Susanne Rikus hat es geschafft. Die anerkannte Künstlerin hat eine eigene Galerie im Herzen Berlins und kann tun, was ihr das Liebste ist: Malen. Doch das ist keineswegs selbstverständlich. Vor knapp 30 Jahren wurde die heute 56-Jährige bei einem Autounfall schwer verletzt. Die Ärzte hatten keine Hoffnung, dass sie jemals wird wieder malen können. „Es ist ein Wunder, dass ein Mensch, der so kaputt war, noch lebt“, sagt Susanne Rikus. Ihr Jubiläum als freischaffende Künstlerin will sie zum Anlass nehmen, der Berliner Morgenpost ihre tragische Geschichte zu erzählen – und mit anderen zu teilen, was ihr in dieser dunklen Zeit geholfen hat.

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Es geschah im Jahr 1995 in der Nähe von Höxter in Nordrhein-Westfalen, wo Susanne Rikus geboren wurde. „Es war ein Audi 100 gegen meine Ente“, berichtet Rikus. Der Fahrer des Sportwagens war in einer Kurve auf Rikus‘ Fahrbahn geraten und in ihr Auto gerast. „Die Rettungskräfte mussten mich herausflexen“, sagt Susanne Rikus. Sie wurde extrem schwer verletzt. „Die Ärzte gaben mir zunächst keine guten Aussichten.“ Doch die damals 26-Jährige überlebte. Nicht nur der Unfall selbst, auch die sich über Jahre ziehenden Operationen sollten zu einer Tortur werden.

Künstlerin aus Berlin-Mitte erlitt schwerwiegende Verletzungen

Ihr rechter Arm war bei dem Unfall derart zerstört worden, dass die Ärzte in Betracht zogen, ihn zu amputieren. „Ich war schon damals extrem fixiert auf die Malerei. Ich dachte, mein Leben ist vorbei, wenn ich das nicht mehr machen kann“, sagt Susanne Rikus. Dazu kam es jedoch nicht. Die Verletzungen ihres Gesichts waren besonders schwerwiegend, die Rekonstruktion von Kiefer und Zähnen aufwendig. Nicht immer lief alles glatt. Rikus fuhr von Arzt zu Arzt.

Susanne Rikus
„Entering the Temple“ (2012) von Susanne Rikus. © FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte Rikus ihren Job als Architektin gerade aufgegeben. Und das obwohl sie nach ihrem abgeschlossenen Diplomstudium erfolgreich in unterschiedlichen Büros arbeitete. „Es rief mich jedoch immer raus“, erinnert sich Susanne Rikus. Die beruflichen Hierarchien schreckten sie ab. Und da war ja die Kunst, die sie schon zu diesem Zeitpunkt begleitete. Im Kurhaus Solingen hatte Rikus 1992 ihre allererste Ausstellung. „Dann kündigte ich. Von da an habe ich nur noch gemalt“, sagt die Wahl-Berlinerin. Es folgten Ausstellungen ihrer Kunst im Schloss Corvey. Gerade als es für die Künstlerin richtig gut laufen sollte, kam der lebensverändernder Unfall.

Seit zehn Jahren hat Susanne Rikus ihre Galerie in den Heckmann-Höfen in Berlin-Mitte

Heute blickt Susanne Rikus auf 30 Jahre künstlerischen Schaffens zurück. Zehn Jahre davon hat sie in ihrer Galerie in den berühmten Heckmann-Höfen an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte verbracht. Dort arbeitet sie in lichtdurchfluteten Räumen, in denen sie ihre Werke gleichzeitig auch ausstellen kann. Ihre Gäste lädt sie gern zu Musik und Tanz ein, damit diese Rikus‘ Kunst mit mehreren Sinnen erfahren können. Nach dem Unfall entdeckte Rikus andere Gaben, wie sie sagt, an sich. „Ich hatte das Gefühl, dass ich anders ticke.“ Und sie folgte dieser Spur, die in unterschiedliche Länder führen sollte.

