Der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) war es, der Familienpolitik 1998 abwertend als „Gedöns“ bezeichnet hatte. Das vielzitierte Etikett haftete seither nicht nur an ihm, sondern auch an jeder Sozialpolitik. Die Initiative „Unternehmen mit Haltung“ von Natascha Sagorskis gemeinnütziger Organisation „Familie sind alle“ fordert nun einen massiven Perspektivwechsel. Die Charta der Initiative hat auch die FUNKE-Mediengruppe unterzeichnet, zu der unter anderem die Berliner Morgenpost gehört. Am Dienstag fand in Berlin-Mitte der erste Familienwirtschaftsgipfel der Initiative statt.

„Das Branding von Familienpolitik ist ganz falsch“

Initiatorin Natascha Sagorski forcierte mit medienwirksamen Aktionen zusammen mit Akteurinnen wie Collien Fernandes, dass der Bundestag 2025 den Mutterschutz nach einer Fehlgeburt gesetzlich verankerte. Jetzt strebt sie ein komplettes Umdenken in der Politik an. Inmitten von Deutschlands größter Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg sollen deutsche Unternehmer jetzt Vereinbarkeit von Beruf und Familie mitdenken? „Ja. Denn geht es den Familien gut, geht es auch der Wirtschaft gut“, so Sagorski. „Das Branding von Familienpolitik ist einfach ganz falsch.“

Familienwirtschaftsgipfels 2026 der Initiative „Unternehmen mit Haltung“
Panel Talk: v. li. n. re. FUNKE Cultural Affairs-Leiterin Yvonne Weiß, Initiatorin Natascha Sagorski, Bundesarbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas, Silvia Breher (CDU) und Franziska Brantner (Grüne) beim ersten Familienwirtschaftsgipfel.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Simone Schwering, Vizevorstandsvorsitzende der Barmer, steht für ein Unternehmen, in dem Vereinbarkeit und Gleichberechtigung erfolgreich umgesetzt werden. Angesprochen auf das Milliarden-Defizit der Kassen, räumt sie ein: „Die gesetzlichen Kassen stehen unter einem enormen finanziellen Druck.“ Daher habe das Gesundheitsministerium eine Kommission eingesetzt, die an Reformen arbeitet.

Doch gerade in Zeiten von Krisen müssten die Bedürfnisse aller Mitarbeiter berücksichtigt werden, nicht nur die von Müttern, auch die von Vätern und pflegenden Angehörigen. „Durch motivierte Mitarbeiter kommt der Erfolg“, ist Simone Schwering überzeugt. „Bei der Barmer arbeiten 67 Prozent Frauen, 41 Prozent in Führungspositionen. Bei uns funktioniert Führen auch in Teilzeit“, berichtet sie auf dem Panel des Familienwirtschaftskongresses.

Durch Familienwirtschaftspolitik gewinnen alle

Auch die ehemalige Grünen-Bundesvorsitzende Ricarda Lang ist überzeugt, dass man Wirtschaft und Familie zusammen denken muss. Sie zitiert dabei die Bertelsmann-Studie zum Arbeitsmarkt, die feststellte, dass 850.000 Frauen in Deutschland zwar erwerbstätig sind, aber ihr Arbeitsvolumen aufgrund von strukturellen Hürden wie dem Ehegattensplitting oder mangelnder Kinderbetreuung nicht steigern können. „Wenn wir es möglich machen, dass Frauen durch den Ausbau von Kita-Plätzen und Pflege-Infrastrukturen und flexibler Arbeitszeiten mehr arbeiten können, dann gewinnen alle.“

Ricarda Lang
Ricarda Lang, ehemalige Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, beim ersten Familienwirtschaftsgipfel in Berlin-Mitte. © BM | Iris May

Es sei auch gut für unsere Sozialsysteme, weil die Altersarmut von Frauen dann abnimmt. Aber gibt es denn überhaupt genug Jobs auf dem von KI und Krisen gebeutelten Arbeitsmarkt? Ricarda Lang: „Wir erleben, dass diejenigen, die nicht mit KI umgehen können, ausgetauscht werden. Wir müssen Berufsfelder weiterentwickeln und Weiterbildungsangebote anbieten.“

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Recruiter: „Müssen Vorurteile aufbrechen.“

Dass Familienarbeit nicht nur die Sache von Frauen sein darf, das betonte FUNKE Cultural Affairs-Leiterin Yvonne Weiß. „Care-Arbeit kennt kein Geschlecht“, so das einprägsame Motto. Die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung kämpft seit 2024 für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei den rund 5000 Mitarbeitern der FUNKE-Mediengruppe. Was ist der Benefit dieser Unternehmenspolitik? „Wir bekommen die besten Talente bei der Funke-Gruppe“, so Weiss.

Recruiter
Recruiter Frederik Lohse (Johanniter) ist dafür, Klischee-Fragen bei Einstellungsgesprächen zu unterlassen.© BM | Iris May

Die Teilnehmer beim ersten Familienwirtschaftsgipfel waren zwar überwiegend weiblich, doch es gab auch männliche Gäste. Frederik Lohse, langjähriger Recruiter bei Kärcher, jetzt bei den Johannitern, war einer davon. Seine Erfahrung: „Das Recruiting ist häufig nicht das Problem. Es sind eher die Annahmen und die Vorurteile, zum Beispiel über bestimmte Fähigkeiten oder Familienplanung, die man aufbrechen muss.“

Schirmherrin Bärbel Bas kritisiert „Lohnlücken bis zu 16 Prozent“

Bundesarbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) übernahm die Schirmherrschaft des Familienwirtschaftsgipfels. Familienpolitik sei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein Standortvorteil, auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel. Sie beklagte, dass Unternehmen ohne Tarifbindung Frauen teilweise bis zu 16 Prozent weniger Lohn für die gleiche Arbeit zahlten. „Deshalb ist das Entgelttransparenzgesetz nicht mit dem Vorwurf des Bürokratiewahnsinns abzutun.

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Die ehemalige Grünen-Chefin Franziska Brantner sagte bei dem Panel, dass sie die Initiative „Starke Frauen, starke Wirtschaft“ von Ex-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) wiederbelebt habe. Auch wenn Alleinerziehende zu wenig besprochen würden, ist sie sicher: „Wir Frauen können diese Themen zusammen im Bundestag hochziehen.“