Berlin-Mitte

Die neue Europacity - ein Quartier ohne Anschluss

In der entstehenden Europacity an der Heidestraße werden Tausende Menschen wohnen und arbeiten. Eine S-Bahnstation gibt es nicht.

In Mitte entsteht nahe dem Hauptbahnhof die Europacity. Doch es ist fraglich, ob das Viertel je einen S-Bahnhof bekommt.

In Mitte entsteht nahe dem Hauptbahnhof die Europacity. Doch es ist fraglich, ob das Viertel je einen S-Bahnhof bekommt.

Foto: euroluftbild.de/Robert Grahn

Berlin. Es ist ein Riesenprojekt. Mitten in Berlins Zentrum entsteht mit der Europacity ein neues Stadtviertel. Wohnungen für 6000 Menschen, Kitas, Schulen und 9000 Arbeitsplätze wird es geben. Nur eins fehlt dem Viertel: eine vernünftige Anbindung. Dabei wäre der Bau einer S-Bahnstation am nördlichen Ende des Quartiers leicht möglich. Ob sie jemals kommt, ist ungewiss – und wenn doch frühestens in einem Jahrzehnt.

Die Deutsche Bahn baut derzeit die neue S-Bahnlinie S21. Ein Mega-Projekt. Die Strecke soll einmal die Stadt von Norden nach Süden in einem Tunnel queren. Die SPD beantragte kürzlich, den südlichen Bauabschnitt vom Südkreuz zum Gleisdreieck zu beschleunigen und endlich mit dem Bau zu beginnen. Der erste Bauabschnitt hingegen läuft bereits. Dort entsteht schon seit 2010 die Verbindung zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof. Ab 2020 sollen die S-Bahnzüge auf dieser Linie rollen und Wedding und Gesundbrunnen besser mit Berlins zentralem Bahnhof verbinden. Nur die Europacity, an der die Strecke entlang läuft, bleibt dabei erst einmal außen vor.

Der S-Bahnhof würde auf große Nachfrage stoßen

Aktuell baut die Bahn bei dem Großprojekt genau an der Stelle, wo die Pläne einen möglichen S-Bahnhof Perleberger Brücke vorsehen würden. Diesen hat der Senat trotz jahrelanger Überlegungen jedoch bis heute nicht beschlossen.

Also baut die Deutsche Bahn erst einmal keinen S-Bahnhof an der Stelle. Lediglich bauliche Vorleistungen für die Station wie ein entsprechendes Fundament führt die Bahn bereits beim Bau der S21 durch. Doch ist die Linie einmal fertig und in Betrieb wird es kompliziert. Ein nachträglicher Bahnhofsbau wird für reichliche Probleme sorgen.

Aus baulicher und betrieblicher Sicht wäre es vorteilhaft gewesen, den S-Bahnhof zusammen mit der Strecke zu bauen, teilte die Deutsche Bahn mit. „Es ist davon auszugehen, dass die Errichtung des S-Bahnhofs an der dann bereits in Betrieb befindlichen Strecke bauliche und betriebliche Auswirkungen haben wird.“ Extrem zeitaufwendig wird es auch: Beschließt der Senat den Bahnhof, nehmen Planung und Bau laut Deutscher Bahn weitere zehn Jahre Zeit in Anspruch, sagt die Bahn. Mit der Fertigstellung wäre demnach frühestens im Jahr 2029 zu rechnen.

Auch Senat hält den Bahnhof für sinnvoll, beschließt ihn aber nicht

Dabei hält auch die Senatsverwaltung für Verkehr den S-Bahnhof für „aus verkehrlicher Sicht sinnvoll“, wie Dorothee Winden, Sprecherin der Senatsverkehrsverwaltung sagte. Er würde wegen der Europacity auf hohe Nachfrage stoßen. Durch die städtebauliche Entwicklung der Heidestraße ließen sich mit der Errichtung der S-Bahnhalte an der Perleberger Brücke „weitere neue Potentiale erschließen“, teilte die Senatsverkehrsverwaltung bereits im Juli auf eine kleine Anfrage des Abgeordneten Andreas Statzkowski (CDU) mit. Einen „zusätzlichen hohen Verkehrswert“ hätte der Bahnhof zudem wegen der dichten Wohngebiete im Osten Moabits und der an der Perleberger Brücke verkehrenden Buslinien. Auch im Koalitionsvertrag beschloss Rot-rot-grün, sich für den Bahnhof einzusetzen.

Doch die Bauentscheidung scheitert immer noch an der Kostenfrage. Für eine Bauentscheidung sei maßgeblich, ob der erzielbare Nutzen die dafür nötigen Kosten rechtfertige, so Winden. Tatsächlich wäre der Bau sehr aufwendig. Eigentlich sollen hier zwei Bahnhöfe gebaut werden für die östliche Anbindung zum Gesundbrunnen, wie auch die Gleise Richtung Westhafen. Verbinden würde sie ein aufwendiges Treppenbauwerk. Kosten insgesamt: Rund 37 Millionen Euro. Für die Entscheidung fehle immer noch eine Kosten-Nutzen-Untersuchung, teilte Senatsverwaltungssprecherin Winden mit. Wann sie abgeschlossen sein wird: „Derzeit noch nicht absehbar.“

Investor hofft auf Bahnhofsbau seit Jahren

Ein Bau des Bahnhofs zusammen mit der S-Bahnstrecke sei wünschenswert gewesen. „Doch zum Zeitpunkt, als die Entscheidung für den Bau der S21 gefallen ist, war die Entwicklung der ‚Europa-City‘ noch nicht abzusehen“, erklärt die Sprecherin. Eine Entscheidung für den Bahnhof habe deshalb damals noch nicht getroffen werden können.

Solche Aussagen bei CA Immo, dem größten Investor in der Europacity für Unverständnis. Der städtebauliche Wettbewerb zum Quartier wurde bereits 2008 abgeschlossen. „Spätestens seit dem war klar, dass dort Arbeitsplätze und Wohnungen entstehen und wir den S-Bahnhof brauchen“, sagt Guido Schütte, Leiter der Berliner Dependance von CA Immo. Seit Anfang der Quartiersentwicklung habe das Immobilienunternehmen auf den Bahnhof gedrängt. „Wir würden begrüßen, wenn er möglichst schnell kommt.“

Dabei verzögert sich eine Entscheidung zum Bahnhofsbau wohl auch wegen interner Probleme in der Senatsverkehrsverwaltung. Bei einem Treffen zwischen der Senatsverwaltung und Investor CA Immo im Juni soll ein Stadtvertreter gesagt haben, es lägen alle Unterlagen für die Kosten-Nutzen-Untersuchung vor - es fände nur niemand Zeit, sie dem mit der Analyse betrauten Büro zu schicken.

Dass der S-Bahnhalt noch immer nicht beschlossen ist, regt auch Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) auf. Mittes Bürgermeister ist kein allzu großer Fan des Projekts. Er halte die S21-Strecke insgesamt für diskussionswürdig. Zu hoch Kosten und Aufwand, zu gering der Nutzen. „Aber wenn man sie baut, dann braucht man mindestens einen Halt an der Perleberger Straße“, sagt er. „Sonst macht das keinen Sinn.“ Gerade für die nicht gut erschlossenen Teile der Perleberger Straße und ganz Moabit-Ost wäre dies wichtig, so von Dassel. Diese werden bis auf weiteres nur mit wenigen Buslinien an den Nahverkehr angebunden. Ein Schicksal, dass die fertige Europacity zukünftig mit ihnen teilen wird.

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