„Ohne die Wiedervereinigung wäre ich nicht Besitzer der Galopprennbahn geworden“. Diese Worte von einer Begegnung beim Einheitsrenntag in Hoppegarten habe ich noch im Ohr, als ich mich mit Gerhard Schöningh am Schinkelplatz zum Berliner Spaziergang treffe. Dass er einen großen Teil seiner Zeit und seines Vermögens  in Deutschlands älteste und flächenmäßig größte Rennbahn investiert – „das war überhaupt nicht geplant“, sagt er. Und obwohl Schöningh Galopprennen als „ernstzunehmendes Hobby“ pflegte, sei es auch nicht, wie oft behauptet, sein Jugendtraum gewesen, eine Rennbahn zu besitzen.

Montag bis Samstag

Morgenpost der Chefredaktion

Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nun bin ich gespannt auf die persönliche Geschichte von Gerhard Schöningh. Um im Jargon des Rennsports zu bleiben: Der drahtig-dynamische Investor wirkt gleichzeitig jungenhaft und als ob er wüsste, wie man aufs richtige Pferd setzt. England, wo Schöningh ein Viertel seiner Zeit verbringt, sei „das Mutterland des Rennsports.“ In Royal Ascot war er schon oft, aber er versuche nicht, das fünftägige Sport-Ereignis der Briten nachzuahmen. Die britischen Royals mag er, weil sie eine „integrative Leistung über alle Klassen hinweg“ vollbringen. Und er gibt zu, die Netflix-Serie „The Crown“ zu gucken. Die Pferdefans Prinzessin Anne samt Tochter Zara Philipps habe er aber noch nicht nach Hoppegarten eingeladen.

Der erste Berlin-Besuch 1989 in Berlin

Nach dem Bachelor in Economics und Politics in Bristol fand Schöningh in London als spezialisierter Investment-Analyst für sich die richtige Nische. Die Investition in Hoppegarten fiel eher in den Bereich Risiko-Kapital. Hoppegarten besuchte Schöningh erstmals 1989 kurz vor dem Mauerfall im Rahmen einer Rennsport-Reise der Besitzergemeinschaft seiner Rennstute. Schöningh wohnte damals im gerade von der DDR neu eröffneten Grandhotel, dem heutigen Westin in der Friedrichstraße.

„Wir sind samstagmorgens mit einem Bus nach Hoppegarten rausgefahren und haben uns die Rennbahn, die Trainierbahnen und Rennställe angesehen. Nachmittag gab es dann noch ein Treffen mit den DDR-Trainern“, erinnert sich der 63-Jährige. Schöningh war beeindruckt – von den Ausmaßen der Trainingsanlagen und den Ställen: „Hoppegarten war ja bis 1945 die Zentrale des deutschen Rennsports. Es hatte ganz andere Dimensionen als das, was ich kannte.“ Und es faszinierte ihn, mit Ökonomen aus der DDR zu sprechen. „Es war wie eine andere Welt mit einer Fremdsprache.“ Da Schöningh noch nie zuvor in Berlin gewesen war, fuhr er im Anschluss zum Alexanderplatz: „Da gab es schon eine Riesen-Demonstration gegen die DDR.“

Zur Person

Herkunft Gerhard Schöningh wurde am 25. August 1961 als Sohn eines Architekten und einer Interior Designerin in Krefeld geboren. Seine Schulzeit verbrachte Schöningh in Krefeld. Er wuchs unmittelbar neben der Galopprennbahn in Krefeld auf, besucht seit 30 Jahren Rennbahnen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Er war von 1988 bis 1995 Rennleitungs- und Vorstandsmitglied im Krefelder Rennverein.

Berufliches Nach seinem Abitur 1980 folgte sein Dienst als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, unter anderem auch beim Militärattaché-Stab der Botschaft in London. Er studierte von 1985 bis 1988 „Economics and Politics“ an der Universität Bristol, absolvierte anschließend bis 1994 ein Traineeprogramm zum Aktien-Analyst und Fondsverwalter bei Robert Fleming & Co. in London. Anschließend war er in London als Director bei Baring Asset Management (1994–98) und 50-prozentiger Gründungsgesellschafter von Ennismore Fund Management Ltd. von 1998 bis 2006 tätig. Die Firma existiert noch.

Hoppegarten Schöningh ist seit 2008 Eigentümer der Rennbahn Hoppegarten GmbH & Co. KG. Und damit der einzige private Besitzer einer Rennbahn in Deutschland. Im Pferderennsport ist Schöningh sehr gut vernetzt, er ist selbst Pferdebesitzer.

Spaziergang Wir trafen Gerhard Schöningh am Schinkelplatz gegenüber vorm Humboldt Forum und spazierten mit ihm über den Bebelplatz, über den Prachtboulevard Unter den Linden, bis zur Weidendammbrücke und wieder zurück zum Schlossplatz.

