Gestern war ich dabei, als sie auf den Obersalzberg fuhren. Vor einem guten Jahrzehnt kam ich selbst das erste Mal dorthin, mit einer Historikerkommission, die raten sollte, wie man nach dem Abzug der US-Armee mit dem kontaminierten Gelände umgehen sollte. Wir standen damals an den kümmerlichen Resten von Hitlers "Berghof". Der Blick ging über eine der schönsten Alpenszenerien der Welt, ein tief gestaffeltes Naturtheater. Wie konnte man ausgerechnet hier, wo auch ein Atheist etwas von der Heiligkeit der Schöpfung ahnt, solch mörderische Anschläge auf die Humanität ersinnen wie A. H. und seine Komplizen?
Unsere Kommission empfahl dem Freistaat Bayern damals, eine Dokumentation einzurichten, welche die ganze NS-Geschichte erzählt. Denn die Verlockung für naive Touristen ist groß, nur das Bizarre der Felsenbunker zu bestaunen und das Fantastische des Kehlsteinhauses, zu dem immer noch, wie 1939, ein Aufzug im Hollywoodstil 140 Meter im Inneren eines Berges fährt. Hitler reduziert auf die Figur eines Bösewichtes im James-Bond-Film - wie konnte man das verhindern? Jetzt wanderten wir durch die vorzügliche Ausstellung, die das Institut für Zeitgeschichte auf das Fundament des ehemaligen Gästehauses gebaut hat. Eine deutsche Geschichte, provinziell und welthistorisch wie der ganze NS-Spuk: wie der in Berlin als Dichter gescheiterte Dietrich Eckardt, ein fanatischer Antisemit, sich 1920 mit dem jungen Hitler befreundet und ihn 1923 in sein Feriendomizil Obersalzberg mitnimmt. Wie nach 1933 alles zum "Führersperrgebiet" erklärt wird und die früheren Bewohner vertrieben werden. Wie der Obersalzberg zur zweiten Regierungszentrale ausgebaut wird, in der der Diktator, weit weg vom wirklichen Leben, seinen Zerstörungsträumen nachhängt. Wie dann 1945 englische Bomben den Wahn von der Alpenfestung beenden, und das Gelände US Army Recreation Area wird.
Propagandahysterie, Vernichtungskrieg und Holocaust - auch das alles wird erzählt, und die Touristen, die aus den Bussen quellen, stehen lange vor allen Tafeln und lesen.
Meine Berliner Bridge-Freunde waren bedrückt, als sie nach der Ausstellung in die Alpenschönheit blickten. Und sprachen über das Rätsel, wie das Böse in die Welt kommt, von keiner Idylle gehindert.
Bis morgen,
Ihr
Christoph Stölzl

