Tiergarten-Süd

Kiez rund um Straßenstrich gerät ins Visier der Investoren

Investoren haben den Kiez rund um den Straßenstrich an der Kurfürstenstraße entdeckt. Anwohner protestieren gegen Luxussanierungen.

Angst vor Luxussanierung: Mieter vor ihrem Haus an der Genthiner Straße

Angst vor Luxussanierung: Mieter vor ihrem Haus an der Genthiner Straße

Foto: Isabell Jürgens

Berlin.  Dass sich der Kiez in Tiergarten-Süd rund um den Straßenstrich auf der Kurfürstenstraße im Wandel befindet, ist nicht zu übersehen. Überall drehen sich Baukräne für schicke neue Wohnungsbauprojekte in der einst so verrufenen Gegend. Doch während sich viele Anwohner zunächst über die Aufwertung ihres verwahrlosten Wohnumfeldes freuten, geht jetzt die Angst um. Denn Investoren haben nicht nur Neubauvorhaben als lohnendes Geschäftsmodell entdeckt – jetzt folgt die Sanierung von Altbauten und der anschließende Verkauf in Einzeleigentum. Unter dem Motto „Wir bleiben! Milieuschutz jetzt!“ demonstrierten Mieter am Montag für den Erhalt ihrer Wohnungen.

Konkret geht es um den Gebäudekomplex Genthiner Straße Ecke Lützowstraße mit rund 100 Wohnungen. Die Bluerock Ltd. mit Sitz in Manchester hat das Gebäude gekauft und eine umfassende Modernisierung sowie das Vorhaben, die Wohnungen anschließend in Eigentumswohnungen umzuwandeln, angekündigt. „Ich dachte, meine Frau und ich können hier in Ruhe alt werden“, sagte Wolfgang Hoth, seit 40 Jahren Mieter in dem ehemals als Sozialbau errichteten Wohnkomplex. „Doch nach der Sanierung soll die Miete für unsere 75 Qua­dratmeter große Wohnung von derzeit 780 Euro auf 1200 Euro steigen – das können wir nicht zahlen“, so der 80-Jährige, der ein selbst gemaltes Protestplakat hochhält, weiter.

Mieter, die nicht zahlen können, ziehen aus

„Mieter, die danach die erhöhte Miete nicht bezahlen können, werden ausziehen müssen. Das macht bereits jetzt eine Reihe von ihnen“, ergänzte Regine Wosnitza vom Stadtteilforum Tiergarten-Süd, die den Protest organisiert und dazu den Baustadtrat des Bezirks, Ephraim Gothe (SPD), eingeladen hatte. „Aber andere wollen sich wehren und verweigern mit Unterstützung von Rechtsanwälten die Duldung von Modernisierungsmaßnahmen“, so Wosnitza weiter. Mehr Unterstützung wünscht sie sich dabei vom Bezirk. „Denn dieses Haus ist kein Einzelfall, weitere Häuser werden im Internet angeboten mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass in Eigentumswohnungen umgewandelt werden soll“, sagte sie. „Und das wird so weitergehen, wenn das Gebiet nicht bald einen Milieuschutz erhält“, ist Wosnitza sicher.

Die Mietersprecherin ist empört, dass der Bezirk 2015 das Quartier zwar als potenzielles Milieuschutzgebiet untersucht, die Kriterien jedoch für nicht erfüllt gehalten hat. Und die zugesagte und von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossene „weitere Beobachtung des Gebietes“ habe nicht stattgefunden, so Wosnitza weiter.

Stadtrat: Milieuschutz käme für Mieter des Hauses zu spät

„Der Milieuschutz ist kein Allheilmittel und an strenge Regeln gebunden“, versuchte der Baustadtrat, der erst seit Dezember vergangenen Jahres im Amt ist, den Anwesenden die bisherige Untätigkeit in Sachen Milieuschutz zu erklären. „Aber wir werden Tiergarten-Süd so schnell wie möglich untersuchen lassen“, sagte Gothe zu. Allerdings käme dieses Instrument, mit dem Luxussanierungen verhindert und die Umwandlung in Eigentum zumindest erschwert werden kann, für die Mieter des Hauses ohnehin zu spät.

Gothe berichtete auch, wie er versucht habe, mit dem Eigentümer Bluerock, der zwischengeschalteten Verwertungsgesellschaft und auch der Hausverwaltung ins Gespräch zu kommen und zu einer mieterfreundlicheren Sanierung zu bewegen. „Allerdings vergeblich“, räumte er ein. Den Mietern empfahl Gothe, die in Tiergarten-Süd eingerichtete Mieterberatung wahrzunehmen. „Denn Sie haben durchaus Rechte, nutzen Sie diese“, appellierte er.

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