Berlin-Mitte

Rosenthaler Vorstadt - Vom Armenviertel zum Szenekiez

Die Rosenthaler Vorstadt in Mitte hat sich zu einem Viertel für Besserverdiener gewandelt. Das war nicht immer so. Der Autor Wolfgang Feyerabend beschreibt die wechselvolle Geschichte des Kiezes.

Foto: Amin Akhtar (2) / Amin Akhtar

Designerläden, Anwaltskanzleien, Galerien: Die Rosenthaler Vorstadt gehört zu den beliebtesten Vierteln Berlins. Der Kiez zwischen Bernauer Straße und Torstraße in Mitte ist angesagt – vor allem bei Menschen, die neu nach Berlin gezogen sind. Doch der Trend hat seinen Preis.

„Altmieter und Geringverdiener werden zunehmend verdrängt“, sagt Wolfgang Feyerabend. Der 63-Jährige kennt den Kiez. Als Bewohner, Stadthistoriker und Autor. „Ich habe hier lange gelebt“, sagt Feyerabend. Er findet es schade, „dass immer mehr Läden mit Waren für den täglichen Bedarf neuen Geschäften mit Luxusgütern weichen“. Viele fahren mittlerweile zum Einkaufen nach Wedding, sagt Feyerabend. Die Rosenthaler Vorstadt wird zum teuren Pflaster. Das war nicht immer so.

Quartier für Handwerker

1752 wurde die Siedlung von König Friedrich II. zunächst unter dem Namen Neu-Voigtland gegründet. Angesiedelt wurden Handwerker von außerhalb, die für den Aufbau Berlins angeworben worden waren. Schon bald entwickelte sich das anfangs ländliche Quartier zum Armenviertel, erlebte später einige Aufs und Abs. Die wechselvolle Geschichte der Rosenthaler Vorstadt ist Thema des gleichnamigen neuen Buches von Feyerabend. Der Autor spannt den Bogen von dem ehrgeizigsten Stadterweiterungsprojekt Friedrich II. über die Gründerzeit, den Nationalsozialismus, Mauerbau und Mauerfall bis hin zu den Luxussanierungen der Nachwendezeit und den neuen Townhouses an der Bernauer Straße unweit der Mauergedenkstätte. Für Baukunstinteressierte bietet der Band auch das Kapitel „Architektur(ver)führungen“ mit kurzen Texten und kleinen Bildern zu herausragenden Bauwerken im Quartier.

Als Wolfgang Feyerabend 1978 nach Berlin kam, fand der damals 27-Jährige mit seiner Frau und dem ersten von zwei Söhnen eine Unterkunft in der Wöhlertstraße, gerade außerhalb der Rosenthaler Vorstadt – in einem „finsteren Loch“, einem ehemaligen Laden, der zum Wohnungsausbau freigegeben war. Zu der Zeit arbeitete er als Lektor des Kinderbuchverlags Berlin, dem größten Kinder- und Jugendbuchverlag der DDR. Später war er als freier Literaturkritiker und Hörbuchautor tätig.

Nicht weit entfernt von der Wöhlertstraße, an der Invalidenstraße 3, liegt das älteste Gebäude der Rosenthaler Vorstadt: Die zwischen 1832 und 1834 nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel errichtete St. Elisabeth Kirche. Anders als die Schinkelschen Vorstadt-Kirchen blieb dieser Sakralbau nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine Ruine. Sie wurde von Berlins Boxern zum heimlichen Training und nach der Sanierung 1999 für kulturelle Zwecke genutzt.

Auch über die ehemalige Josty-Brauerei auf dem Hof der Bergstraße 22, die heute im Erdgeschoss ein Gourmet-Restaurant und in den einstigen Stallungen Galerien und Ateliers beherbergt, informiert Feyerabend. Die im Gewand eines Sakralbaus errichtete Brauerei wurde aufgrund ihres historisierenden Baustils im Volksmund „Bier-Dom“ genannt. Seit der umfassenden Sanierung des fast zerstörten Altbaus in den 90er-Jahren zieren auch wieder trinkfreudige Zecher die Ziegelsteinfassade.

Wendepunkt Gründerzeit

Einen Wendepunkt in der Entwicklung der Rosenthaler Vorstadt markieren die Gründerjahre. Das kleinstädtisch-ländliche Gepräge ging verloren, es entstanden fünfgeschossige Mietshäuser und Fabriken. Die wichtigste war die AEG mit ihrem Gründer Emil Rathenau – eine internationale Erfolgsgeschichte. Immer mehr Produktionsstätten und Fabrikhallen wurden gebaut, schließlich war die AEG der mit Abstand größte Arbeitgeber in der Rosenthaler Vorstadt.

Doch der Ausbau der Infrastruktur hielt nicht Schritt mit der Industrialisierung. Während sich zwischen 1875 und 1885 die Einwohnerzahl in dem Quartier nahezu verdoppelte – von gut 74.000 auf knapp 140.000 – gab es weder genügend Schulen noch ausreichend Kirchen, Krankenhäuser und Märkte. Feyerabend erinnert in diesem Zusammenhang an den Kaufmann und Banker James Henry Simon, der den Bau eines Volksbades an der Gartenstraße finanzierte, „angesichts der mangelnden sanitären Ausstattung in den Häusern der Arbeiterquartiere dringend erforderlich“. Heute erinnert am Stadtbad Mitte, dem Nachfolgebau, eine Gedenktafel an den Mäzen.

Feyerabend kam erst nach dem Mauerfall und „der Abwicklung des DDR-Rundfunks“ zur Stadtgeschichte, als er sich arbeitslos meldete und in ein Projekt zur Erforschung der Geschichte Berlins vermittelt wurde. Ein Job, der für ihn schnell zur Leidenschaft wurde. Er fing, „1992 richtig Feuer“, wie er sagt und hat seitdem 17 Bücher geschrieben – zum Beispiel über die Spandauer Vorstadt oder literarische Orte Berlins.

Sein Wissen gibt er auch bei Stadtführungen weiter. 1995 hat Feyerabend die Agentur „Berliner Autoren Führungen“ gegründet. Anfangs unterstützten ihn noch befreundete Autoren als Guides, mittlerweile managt der Stadthistoriker die Touren allein.Eine der regelmäßigen Touren findet immer mittwochs statt unter dem Titel „Ein Spaziergang durch Preußens Geschichte – Die Sophienkirche und ihr Kirchpark“.

Dass sein Kiez sich wandelt, betrachtet er mit gemischten Gefühlen. „Natürlich freue ich mich, dass das Viertel saniert ist, aber die hier lange gut funktionierende soziale Mischung geht verloren.“ Gleichwohl setzt der Kiezkenner auf Veränderung. „Berlin ist eine lebendige Stadt. Es gibt großen Unmut in der Bevölkerung, ich glaube, dass es wieder Umbrüche geben wird.“

Wolfgang Feyerabend: „Die Rosenthaler Vorstadt“, L&H Verlag, 160 S., 19,80 Euro. Am Do., 22. Januar, 19.30 Uhr, wird der Autor in der Stadtbibliothek Mitte, Brunnenstr. 181, aus dem Buch lesen. Eintritt frei

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