Neuer Geheimdienstkomplex

BND-Zentrale: Wie ein Ufo, aus dem niemand ausgestiegen ist

Die Geheimdienstzentrale soll mehr Schwung in die Chausseestraße bringen. Anwohner und Gewerbetreibende hoffen auf mehr Belebung.

Stefan Kels, Inhaber der Törtchen-Manufaktur „Tigertörtchen“ in der Chausseestraße in Mitte

Stefan Kels, Inhaber der Törtchen-Manufaktur „Tigertörtchen“ in der Chausseestraße in Mitte

Foto: Christian Latz / BM

Berlin.  Von mehr Gästen durch den benachbarten Bundesnachrichtendienst (BND) hat Nadira Linnartz, Betreiberin des Bistros „Glücks Café“, bisher nichts gemerkt. Die Geheimdienstmitarbeiter würden ihren vegan-vegetarischen Mittagstisch nicht aufsuchen. Dennoch, sagt die Gastronomin, habe sich die Gegend rund um die Chausseestraße verändert. „Es gab Zeiten, da konnte man die Fußgänger zählen. Heute ist hier mehr los.“ Sie selbst sei seit zwei Jahren an der Chausseestraße. Neue Läden hätten seitdem aufgemacht. „Was hier entsteht, ist auf einem hohen Niveau, das hebt die Straße enorm.“ Um zu erklären, dass sich das Quartier verändert habe, reiche der Blick weiter nach Norden, sagt sie, Richtung Wedding: Da sehe man den Unterschied.

Am Freitag eröffnet an der Chausseestraße offiziell die neue Zentrale des BND. Begonnen haben die Arbeiten 2006. Der Bau hat in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Boom in der Gegend geführt. Bodenpreise und Mieten sind explodiert – geschürt von der Hoffnung, die riesige Behörde werde mit ihren Tausenden Mitarbeitern Leben rund um die Nord-Süd-Verbindung bringen, die lange von gähnender Leere geprägt war. Heute stehen entlang der Chausseestraße etliche Neubauanlagen samt luxuriöser Apartments wie der spektakuläre Libeskind-Bau namens „Sapphire“. Auch neue Cafés und Restaurants entstanden. Langsam entwickelt sich die Chausseestraße.

Unklar ist, welchen Anteil der BND-Bau daran hat. Dass die Geheimdienstzen­trale tatsächlich für den gewünschten Schwung in der Gegend sorgt, bezweifelt nicht nur Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). Auch bei Anwohnern und Gewerbetreibenden steht dies noch immer infrage. Doch den Wandel im Quartier bestreiten sie nicht.

Dass es im Erdgeschoss des Libes­kind-Hauses nun einen Supermarkt und eine Drogerie gibt, freut Charlotte B. „Das war bitternötig.“ Davor sei hier nichts gewesen. Seit eineinhalb Jahren wohnt sie in einem der Neubauten an der Chausseestraße. Noch stehen in ihrem Haus die Ladenlokale leer. Die BND-Zentrale habe da wenig geändert. „Wir hatten die Hoffnung, dass dadurch mehr Leben hierhin kommt.“ Bisher habe sich das nicht erfüllt.

Ähnliche Erfahrungen hat Stefan Kels gemacht. Der 39-Jährige betreibt gegenüber vom BND den Laden „Tigertörtchen“ für erlesene Törtchen aus der anliegenden Manufaktur sowie ein Café. Von den derzeit mehr als 3000 BND-Mitarbeitern vor seiner Ladentür habe er bisher nichts mitbekommen. „Als hätten die eine unterirdische Direktverbindung zum Hauptbahnhof.“ Von der Behörde in direkter Nachbarschaft habe er sich manches erhofft, doch seine Kundschaft habe dadurch nicht zugenommen.

Durch ein Halteverbot fallen kurzfristig 45 Parkplätze weg

Auch zur Belebung des Umfeldes trage der BND bislang nicht bei, sagt der Betreiber. Aber es werde besser: Im Vergleich zum Einzug vor einem Jahr seien heute mehr Menschen auf der Straße. Doch „es fehlen noch ein paar Läden, um die Gegend zu beleben“. Wenn Theo Diekmann aus der Haustür tritt, fällt der Blick auf die neue BND-Zentrale gegenüber. Doch Nachbarn? Diekmann winkt ab. „Das ist kein nachbarschaftliches Verhältnis.“ 13 Jahre lang hätten er und die anderen Anwohner in der Habersaathstraße am südlichen Ende des Behördenkomplexes Dreck, Lärm und Straßensperrungen der Großbaustelle ertragen. „Aber nie hat sich der BND auch nur mit einem Wort entschuldigt oder bei uns gemeldet.“ Am Donnerstag kam das nächste Ärgernis hinzu: Ohne Ankündigung hat die Verkehrslenkung Berlin ein „Sicherheitshalteverbot“ vor dem BND-Komplex eingerichtet. Rund 45 Parkplätze fallen weg. „Wir sind entsetzt“, sagt Diekmann. Der Sprecher der Interessengemeinschaft Habersaathstraße ist nicht grundsätzlich gegen die Behörde. Er freue sich, wenn es richtig losgehe und sich der Kiez mit Leben fülle, wie es ihnen versprochen wurde. Bisher sei davon aber nichts zu sehen. „Die BND-Zentrale ist wie ein Ufo hier gelandet, aber niemand ist ausgestiegen.“

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