Vor einem Jahr besuchte unser Reporter zum ersten Mal den legendären Kitkat Club in Berlin – und erlebte eine der wohl freizügigsten Silvesterpartys der Stadt. Was hat er gesehen, was hat ihn überrascht? Seine Eindrücke hat er für Sie aufgeschrieben.

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Das Pool-Blau leuchtet intensiv, während das splitternackte Streichquartett aus drei Frauen und einem Mann zum Auftakt sein klassisches Können zum Besten gibt. Die Gäste sitzen und stehen um das ovalförmige Becken und lauschen andächtig. Sie tragen Lack, Leder oder anderweitig Provokantes, Freizügiges und Ausgefallenes. Einige wenige präsentieren sich in schicker Abendgarderobe. Gegen 22 Uhr und nach einer gefeierten Zugabe ist der Zauber des Anfangs vorüber. Der Club gibt seine vollen Räumlichkeiten und zahlreichen Tanzflächen frei. Dröhnender Techno-Sound wird Nacht und Morgen dominieren. Willkommen zur Silvester-Party im legendären KitKat Club, wo Berlin-Mitte auf Kreuzberg trifft.

Es ist meine persönliche Premiere, obwohl ich seit zwei Jahrzehnten im Berliner Nachtleben unterwegs bin. Berlins Techno-Subkultur hat mich zu vielen Adressen geführt. Das KitKat gehörte bisher nicht dazu. Ein Grund ist die meist abschreckend lange Schlange. Ein anderer, dass ich wohl noch nicht so weit war. Fetisch und sexuelle Expression gehören nicht zu meinen Hobbys. Und doch: Diese Nacht musste kommen. Der Club ist zu berühmt-berüchtigt, als dass ich ihn als Kind dieser Stadt nicht einmal miterleben wollte.

Freizügig feiern im Berliner KitKat Club in

Und dieses Angebot konnten meine Freundin, deren erstes Mal es ebenfalls war, und ich nicht ausschlagen: Ein guter Freund und seine Partnerin wollten den Jahreswechsel im „Kitty“ verbringen. Sie kennen den Club gut und sind genau die Richtigen, mit uns in ihn einzutauchen. Eine Gelegenheit, die es beim Schopfe zu packen galt – verbunden mit dem Zulegen eines passenden Outfits.

Ich entschied mich für eine kurze schwarze Hose, die etwas nach Latex aussieht, es aber nicht ist. Dazu ein Latex-Gürtel, ein schwarzes Netzhemd, darüber das Kern-Accessoire, ein Harness aus Leder. Außerdem rote Akzente mit einem Latexband am Oberarm und am Handgelenk. Schließlich, der Idee meiner besseren Hälfte geschuldet, unter UV-Licht leuchtenden Eyeliner und Glitter an den Schläfen – voilà. Als Freund normalerweise eher funktionaler Club-Kleidung ein aufwendiges Erlebnis – das Spaß macht. Ich fühle mich tatsächlich gut in meinem kinky Kostüm.

Jeder auf seine Weise aufgestylt, kommen wir um 21 Uhr am KitKat Club an. Seit Juni 2024 öffnet er an Wochenenden schon um 20 Uhr, so auch am letzten Tag des Jahres. Die Schlange ist erstaunlich kurz. Es gilt der kritische Blick der Türsteher. Auch mit erfülltem Dresscode kommt nicht jeder ins „Kitty“. Wir haben keine Schwierigkeiten, vielleicht kommen uns Newbies auch die Gesichter unserer Begleiter zupass. Berlins Clubs sind bekannt für ihre oft horrenden Ticketpreise an Silvester. Der Eintritt im KitKat Club hat nicht mehr gekostet als sonst: 20 Euro werden fällig, fair.

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Auf Tour durch die verwinkelten Räume des KitKat

Erstmal wird sich um- und vor allem ausgezogen. Dann geht das Wahrnehmungsspektakel los. An der Garderobe wartet die erste Körperansammlung. Unter Männern ist Ledergeschirr, wie auch ich eines umgeschnallt habe, der am häufigsten getragene Gegenstand. Das Personal fragt nach, ob wir Handys bei uns tragen. Die müssen nämlich mit abgegeben werden. Das für Berliner Techno-Clubs mittlerweile verbreitete Abkleben der Kameralinse reicht nicht. Schnell sende ich eine WhatsApp-Nachricht an meine Mutter, dass ich mich nicht um Mitternacht für ein „Frohes Neues“ melden kann.

