Ein Besuch des Areals wird einmal fester Programmpunkt jeder Berliner Touristenführung sein. Auf dem Schinkelplatz in Mitte, nahe Auswärtigem Amt und Bauakademie, entstehen teure Bauprojekte. Während sich Investoren und zukünftige Eigentümer auf Wohnungen und Gewerbeflächen in bester Lage freuen, sorgt sich ein Pfarrer um seine Kirche. Stephan Frielinghaus fürchtet neue Risse in der Friedrichswerderschen Kirche. Das hatte er schon bei einem Projekt auf der westlichen Seite des Gotteshauses hinnehmen müssen. Vor Beginn der Bauarbeiten auf der östlichen Seite hat Frielinghaus nun Angst, dass das architektonische Meisterwerk von Karl Friedrich Schinkel erneut schweren Schaden nimmt.
Der Bau aus rotem Ziegel wurde 1830 fertig gestellt. Für jene Investoren, die links und rechts der Kirche jetzt ihre Projekte umsetzen, ist die Nähe zum historischen Gebäude ein wichtiges Detail bei der Vermarktung. Auf der östlich gelegenen Fläche steht die Frankonia Eurobau vor dem Baubeginn. Auf der westlichen Seite sieht Pfarrer Frielinghaus das Schlimmste ausgestanden. Dort entstehen die Kronprinzengärten. Wohnungen, die die Bauwert Investment Group unter anderem errichten will, haben einen durchschnittlichen Quadratmeterpreis von 8000 Euro. Im Penthouse zahlt man bis zu 15.000 Euro.
Stabilität des Gewölbes der Friedrichswerderschen Kirche gefährdet
„Doch bei den Bauarbeiten in vier bis fünf Metern Entfernung“, so Stephan Frielinghaus, dessen Evangelische Kirchengemeinde in der Friedrichstadt Eigentümerin der Kirche ist, „kam es zu Senkungen und Verformungen des Gebäudes. An manchen Stellen waren es nur Millimeter, an anderen Zentimeter.“ Es seien Risse entstanden, die „die Stabilität des Gewölbes gefährdeten. Die Kirche bewegte sich in Richtung Baugrube.“ Ein Jahr nach Baubeginn folgte 2012 der Baustopp.
Bettina von Seyfried, die Vorsitzende des Landesfachausschusses Kulturpolitik der Berliner FDP, fordert vor diesem Hintergrund nun die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters auf, ein Verfahren einzuleiten, um die Kirche in die Liste national wertvollen Kulturgutes aufzunehmen: „Die Friedrichswerdersche Kirche bricht auseinander, hier muss unverzüglich gehandelt werden.“
FDP-Kulturexpertin kritisiert Stadtentwicklungspolitik des Senats
Immerhin gilt das Gotteshaus als eines der wenigen noch erhaltenen originalen Bauwerke des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Bettina von Seyfried wirft der Stadtentwicklungspolitik des Berliner Senats vor, die historische Mitte auf dem Friedrichswerder vernachlässigt zu haben. Dringende Probleme, wie die Sicherung der Kirche als Ausstellungshaus der Nationalgalerie und die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie an diesem Ort würden nicht wirksam angepackt.
Die Kirche hatte zuletzt als Dependance der Alten Nationalgalerie fungiert. Zu den Skulpturen des frühen 19. Jahrhunderts, die dort gezeigt wurden, zählten das originale Gipsmodell von Johann Gottfried Schadows „Prinzessinnengruppe“ sowie Büsten der Humboldt-Brüder, von Kant und Goethe. „Das war eine ganz wunderbare Nutzung“, sagt Pfarrer Frielinghaus. Als der Putz von der Decke fiel, wurde die Kirche geschlossen. Die Kulturgüter brachte man in Sicherheit. Seitdem wurden das Kirchenfundament stabilisiert und Risse verpresst. Die Kosten für die Stabilisierung trug die Bauwert Investment Group. Der Baustopp ist inzwischen aufgehoben.
Pfarrer hat Zweifel an Sicherheit des Bauvorhabens
Zu vergleichbaren Schäden will es die Frankonia Eurobau allerdings nicht kommen lassen. Auf Anfrage teilte das Unternehmen schriftlich mit: „Anders als die anderen Bauprojekte befindet sich das Projekt der Frankonia Eurobau nicht in unmittelbarer Nähe der Friedrichswerderschen Kirche, sondern ist etwa 15 bis 20 Meter entfernt.“ Dem Unternehmen sei das Problem jedoch bewusst, weshalb ein besonderes Baugrubenkonzept entwickelt worden sei. Man arbeite dabei eng mit der Denkmalschutzbehörde zusammen.
Pfarrer Frielinghaus hat Zweifel: „Tiefgaragen-Etagen in sandigem instabilem Untergrund zu planen: Das hätte man nicht machen sollen.“ Dem Bebauungsplan habe die Kirchengemeinde nicht zugestimmt, betont er. Frielinghaus ist der lässige Umgang mit einem historischen Bauwerk schleierhaft. „Die Kirche ist das einzige öffentliche Gebäude Schinkels, das zu großen Teilen innen und außen originalgetreu erhalten ist. Das reicht bis zu Malereien an Emporenbrüstungen. Angesichts solcher Werte müsste man doch den vorhandenen historischen Bestand sichern – statt Neubauten zu gestatten.“




