Berlin wird grüner werden. Bis 2040 müssen 560.000 neue Bäume gepflanzt werden, so will es das am Montag beschlossene BäumePlus-Gesetz. Ab November geht es allerdings zunächst vielen Stadtbäumen an den Kragen. Der Hintergrund: Die Bäume befinden sich jetzt in einer Ruhephase, die Nistphase der meisten Tiere ist beendet. Die Morgenpost hat zusammengetragen, wo in den Bezirken Bäume gefällt werden.
Die normalerweise zuständigen Bezirksämter haben im vergangenen Jahr fast doppelt so viele Straßenbäume gefällt wie gepflanzt. Die meisten neuen Bäume wurden in Treptow-Köpenick (506) und Steglitz-Zehlendorf (358) gepflanzt. Am wenigsten junges Grün brachten Friedrichshain-Kreuzberg mit nur sechs und Reinickendorf mit 91 Bäumen an die Straßenränder. Gefällt wurde am meisten in Marzahn-Hellersdorf (744), Reinickendorf (687), Pankow (592), Steglitz-Zehlendorf (572) und Mitte (495).
BUND: Bis jetzt wird Hitzeschutz kaum bedacht
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüsst das heute beschlossene BäumePlus-Gesetz. Mit der Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ setzt der BUND sich für die Rettung von gesunden Stadtbäumen ein und kritisiert: Wie wenig Berlin derzeit an Hitzeschutz denke, zeige sich allein schon an Projekten wie der Torstraße in Mitte, der Ollenhauerstraße in Reinickendorf und dem Tempelhofer Damm. Dort könnten zusammengenommen über 200 Straßenbäume vor der Kettensäge gerettet werden, wenn man vernünftig planen würde, so der BUND. Allein in Reinickendorf sind aktuell 116 Ahornbäume vom Kahlschlag bedroht, weil sie dem Neubau der Ollenhauerstraße im Wege stehen.
Bezirk Neukölln: Neubaugebiet frisst Forst
In Neukölln sind keine akuten Pläne für Baumfällungen im größeren Rahmen geplant, sagt Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann (Grüne). Allerdings müssten wohl einige Bäume den Bauarbeiten zur geplanten Flüchtlingsunterkunft am Sangerhauser Weg weichen oder zumindest deutlich zurückgeschnitten werden.
Auch im Zusammenhang mit der großen Baustelle der Wasserwerke an der Weserstraße mussten einige Bäume gefällt werden – „auch wenn wir sehr um deren Erhalt gerungen haben“, so der Grünen-Politiker. Doch solche Fällungen im Zuge von Baustellen seien nicht immer zu verhindern und kämen immer wieder mal vor.
Die Pläne für ein Neubauprojekt der Vonovia-Tochter Buwog sehen vor, dass der Emmauswald unweit der S-Bahnstation Hermannstraße weichen soll. Die ursprünglichen Pläne sahen die Bebauung der gesamten rund 3,85 Hektar großen Waldfläche vor. Diese Pläne mussten jedoch noch einmal angepasst werden, da Mindestabstände zur angrenzenden unterirdisch verlaufenden Stadtautobahn A100 zwingend eingehalten werden müssen. Die an den Plänen des Neubaugebiets Buwog Neumarien beteiligte Senatsbauverwaltung kündigte im Spätsommer gegenüber der Morgenpost eine „Überarbeitung des Konzepts“ an. Von der Berliner Forsten hieß es: „Aktuell ist eine Variante im Gespräch, die statt der gesamten 3,85 Hektar lediglich rund 2 Hektar Wald beanspruchen soll.“ Das Problem: Mit dieser Variante würde vor allem der ökologisch weniger wertvolle Teil des Waldes erhalten bleiben. Für Judith König von der Initiative „Emmauswald bleibt“ ist die Planänderung daher ein „fauler Kompromiss“.
Mitte: Kritik an Fällungen in der Torstraße
Im Feburar sorgte die Fällung von 35 gesunden Bäumen für die Umgestaltung des Marx-Engels-Forums zunächst für einen Aufschrei. Der Senat versprach jedoch, diese Bäume 1:1 zu ersetzen. In der Torstraße liegt der Fall anders, hier sollen den Umbauplänen 40-50 gesunde Stadtbäume zum Opfer fallen, die nicht komplett ersetzt werden. Eine Bürgerbeteiligung ist ebenfalls nicht vorgesehen, kein Wunder, dass diese Pläne sehr viel Gegenwind bei Anwohnern und Naturschützern erzeugen, besonders da die viel befahrene mehrspurige Torstraße sich im Sommer stark aufheizt.
Bei der Liste der Baumfällungen des Bezirksamts Mitte erscheinen nur kleinere Baumfällungen, bei denen als Grund meist Verkehrssicherung angegeben ist. Welchen Umfang diese haben, wird überwiegend nicht erläutert. Die meisten werden von Fachfirmen vorgenommen. Nur einzelne, wie die Fällung in Alt-Moabit zwischen Beussel- und Wilsnacker Str. nennen konkret die Entfernung von vier Bäumen. In der Invalidenstr. zwischen Am Nordbahnhof und Gartenstr. sollen zwei Ahornbäume gefällt werden, in der Adalbertstraße ein Götterbaum.
Charlottenburg-Wilmersdorf: Stadtbäume müssen M10-Verlängerung weichen
Auf der Mierendorffinsel in Berlin-Charlottenburg könnten in den kommenden zehn Jahren hunderte Bäume aus dem Stadtbild verschwinden. Laut Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr fallen der Verlängerung der M10 bis Bahnhof Jungfernheide nach aktuellem Stand 50 Straßenbäume zum Opfer. Entlang der gesamten Strecke von 3,8 Kilometern in den Bezirken Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf sollen sogar mehr als 140 Bäume gefällt werden. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Charlottenburg-Wilmersdorf hat sich daher für die Prüfung einer alternativen Trassenführung ausgesprochen. Das würde das Tram-Projekt aus Sicht der Senatsverwaltung allerdings um mindestens sechs Jahre zurückwerfen.
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Außerdem werden auf der Mierendorffinsel auch noch die Uferabschnitte der Spree-Oder-Wasserstraße entlang Tegeler Ufer, Österreichpark, Am Spreebord und Goslarer Ufer saniert. Dafür sollen 77 Bäume weichen. „Das ist in der Kumulation nicht mehr erträglich“, kritisierte Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) in der letzten BVV in Charlottenburg-Wilmersdorf.
Pankow: Poller statt Bäume
Der Aufreger in Pankow ist unverändert die Fällung der Bäume an der Eschenallee an der Werneuchener Wiese, denn statt Bäumen gibt es dort jetzt Poller. Derweil gibt es innerhalb der Schule und auf dem Schulhof nebenan große Probleme mit Hitze. Laut Axel Lüssow von der Pankower Bezirksfraktion der Grünen sind die veröffentlichten Baumfällungslisten in Pankow unvollständig und schwammig. Als Gründe für Fällungen würde oft pauschal Verkehrssicherung angegeben. Außerdem sei es kritisch zu betrachten, wenn ein klimawirksamer, großkroniger Baum durch einen pflegeleichten „Bonsai“ ersetzt wird.