemburg-Platz hat seit diesem Freitag sein eigenes Freibad. Bis Oktober wird der urbane öffentliche Raum zur kostenlosen Oase für alle. Beim Anbaden im neuen Volksbad in Berlin-Mitte herrscht am Freitagmittag wuseliges Treiben. Vor dem Eingang hat sich eine überschaubare Schlange gebildet. Manchem mag es zu wolkig gewesen sein zum Schwimmen. Beheizt ist der Gratis-Pool nicht. Das Pommes-Pop-up, das schlicht „Pommes am Volksbad“ heißt – hier gibt es gekühlte Getränke und Pommes in zwei Größen für drei oder vier Euro. „Für Eis haben wir nicht genug Kühlkapazitäten“, sagt Jost Wiegand, der die Pommesbude schaukelt.

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Wie gut, dass mehrere Menschen mit Bauchladen vor dem Bad fürs Eis sorgen: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung verschenkt eigens für den Anlass hergestelltes Wassereis und Papierfächer. Natürlich nicht ohne eine Botschaft. Auf den Fächern steht: „Es gibt nur zwei Geschlechter: Faschisten und Antifaschisten.“ Auf dem Gratis-Eis steht: „Leck doch wen du willst.“ Die Galerie „Nioaa“ verkauft Himbeereis mit Vanillesoße für 3,50 Euro, ohne Botschaft.

Baden vor der Volksbühne / Volksbad
Anbaden im Volksbad vor der Volksbühne am 7. August in Berlin: Gäste schwimmen im öffentlichen Schwimmbecken vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Lilienthal über Volksbad: „Das Wunder von Berlin“

Drinnen im Volksbad herrscht aufgekratzte, aber sehr gechillte Stimmung: Ein Pulk von Reportern und begeisterten Badegästen testet das Wasser, fotografiert und debattiert. Am Anfang sind mehr Reporter und Schaulustige als Badegäste zu sehen. Mitten drin im Treiben steht barfuß und mit nassem Haar Matthias Lilienthal, neuer Intendant der Volksbühne. Er sei bereits seit sechs Uhr wach und war auch schon drin im Becken. Das erste Interview habe er gegen sieben geführt. Unermüdlich und freundlich sagt er den Journalisten immer wieder, wer die Idee hatte und warum er sie gut findet.

Es sei doch das „Gesprächsthema der letzten zwei Wochen gewesen“, nicht nur in Berlin. „Die Leute lieben das Volksbad. Ich finde, es ist das Wunder von Berlin, dass man hier ein Bad hingestellt hat“, lacht er. Mehr habe er im Moment nicht zu sagen. Ob er sich schon einen Schwimmring aufgeblasen hat oder einen Flamingo? „Nein, ich gehe einfach so schwimmen, ohne Schwimmtiere“, sagt der Intendant.

Intendant Mathias Lilienthal Volskbad
Kann sich vor Interview-Anfragen kaum retten: Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal vor dem Volksbad. © BM | Iris May

Was die ersten Badegäste sagen

Die Wassertemperatur am wolkenverhangenen Freitag beträgt 24 Grad, wie das Team zufrieden feststellt. Die ersten Badegäste äußern sich begeistert. Nicht nur Daniel aus Gesundbrunnen und Carsten aus Prenzlauer Berg wollen jetzt so oft wie möglich hierherkommen. Auch Elisabeth findet die Idee des Volksbades „cool“, vor allem da sie nur ein paar Straßen weiter wohnt. Sie hat sich im Vorfeld gleich für morgen und übermorgen Zeitslot-Tickets beschafft. Es gibt keine Limitierungen, wie oft man das Bad nutzen darf. Nur eine Bedingung gibt es, die überwacht wird: „Man muss vor dem Schwimmen duschen“, erklärt eine Sprecherin. Gelegenheit dazu gibt es in den mobilen Duschcontainern, die extra dafür aufgestellt wurden.

Ab 14 Uhr steht der erste kostenlose Kraul-Schwimmkurs an. Das 25-Meter-Becken wird von zwei Team-Mitgliedern mit einem Seil in zwei Hälften geteilt. „Man sollte schwimmen können, wenn man Kraulen lernen will“, erklärt eine Aufsichtsperson. „Jeder, der ein Zeitslot-Ticket gebucht hat, kann an den kostenlosen Schwimmkursen teilnehmen.“ Der Andrang hält sich aber sehr in Grenzen. Vielleicht wollten einige auch den Andrang bei der Eröffnung meiden.

Volksbad
Wollen jetzt öfter kommen: die Badegäste Daniel und Carsten im Volksbad.© BM | Iris May

Rettungsschwimmerin Helena war bereits im Strandbad Plötzensee im Einsatz. Einen Ertrinkenden, der viel schwerer war als sie, musste sie noch nie retten, wie sie erklärt. Rettungsschwimmer nutzen im Wasser ohnehin weniger ihre Muskelkraft, um das Körpergewicht einer schweren Person zu heben, sondern verlassen sich auf den natürlichen Auftrieb des Wassers, die richtige Schlepptechnik und andere Hilfsmittel.

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Jochen Sandig über die Symbolkraft des Pools

Auch Kulturmanager Jochen Sandig ist unter den ersten Badegästen. Für ihn steckt hinter dem „Volksbad“ weit mehr als ein sommerlicher PR-Coup des Theaters. Den Pool sieht er als Katalysator für eine viel größere, visionäre Idee: das Schwimmen in der Spree. Wer genau hinschaut, entdeckt auf dem historischen Relief am Gebäude tatsächlich die Darstellung schwimmender Menschen – eine Entdeckung, die auch Intendant Matthias Lilienthal elektrisierte. Sandig und Lilienthal sind seit Jahren eng befreundet.

Volksbad
Schwimmende Menschen auf der steinernen Fassade der Volksbühne Berlin. Das Gebäude aus dem Jahr 1914 stammt von Reform-Architekt Oskar Kaufmann.© BM | Iris May

Nach dem Vorbild von Städten wie Basel, wo das Rheinschwimmen mit wasserdichten Wickelfischen längst zum Alltag gehört, oder Paris, das seine Flussbäder reaktiviert, fordert Sandig diesen radikalen Schritt auch für die Hauptstadt. Das Element Wasser, aus dem wir alle kommen, müsse den Berlinern barrierefrei zurückgegeben werden. Dass das Schwimmen im Fluss keine Utopie ist, weiß er aus eigener Erfahrung: Er ist selbst erst kürzlich in der Spree geschwommen.