„The Naked String Quartet“ spielt regelmäßig im KitKat Club und dient auch an diesem Abend als Start im mit zahlreichen Details geschmückten Pool- und Anfangsbereich. Sofort fällt das friedliche und respektvolle Miteinander auf. Das liegt auch an der eindeutigen Botschaft des Clubs. Wer belästigt und ohne Zustimmung des Gegenübers anfasst, bekommt lebenslanges Hausverbot.

Menschen stehen im strömenden Regen dicht an dicht am Eingang zum Kitkat-Club in Mitte.
Menschen stehen im strömenden Regen dicht an dicht am Eingang zum Kitkat-Club in Mitte.© picture alliance/dpa | Paul Zinken

Nach dem Quartett gibt es für meine Freundin und mich, die Neulinge, eine Tour durch den verwinkelten und weitläufigen Club mit seinen großen und kleinen Dancefloors, vereinzelten Betten und separierten Ecken, um mehr oder weniger ungestört zu sein. An ein, zwei Treppen hinauf zu Balustraden weist mein Freund darauf hin, dass es oberhalb wild bis sehr wild zugehen kann. Betreten auf eigene Gefahr. Wir lassen es erstmal.

Am Anfang eines Ganges in einem der Kellergeschosse fällt der aufmerksame Blick kurz nach rechts in einen kleinen Vorbau mit Matratze, in dem sich ein Mann und eine Frau gegenseitig verwöhnen. Nicht viel weiter erstreckt sich ein Gang mit Krankenhaus-Ambiente: eine Art OP-Sitz, zwei schmale Krankenhausbetten, klinisch-kalte Details, die je nach Vorliebe verstörend oder aufregend wirken mögen.

Ein Mann schwingt hier eine lange Peitsche, die ihr Ziel auf dem Po einer jungen Frau auf allen Vieren trifft. Es scheint ihr zu gefallen. Am Ende des Geschosses befindet sich ein Raum, in dem jenseits des Club-Treibens Tango-Kurse stattfinden. Es wird zu housiger Musik getanzt, gesessen, sich unterhalten – auf einer Anhöhe neben dem DJ-Pult zeigen sich ein paar Gäste auf verschiedene Weisen intim.

Ohne Smartphone in der Zwischenwelt: Plötzlich ist es schon nach Mitternacht

Über weite Strecken des Abends bin ich mit Wahrnehmen beschäftigt. Das Auge kommt selten zur Ruhe. Je später die Nacht, desto ungezwungener die Klientel. Die beiden größten Dancefloors, auf denen sich an Stangen und auf Podesten geräkelt wird, sind für meinen Geschmack zu hell erleuchtet, die Musik hier ist durchweg treibend bis donnernd. Mir fehlen dazu ruhigere, aufbauende Elemente, um in der Klangkulisse zu versinken. Zwei Gäste, an denen ich vorbeilaufe, sind auf ihre ganz eigene Art versunken – beim Geschlechtsverkehr zwischen tanzenden Massen.

Die meiste Zeit verbringen wir im Tango-Raum und auf einem dunklen, kleinen Dancefloor im Untergeschoss. Dort macht die Musik mehr, was ich oben vermisse. Außerdem gibt es genug Platz, selbst dann noch, als sich der Club weiter füllt und füllt. Als sich nur noch meine Freundin, der DJ und ich in dem Raum befinden, fragt sie ihn nach der Uhrzeit: kurz nach Mitternacht. Ohne mein allseits präsentes Smartphone habe ich die Zeit vergessen und damit den Countdown zum neuen Jahr. Das ist mir noch nie passiert – und es fühlt sich nicht verkehrt an.

Wie spät es ist, erfahre ich danach erst wieder, als ich Jacke, Rucksack und Handy in der Hand halte. Es ist kurz nach vier und geht zurück in die Welt da draußen. „Wir müssen wiederkommen“, freut sich meine Freundin.