Als er davon hörte, dass Hoppegarten privatisiert werden sollte, schlug Gerhard Schöningh zu. 2008 erwarb er das Anwesen, nach einem anderthalbjährigen Kampf im Wettbewerb mit anderen Bietern. „Ich war einfach derjenige, der am meisten Ahnung von Pferden und am wenigsten Spekulationsabsichten hatte“, so Schöningh. Im Gespräch mit Jörg Woltmann, Eigentümer der KPM Porzellanmanufaktur, fasste dieser seine Investition selbstironisch so zusammen: „Wir sind die beiden Verrückten hier.“

„Wir haben unsere Besucher pro Rennjahr immer gesteigert“, berichtet Rennbahnchef Schöningh. „In 2024 im Vergleich zum Vor-Coronajahr 2019 um 35 Prozent.“ Der Return-on-Investment bleibt bei Hoppegarten dennoch im überschaubaren Rahmen, obwohl immer mehr zahlende Gäste aus allen Gesellschaftsschichten zu den neun Pferderennen pro Jahr strömen. Was also tun? „Ich möchte zusätzlich zu den Rennen ein paar wenige große Veranstaltungen etablieren, die Rennbahn und Region bereichern.“

Historische Mitte: Ein spezieller Kiez

Platane vor Palais Populaire
Einer der Lieblingsplätze von Gerhard Schöningh in Mitte ist unter dieser Platane vor dem „Palais Populaire“ auf dem Bebelpatz. Sie ist 180 Jahre alt und ein Naturdenkmal.© BM | Iris May

Trotz seiner großen Liebe zu London hat Gerhard Schöningh sich für Berlin als Lebensmittelpunkt entschieden. Aktuell verbringt Schöningh 75 Prozent seiner Zeit in Berlin und Hoppegarten und nur noch 25 Prozent seiner Zeit in London. Das liege nicht nur an der Immobilie Hoppegarten: „Berlin bietet viele Möglichkeiten. Jeder kann machen was er will, ohne behindert zu werden.“ Es gebe viele Beispiele in der Stadt, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich zusammenleben, wo das gelingt.

Wir spazieren hinterm Schinkel-Pavillon vorbei auf den Boulevard Unter den Linden. „Irgendwo hier soll Springer-Chef Matthias Döpfner wohnen,“ sage ich. „Zumindest zeitweise“, sagt Schöningh. Wir machen einen kurzen Stopp vorm Palais Populaire. Der Bebelplatz am Operncafé ist einer von Schöninghs Lieblingsplätzen in Mitte. Die große Platane in der Mitte ist über 180 Jahre alt und überspannt mit ihrer riesigen Baumkrone einen Teil des Bebelplatzes.

Mitte sei voller wunderschöner, altehrwürdiger Bauten, und voll von Politikern, Diplomaten und Touristen. Ein heimeliger Kiez sei die historische Mitte eher nicht. „Die Briten sagen zu solchen Quartieren: Bring your own atmosphere!“, lacht Gerhard Schöningh. Was er hier aber wirklich liebt: Dass er in wenigen Minuten zur Staatsoper Unter den Linden laufen kann, um sich spontan ein Ticket zu organisieren. „Kenner und coole Leute“ sitzen in der Oper laut Schöningh ganz oben, dort seien die Tickets billiger als im Parkett und man könne auch den Text besser lesen. Ein Opernglas nähme er nie mit, denn es käme ja hauptsächlich aufs Hören an.

Das sind Gerhard Schöninghs Lieblingsplätze

Tresorraum Hotel de Rome
Gerhard Schöningh im Tresorraum des „Hotel de Rome“ am Bebelplatz in Berlin-Mitte.© BM | Iris May

Da wir gerade am Bebelplatz sind, zeigt Gerhard Schöningh mir ein Hotel von innen, das ihm ans Herz wuchs, bevor er in Berlin eine eigene Wohnung besaß: Das Hotel de Rome. Kaum jemand weiß, dass in dem Gebäude früher die Dresdner Bank untergebracht war. Im jetzigen großen Ball- und Frühstücksaal erinnern nur noch die Bodenfliesen an die ehemalige Schalterhalle. Im Souterrain befinden sich noch Original-Tresore mit gigantischen Stahltüren zur Lagerung von Goldbarren und anderen Wertgegenständen.

