Seit 2015 ringen die Senatsverkehrsverwaltung, die Deutsche Bahn und die Interessenverbände der Sinti und Roma miteinander um eine Lösung im Streit um den Bau des S21-Tunnels im Tiergarten. Zählt man alle Untervarianten mit, sind in den vergangenen acht Jahren 160 mögliche Trassen für diesen Bauabschnitt erarbeitet worden, wie Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, in einem Pressegespräch am Montag erklärte. Der S21-Tunnel, der vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz führen soll, wird dringend gebraucht, um Berlins Verkehr zu entlasten. Der heutige Senatsbeschluss macht den Weg frei für die Deutsche Bahn, um beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) das Planfeststellungsverfahren für die favorisierte Trasse „12 h“ einzuleiten. Obwohl das Denkmal der Sinti und Roma weitgehend unversehrt bleiben soll, gibt es offenbar weiteren Gesprächsbedarf.

Manja Schreiner: „Das derzeit wichtigste Infrastrukturprojekt Berlins“

Für Verkehrssenatorin Manja Schreiner ist die S21 (City-S-Bahn) „das derzeit wichtigste Infrastrukturprojekt Berlins auf dem Weg zur weiteren Optimierung des schienengebunden Nahverkehrs und zur Erreichung der klimapolitischen Ziele“. Die S21 soll den Norden und Süden Berlins an den Hauptbahnhof anbinden und die fast 100 Jahre alte Berliner S-Bahn entlasten und fit fürs 21. Jahrhundert machen. „Wir müssen an dieser Stelle weiterkommen, um am Ende noch mehr Berlinerinnen und Berliner von den Vorzügen der Schiene zu überzeugen“, so Schreiner. „Nach jahrelangen Planungen, dem intensiven Abwägen von Möglichkeiten und vielen Gesprächen mit Betroffenen sind wir zur Überzeugung gekommen, die Variante 12 h nun zu bauen.“ Die geschätzten Kosten für den zweiten Bauabschnitt von rund 600 Millionen Euro werden zu 75 % vom Bund und zu 25 % vom Land Berlin getragen.

Manja Schreiner: „Es gibt unterschiedliche Befindlichkeiten“

Bei den vermittelnden Gesprächen im Vorfeld zur S21 war Kultursenator Joe Chialo mit dabei gewesen. Beim Hintergrundgespräch am Montag fehlte er. Dazu Verkehrssenatorin Manja Schreiner: „Herr Chialo steht ja nicht nur für Kultur, sondern auch für gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Insofern sei er bezüglich des Bauprojekts „vielleicht etwas weniger enthusiastisch als ich“. Tatsächlich hing die Entscheidung über das Bauprojekt im Berliner Senat bis November in der Schwebe. Chialo soll Zweifel und den letzten Beschlussentwurf nicht mitgezeichnet haben. Manja Schreiner hofft indes, „dass wir die Sinti und Roma von unseren guten Absichten überzeugen konnten“. Sie habe „im Verlauf des Findungsprozesses“ feststellen müssen, dass es sehr unterschiedliche Befindlichkeiten gab. Dass der Senat „alles baulich Mögliche“ tun werde, um das Denkmal zu schonen, sei für sie selbstverständlich. Die baubedingten Beeinträchtigungen in der Umgebung des Mahnmals will sie auf ein Minimum beschränken.

Auch Bahn-Chef Kaczmarek will eine „minimal-invasive“ Baustellen-Variante

Erste Pläne für die S21 hat es schon in den 1990er-Jahren gegeben. Bis zur anvisierten Fertigstellung des Mammutprojektes 2037 und zum Baubeginn 2027 ist ein langer Atem gefragt, weiß Berlins Bahn-Chef Alexander Kaczmarek: „Niemand soll annehmen, dass übermorgen die Bagger rollen“, erklärt er. Allerdings weiß er auch, dass jedes Jahr Planungsverzug Kosten von acht Millionen Euro verursacht. Kaczmarek hat mittlerweile für alle Probleme eine Lösung erarbeitet. Seine „minimal-invasive“ Baustelle sieht eine Unterquerung des Sinti-und-Roma-Denkmals per Schildvortriebsmaschine vor. Vom See am Mahnmal werde die Baustelle acht Meter entfernt sein. Der Tunnel, der die Blume des Mahnmals für die Sinti und Roma jeden Tag um 13 Uhr nach oben aufs Schwarze Wasser transportiert, soll leicht verändert neu gebaut werden, erst dann der alte entfernt werden. So kann das Mahnmal weiterhin täglich besucht werden.