Susanne Rikus
„Anima Mundi“ (2023) von Susanne Rikus. © FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Rikus ging als Gaststudentin an die Universität in Vancouver. Die kanadischen Ureinwohner hatten es ihr angetan. Ende der 90er-Jahre zog es Rikus nach Hawaii, wo sie sich in der hawaiianischen Körperarbeit ausbilden ließ. Tanz, Schamanismus, Gesang wurden ihr wichtige Zufluchtsorte. Und aus dem Trauma entwuchs Stück für Stück die Gewissheit, dass eine Heilung möglich ist.

Rikus bereiste andere Länder stets mit einer Mission

Susanne Rikus bereiste die Länder stets mit einer Mission. Sie folgte dem Ur-Wissen der jeweiligen Kultur, begab sich wissensdurstig auf Studienreisen und tauchte tief in die Natur ein. Mithilfe von Körper-Psychotherapie sei es ihr gelungen, „den inneren Heiler zu aktivieren“. Das bedeute, das Trauma mit neuen positiven Erfahrungen zu überschreiben und es letztlich hinter sich zu lassen.

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Bis heute leitet sie jedoch auch ihr schwerer Unfall in ihrem künstlerischen Schaffen. Doch Rikus‘ Werke sind vielschichtig in ihrer Bedeutung. Die tiefe Spiritualität in Susanne Rikus wird auch in ihrer Kunst sichtbar. „Heutzutage ist die Welt offener für die Mythen der Welt“, sagt Rikus. Für die Künstlerin eine Möglichkeit, diese Inspirationsquelle in ihre Arbeiten einfließen zu lassen.

Eine ganze Bilder-Reihe widmete Rikus ihrem geliebten Hawaii

Ihre aktuelle Ausstellung trägt den Titel „Heaven meets Earth“. Die Bilder (Acryl auf Leinwand) sind von kräftigen Farben und organischen Formen geprägt. Neben dem Abstrakten springt das Figürliche, insbesondere der weibliche Körper, aus ihren Arbeiten hervor. Häufig weisen sie starke Konturen auf, sind jedoch gesichtlos. Lange Haare und weibliche Charakteristika identifizieren sie eindeutig als Frauen. Diese Frauen sind stets aktiv, immer in Bewegung. Eine Parallele, die sich zu Susanne Rikus‘ eigenem Leben ziehen lässt. Eine eigene Bilder-Reihe widmete sie außerdem ihrer Zeit auf Hawaii. Auch dort dominieren Frauen als Motiv.

Susanne Rikus
„Passage“ von Susanne Rikus.© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Derzeit ruhen die Pinsel bei Susanne Rikus. Sie schreibt zurzeit an ihrem zweiten Buch. In ihrem Roman gehe es um einen Kunstsammler aus L.A., der auf Sardinien ein Heilzentrum bauen möchte, erklärt Susanne Rikus. In Wahrheit ist es die Künstlerin selbst, die von einem Heilzentrum auf der italienischen Mittelmeerinsel träumt. Das möchte sie gern mit ihrem Mann gemeinsam eröffnen, mit dem sie seit vielen Jahren in Berlin lebt. Rikus spüre nicht nur eine starke Verbindung zu Sardinien. Sie möchte auch einen Ort schaffen, an dem andere Menschen seelische Heilung finden, wenn sie sie brauchen.

Für alle, die zweifeln oder einen ähnlich schweren Schicksalsschlag zu verkraften haben, hat Susanne Rikus einen Rat: „Begrenzungen im Leben nicht akzeptieren. Und an sich glauben. Immer wieder an sich glauben.“ Risiken einzugehen, könne Angst machen. Doch es könne sich auch lohnen. „Wenn dir etwas wichtig ist, lass dich nicht aufhalten“, so Susanne Rikus.

Galerie Susanne Rikus, Oranienburger Straße 32, 10117 Berlin-Mitte

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