Ein besonderer Geheimtipp ist die Dachterrasse vom Hotel de Rome. Man muss nicht unbedingt Hotelgast sein, um diese nutzen zu dürfen. „Hier kann man wunderbar einen Sundowner trinken“, sagt Gerhard Schöningh. In den Sommermonaten ist die Bar auch nach 19 Uhr geöffnet und bietet sogar kleine Snacks und Pizzen an, wie der Concierge erklärt. Wir schlendern hinüber zur katholischen Kathedrale St. Hedwig, die im November als Kathedrale der Hoffnung feierlich wieder eröffnet wurde:

„Mit den hohen weißen Räumen wäre das der perfekte Apple Flagship-Store“, sagt Schöningh, der selbst gläubiger Katholik ist. Viele Leute fänden es paradox, dass der Berliner Dom als protestantische Kirche sehr katholisch wirkt und die katholische Kirche am Bebelplatz so protestantisch. „Ich finde die Atmosphäre sehr kalt in der Hedwigs-Kathedrale. Das einzige, was ich ganz gut finde: Dass Altar und Priester in der Mitte sind. Aber wenn man sich sammeln will und beten, einfach fromm sein will, finde ich das nicht einfach dort.“

Beim Spaziergang an der Schlossbrücke wandelten Gerhard Schöningh und Redakteurin Iris May auf geschichtsträchtigen Pfaden.
Beim Spaziergang an der Schlossbrücke wandelten Gerhard Schöningh und Redakteurin Iris May auf geschichtsträchtigen Pfaden.© FUNKE Foto Services | FFS

Wir schlendern weiter Richtung Unter den Linden und über die Friedrichstraße, überqueren die Weidendammbrücke und kommen am „Grill Royal“ vorbei, da sagt Gerhard Schöningh: „Es ist kein Geheimtipp. Aber ich finde von allen Berliner Restaurants ist das Grill Royal dasjenige, das am besten perfekt gemachtes Essen, Party-Atmosphäre und einen intelligenten, humorvollen Service verbindet.“ Dickes Kompliment also für das vor allem bei Promis beliebte Restaurant, das seit 2007 ohne Michelin-Stern auskommt.

„Wetten ist ein zentraler Teil des Renntages“

Saisonauftakt Galopprennbahn Hoppegarten 2025
Kurz vorm Ziel ist es am spannendsten: Rennbahnchef Gerhard Schöningh beobachtet im April 2025 mit dem Fernglas eines der Rennen in Hoppegarten. © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Wir spazieren wieder zurück Richtung Berliner Dom und Schlossbrücke. Wieder kommen wir auf Pferderennen zu sprechen. Schöningh besitzt selbst Anteile an einer Stute. Was ist das Faszinosum an Rennpferden? Gehört Wetten unbedingt dazu? Gerhard Schöningh überlegt eine Weile. „Also ich glaube, dass Wetten schon zentraler Teil eines gut verbrachten Renntages ist. So möchte ich es mal sagen.“ Er habe in Berlin aber auch schon Leute getroffen, die sagen: „Ach wissen Sie, Pferde interessieren mich nicht, die laufen da ja doch nur im Kreis rum.“

Das sei aber ganz anders, wenn man sich eben mit einem Pferd identifiziert. Wenn man zum Führring gehe, zum Mustern. Sich über die Aussichten im Renntagprogramm informiere oder vielleicht einfach nur sage: „Mensch, das Pferd imponiert mir. Das ist ganz athletisch durchtrainiert, ruhig konzentriert, aber gleichzeitig aufmerksam.“

Jetzt gerät Gerhard Schöningh ein wenig ins Schwärmen: „Wenn Sie das Pferd beim Start verfolgen, im Rennen dicht dranbleiben und es fährt dann vielleicht noch kurz vor der Ziellinie den Sieg ein. Selbst wenn man nur 10, 25 oder 40 Euro gewinnt. Das ist ein tolles Erlebnis für jeden, der das noch nicht gemacht hat, weil man einfach eine ganz andere Identifikation mit dem Rennen hat.“

„Ein Pferd ist kein Haustier“

Ob Gerhard Schöningh selbst reitet? „Selten und schlecht“, verrät er. Sein Verhältnis zu Pferden beschreibt er eher als respektvoll-distanzierte Bewunderung: „Ein Pferd ist ja kein Haustier. Es wiegt eine halbe Tonne, ist also riesig, und lebt räumlich getrennt. Die Berührungspunkte zu einem Freizeitpferd sind deutlich geringer als zu einem Haustier.“

Warum dann die große Liebe zum Pferd? „Das Pferd begleitet den Menschen schon seit Jahrtausenden, ist Teil unserer Kultur, hat im Krieg und auch bei Turnieren oft Tapferkeit und Stärke bewiesen“, erklärt Schöningh. „Aber wo kann man heute überhaupt noch Pferde erleben? Selbst in Berlin gibt es kaum noch Pferdekutschen. Die einzige Möglichkeit ist eben im Freizeitsport und deshalb finde ich es für nachfolgende Generationen wichtig, das Pferd erlebbar zu halten.“

Nächster Renntermin in Hoppegarten: Sonntag, 11. Mai Irish Raceday. Passend zum Motto wartet auf ganz in grün gekleidete Besucher (Oberteil+Hose oder Kleid) ein Freigetränk ihrer Wahl. Die ersten 500 Besucher erhalten außerdem einen grünen Zylinder.

Höhepunkt des Renntages ist das Comer Group International 54. Oleander-Rennen, das wichtigste und wertvollste Rennen für Langstreckenspezialisten im deutschen Galopprennsport.