Lage des „Blumentunnels“ (hier als „Zugangsschacht“ in rot markiert) hinter dem Sinti-und-Roma-Mahnmal
Lage des „Blumentunnels“ (hier als „Zugangsschacht“ in rot markiert) hinter dem Sinti-und-Roma-Mahnmal© Berlin | Deutsche Bahn

Stiftung Denkmal: Sorge um einen „Ort der Stille“

Der Historiker Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal sieht die derzeit favorisierte Variante „12h“ skeptisch: „Sie würde einen Großteil des alten Baumbestandes, der das Innere des Denkmals umschließt und einen Ort der Stille und Trauer schafft, zerstören. Direkt am Denkmalgelände entstünde über Jahre eine Großbaustelle mit schwerem Gerät und erheblicher Lärmemission.“

Auch der 2021 verstorbene Schöpfer des Gesamtkunstwerks Dani Karavan seinerzeit, seine Witwe sowie die Töchter Noa und Tamar äußerten sich skeptisch über das Bauprojekt. Tatsächlich ist das Denkmal für die Ermordung der Sinti und Roma, genannt „Schwarzes Wasser“, seit 2012 ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Antiziganimus. Noch immer gehören Diskriminierung, Anfeindungen und sogar Gewalt für Sinti und Roma in Deutschland zum Alltag, wie der Jahresbericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus MIA für das Jahr 2022 zeigt.

Eine der frischen Blumen, die täglich um 13 Uhr über einen unsichtbaren Tunnel auf dem Berliner Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas aufgebracht werden. Foto: Dietmar Rabich (Wikimedia Commons). 
Eine der frischen Blumen, die täglich um 13 Uhr über einen unsichtbaren Tunnel auf dem Berliner Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas aufgebracht werden. Foto: Dietmar Rabich (Wikimedia Commons). © Dietmar Rabich / Creative Commons | Dietmar Rabich / Creative Commons

Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma: S21 ist „Jahrhundert-Infrastruktur-Projekt“

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma schlägt von allen Interessengruppen die versöhnlichsten Töne an. Er erkennt die S21 als notwendiges „Jahrhundert-Infrastruktur-Projekt“ an: „Sinti und Roma sind mit ihrer 600-jährigen deutschen Geschichte selbstverständlicher Teil der deutschen Bevölkerung. Deshalb wollen wir auch als Teil der Berliner Stadtgesellschaft die Notwendigkeit des Bauvorhabens der neuen S-Bahnlinie unterstützen und anerkennen.“

Jonathan Mack, wissenschaftlicher Leiter des Zentralrates, sieht den „Senat in der Verantwortung, umfassend und nachvollziehbar zu erklären, warum die Variante 12h die einzig realisierbare Trassenführung darstellt, sowie welche Planungsveränderungen bereits unternommen wurden und welche Maßnahmen noch ergriffen werden, um das Denkmal maximal zu schützen.“

S21-Baustelle in der historischen Mitte: Vielleicht kommt eine Infobox

Bahnchef Kaczmarek weiß, dass das Interesse an dem Bauprojekt riesig ist. Immer wieder betont er seine „Prämisse zum maximalen Erhalt der Bäume“. Eine Baugrube, die vom Brandenburger Tor bis zur Spree reicht und vier Jahre den Verkehr beeinträchtigt, will er vermeiden. Eine rote Info-Box, wie einst bei der Baustelle am Potsdamer Platz, hält er für durchaus plausibel.

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