Die Faszination vieler Berliner für den Mythos Samurai könnte jetzt zu einer renommierten Auszeichnung führen. Erst kürzlich wurde bei Ausgrabungen am Molkenmarkt unter Kriegstrümmern aus dem Zweiten Weltkrieg ein altes Samurai-Schwert entdeckt, das die Begeisterung weiter anfachte. Das erst 2022 eröffnete Samurai Museum in der Auguststraße wurde jetzt für den renommierten EMYA-Award als „Europas bestes Museum“ nominiert. Der Gewinner wird im Juni bekannt gegeben.

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Was man über die Auszeichnung wissen muss, die 1977 ins Leben gerufen wurde: Etablierte Einrichtungen wie der Louvre oder die Alte Nationalgalerie können nicht teilnehmen. Denn eines der Hauptkriterien ist, dass das Museum entweder neu entwickelt oder grundlegend renoviert sein muss. Die Konkurrenz ist dennoch groß: Neben dem Samurai Museum sind 14 weitere europäische Museen nominiert, darunter das Dokumentationszentrum Obersalzberg rund um Hitlers ehemaligen „Berghof“ und das CERN Science Gateway der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) nahe dem Genfer See.

Samurai: Grausame Morde mit Ehrenkodex
Samurai sind Elitekrieger, die in Japan vom 7. bis 19. Jahrhundert existierten. Während es sich bei japanischen Ninja-Kämpfern um Schattenkrieger, Spione oder Attentäter, meist aus niederen Schichten, handelte, waren Samurai privilegierte Krieger des japanischen Adels mit strengem Ehrenkodex, genannt „Bushido“, wie der Rapper. Samurai durften Personen niedriger Stände straflos töten. Gelang eine Aufgabe nicht, verloren sie ihr Gesicht und mussten sich selbst töten („Harakiri“).
Im Museum in der Auguststraße sind rund 1000 Artefakte aus der Privatsammlung des Bauunternehmers Peter Janssen zu sehen. Dessen Leidenschaft für die Kultur der Samurai begann 1985 auf dem kultigen Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni. „Irgendwann hatte ich keinen Platz mehr für all meine Rüstungen, Helme und Klingen“, so Janssen. 2017 entstand aus seiner Sammlung das Samurai Museum in Dahlem, das im Mai 2022 nach Mitte umzog. Es soll mittlerweile die größte Sammlung authentischer Samurai-Artefakte außerhalb Japans sein.

Besucher lieben die interaktiven Elemente
Was im Museum sofort auffällt, ist die hohe Dichte an jungen Menschen und Kindern. Das könnte daran liegen, dass die Inhalte spielerisch und interaktiv vermittelt werden. Mit speziellen 3D-Fächern wird ein großes Wimmelbild erst sichtbar. In einem gestengesteuerten Spiel können japanische Fabelwesen (Yōkais) entdeckt und gesammelt werden.
Die Morgenpost hat mit Besuchern darüber gesprochen, was sie am Samurai Museum mögen oder was ihnen weniger gefällt. Claudia reiste am Sonntag aus Brandenburg mit ihrem fünfjährigen Sohn an: „Er ist noch recht klein“, erklärt sie. „Aber er ist gerade sehr fasziniert von Vermummungen. Wenn Kinder ‚Karate Kid‘, einen Film über Ninjas oder einen Kung-Fu-Film sehen, dann wollen sie alles darüber wissen. Mich selbst interessiert es auch, wie das Ganze entstanden ist. Dass es da verschiedene Epochen gibt und verschiedene Clans.“

Familienvater Kay kam mit Tochter Carlotta (10) und Sohn Hendrik (7) aus Zehlendorf ins Museum. Als Vorbereitung hat die Familie eine Doku über Samurai gesehen. „Die haben wir abgebrochen, weil es da ganz schön brutal zuging. Samurai müssen ja den Kopf abschneiden, und das zu sehen, ist natürlich für Kinder nicht so ganz ideal“, berichtet Kay.
„Aber was uns an diesem Museum gefällt, ist das Interaktive. Das haben die hier richtig gut gemacht“, sagt er. Auch den gezeigten Film und die Hologramme lobt der Vater. Kann das Museum den Preis als „Europas bestes Museum“ gewinnen, obwohl auch Hitlers Obersalzberg nominiert ist? „Oh, da war ich auch mal 2014“, sagt Kay. „Das hat mich sehr beeindruckt, aber da würde ich nicht mit Kindern reingehen.“

Ein Schwert aus 33.000 Schichten
Auch Nelly (28) und Laura (29) aus Berlin gefällt das Samurai Museum. Nelly ist besonders vom handwerklichen Aspekt der Samurai-Schwerter fasziniert: „Dass man das Schritt für Schritt ansehen kann im Museum, wie die Schwerter 13 Mal gefaltet werden und aus 33.000 unterschiedlichen Schichten bestehen! Auch wie unterschiedlich die Helme gestaltet sind, finde ich interessant.“
Nelly lernte bereits in der Schule Japanisch und sah auf Netflix die Anime-Serie „Blue Eye Samurai“ über eine Frau, die sich als Mann verkleidet und als Kriegerin durchsetzt. Tatsächlich kämpften Samurai-Krieger ab dem 12. Jahrhundert Seite an Seite mit adeligen Frauen, die in Kampfkunst ausgebildet waren. Das Plakat am Eingang zeigt ebenfalls eine Kriegerin.
Es ist hochdramatisch. Es geht im Leben eines Samurais doch darum, das Leben von Menschen zu beenden. Die Kriegskunst wirkt hier aber unglaublich schick.
Laura (29) , Besucherin des Samurai Museums
Laura wendet ein, dass sie gerne mehr über die Hintergründe, aber auch die Abgründe eines Samurai-Lebens erfahren hätte. „Das Erschreckende kommt hier gar nicht so rüber. Man sieht im ganzen Museum keinen einzigen toten Menschen. Dabei ist das doch hochdramatisch. Es geht im Leben eines Samurais doch darum, das Leben von Menschen zu beenden. Die Kriegskunst wirkt hier aber unglaublich schick.“
Grausamkeit, Empathie und Schönheit
Trotz ihrer Gnadenlosigkeit im Krieg betont der „Bushido“-Ehrenkodex der Samurai die Tugend des Mitgefühls (Jin). Von diesem Mitgefühl wird das Ideal abgeleitet, bei der Entscheidung über Leben und Tod Werte wie Güte und Gerechtigkeit walten zu lassen, sofern die Situation dies ermöglicht.

Auch privat bewegte man sich in einem Korsett strenger Regeln. Gezeigt wird im Samurai Museum auch eine Senfte, an deren Seite eine Geisha mit winzigen Füßen steht, das Schönheitsideal Japans. Auf Tafeln im Museum kann man lesen: Ehen waren damals strategische Bündnisse. Von Samurai-Bräuten der Edo-Zeit (1615–1868) wurde Unterwerfung und Pflichtgefühl erwartet. Liebe spielte keine Rolle. Schlimmer noch: „Persönliche Gefühle waren unerwünscht.“





