Die Wohnungstür steht weit offen, doch von Lutz Wasewitz ist zunächst nichts zu sehen. Beim Betreten dringt der Geruch von Räucherstäbchen in die Nase. Es ist mollig warm. „Ich wollte, dass man sich ein bisschen wie beim Betreten einer Galerie fühlt“, sagt der 81-Jährige. Er hat die Berliner Morgenpost zu sich eingeladen, um über seine Kunst zu sprechen, die ihn schon seit seiner Kindheit begleitet. Ein „namhafter Künstler“ sei er nicht und werde er wohl auch nicht mehr. Einmal wolle er sich der Welt aber noch zeigen. Und so kam es zu einem Gespräch mit einem besonderen Mann über eine besondere Geschichte.

Nach dem Tod zum berühmten Künstler?

So versteckt wie seine Wohnung – erst nach zwei Türen erreicht man den zweiten Hinterhof des Altbau-Komplexes und den Aufgang zur Wasewitzschen Wohnung –, so versteckt arbeitet der schlanke Mann mit der fast kreisrunden Brille auch an seinen Werken. Aus dieser Deckung möchte er wieder heraus. Aber gar nicht unbedingt sofort, wie er sagt: „Ich stelle mir eigentlich vor, dass meine Partnerin meine Bilder nach meinem Tod jemandem zur Ausstellung anbietet“, sagt er. Ganz ähnlich wie bei anderen Künstlern, deren Kunst erst nach ihrem Tod wirklich wahrgenommen und wertvoll wurde. Ob dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt sein soll, mögen andere entscheiden.

In seinem Leben hat Wasewitz die eine oder andere Galerie gehabt, seine Werke hier und da ausgestellt. Auch Bilder verkauft. Zum Leben aber reichte es nie ganz. In seiner Ein-Zimmer-Wohnung im Mitte-Stadtteil Gesundbrunnen sind die meisten seiner Arbeiten entstanden, die bis heute an den Wänden hängen. „Manche meiner Arbeiten gibt es aber auch schon nicht mehr“, sagt Wasewitz. So manches hat die Lagerung in nassen Kellern nicht überstanden. Seine Werke erzählen in kräftigen Farben von der Natur und von Weiblichkeit. Die Gründe dafür, warum er vielfach den Frauen-Körper oder Teile davon in den Fokus seiner Malerei rückte – manchmal auch gekoppelt mit Collagen-Arbeiten –, lassen sich in seiner Biografie finden.

„Ich habe aus Liebe zu meiner Mutter gemalt“

Etwas sicherer vor den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, in die Wasewitz‘ Vater als Soldat verwickelt war, wurde er 1943 im brandenburgischen Beelitz geboren. Dorthin brachte die Familie seine schwangere Mutter. Nach seiner Geburt, als der Krieg zuende war, kehrten sie nach Berlin zurück. Wasewitz wuchs in Wilmersdorf auf. „Ich habe aus Liebe zu meiner Mutter gemalt“, sagt er. Als Einzelkind fühlte er sich manchmal etwas einsam. Und ebenso seine Mutter. Immer wieder habe sie dann zu ihm gesagt: „Mal mir doch ein Bild.“ Er tat es.

Künstler Lutz Wasewitz
Seine Bilder haben oft kleine Formate. Nur dann, sagt Wasewitz, passen sie auch in seine kleine Wohnung.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Jahre später folgten abgebrochene studentische Laufbahnen, unter anderem an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin. Egal ob Schule, Ausbildung oder Studium: „Ich bin Meister darin, etwas nicht zu beenden“, sagt Wasewitz über sich selbst. Dabei lächelt er dieses verstohlene Lächeln, das ihm immer wieder auf die Lippen wandert, wenn er über pikante Details seines Lebens spricht. Sein Vater habe deshalb Angst gehabt, er würde ein „brotloser Künstler“ werden. „Aber mir ging es immer gut“, so Wasewitz.

20 Jahre lang folgte Wasewitz seinem „Meditationsmeister“ durch die Welt

Besonders großen Einfluss auf sein Leben hatten die knapp 20 Jahre, in denen er seinem „Meditationsmeister“ in die ganze Welt folgte. Ein spiritueller Führer, sagt Wasewitz. Aber keineswegs einer Sekte gleich, das betont der 81-Jährige, reiste er im Auftrag des Weltfriedens und auf der Suche nach Erleuchtung um den gesamten Globus. Im Fokus dabei: die tägliche Meditation und die Lehren östlicher Meister. „Die Quantenphilosophie gibt mir einen tieferen Sinn“, sagt Wasewitz. Also die Verbindung von Themen der Quantenphysik und philosophischen Themen wie der Suche nach dem Sinn. „Doch irgendwann hatte ich die Schnauze voll“, schiebt er hinterher.

Berliner Lutz Wasewitz aus Berlin-Gesundbrunnen
Lutz Wasewitz will sich und seine Malerei gern zeigen. Das Foto zeigt den heute 81-jährigen Berliner im Alter von etwa 14 Jahren.© privat | Privat

Zum einen, weil die Erleuchtung lediglich das große Ziel blieb. Zum anderen, weil er nicht länger in einer Gruppe herumreisen wollte, die rein aus Männern bestand. „Ich hatte schon immer ein Interesse am Weiblichen.“ Und da ist es wieder, dieses Lächeln. Mit 49 Jahren machte Wasewitz also Schluss und zog zurück nach Berlin. In jene kleine Wohnung, die er seit Anfang der 1990er-Jahre bewohnt und in der es an diesem Tag süßlich-erdig duftet.

Maler, Verkäufer, Komparse – Lutz Wasewitz ist all das

Im Trubel der Hauptstadt angekommen, stand er vor der Herausforderung, sein altes und sein neues Leben miteinander zu vereinen. Es habe eine Phase gegeben, da sei er regelrecht süchtig nach Meditation gewesen. Heute praktiziere er sie nur noch selten und fühle sich dennoch geerdet und zufrieden, wie er sagt. Und eine andere Frage drängte sich auf: Wie Geld verdienen? Sein Vater hatte frühzeitig für ihn vorgesorgt, sodass er bis zum heutigen Tag davon leben kann.

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Und Lutz Wasewitz hat viel ausprobiert: Neben seinen Jobs als Wasserfiltervertreter und Verkäufer für Abnehmprodukte sticht seine Zeit als Filmkomparse hervor. Etwa 20 Jahre habe er unzählige Nebenrollen in unzähligen Filmen gespielt. An Namen könne er sich nicht erinnern, sagt er. Oft hat er auch gar nicht gefragt. „Manchmal ruft mich jemand an und sagt: Ich habe dich in einem Krimi gesehen“, berichtet Wasewitz. Arzt, Galerist, als Friedrich der Große. „Als Leiche bekam man die doppelte Gage“, sagt Wasewitz.

Wand mit Malereien in der Wohnung Lutz Wasewitz
Eine Wand mit vielen kleinformatige Bildern des Berliners Lutz Wasewitz.© Berliner Morgenpost | Julia Lehmann

Heute begleitet ihn noch immer eine große Spiritualität und eine Zufriedenheit mit seinem Leben. „Doch manchmal fehlen mir Gespräche. Nicht unbedingt nur über Kunst“, sagt Lutz Wasewitz. Auch mit 81 Jahren ist er offen für neue Kontakte, wie er sagt. Und Gespräche bei einem Kaffee oder Tee, in seiner warmen Wohnung, die nach Räucherstäbchen duftet.

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