Lehrer, Schüler und Eltern der Max-Planck-Oberschule in Mitte stehen unter Schock. Gerade haben sie erfahren, dass ihre Schule schließen soll. Bereits zum kommenden Schuljahr sollen an dem Gymnasium an der Singerstraße, unweit des S-Bahnhofs Jannowitzbrücke, keine Schüler mehr aufgenommen werden. In sechs Jahren soll es mit dem Schulbetrieb endgültig vorbei sein.
Schulleiter Herbert Schkutek versteht die Welt nicht mehr. „Wir sind eine gefragte Schule“, sagt er. Für dieses Schuljahr hätten sich 90 Siebtklässler mit Erstwunsch an seiner Schule angemeldet. Darüber hinaus seien der Schule weitere Schüler zugeteilt worden. „Wir haben fünf siebte Klassen aufgemacht.“ Insgesamt würden 780 Schüler das Max-Planck-Gymnasium besuchen, fast die Hälfte hätten einen Migrationshintergrund. „Wenn unsere Schule aufgegeben wird, gibt es in Alt-Mitte nur noch das John-Lennon-Gymnasium.“ Das sei überlaufen.
Angesichts deutlich steigender Schülerzahlen, die Berlin in den kommenden Jahren zu erwarten hat, ist die Entscheidung des Bezirks Mitte tatsächlich äußerst kurzsichtig. Laut Bildungsverwaltung besuchen derzeit 292.632 Kinder und Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen in der Hauptstadt, im Schuljahr 2022/23 werden es 335.660 Schüler sein. Lehrer, Schüler und Eltern der Max-Planck-Schule wollen die Entscheidung des Bezirks nicht einfach hinnehmen. Sie haben für Donnerstag eine Demonstration gegen die Schließung des Gymnasiums geplant. An diesem Tag wird sich auch der Schulausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit dem Problem befassen. Schließlich kann das Vorhaben nur umgesetzt werden, wenn die BVV zustimmt.
Für Bildungsstadträtin Sabine Smentek (SPD) ist jedoch keine andere Lösung in Sicht. Die Finanzverwaltung dränge auf eine Schulschließung, sagt sie. „In unserem Schulentwicklungsplan bis 2019/20 war eine Schulschließung nicht vorgesehen.“ Die Finanzverwaltung habe diesem Plan aber nicht zugestimmt, so Smentek. Der Grund: In Mitte gebe es mehr Oberschulplätze, als künftig gebraucht würden. „Gegenwärtig haben wir fünfeinhalb Klassen zu viel.“ Da der Schulbereich in den vergangenen Jahren immer Schulden gemacht habe, dürfe es keine ungenutzten Schulplätze mehr geben.
Bezirk soll selbst entscheiden
Der Sprecher der Finanzverwaltung, Jens Metzger, sagt, dass seine Verwaltung dem Bezirk Mitte keine Vorgaben mache, wie er zu sparen habe. Anders als andere Bezirke habe Mitte im Schulbereich ein hohes Defizit. Gegenwärtig seien es rund fünf Millionen Euro. Da dieses Defizit den Bezirkshaushalt auf Dauer sehr belaste, sei Mitte verpflichtet, die Schulden zu reduzieren. Darauf habe die Senatsverwaltung für Finanzen immer wieder hingewiesen, „ohne jedoch konkrete Maßnahmen zum Defizitabbau vorzugeben“. Wie der Bezirk vorgehe oder ob er verbleibende Defizite aus anderen Ausgabebereichen kompensiere, liege allein in seiner Verantwortung.
Bildungsstadträtin Sabine Smentek betont ausdrücklich, dass die Max-Planck-Schule keine schlechte Schule sei. In Mitte gebe es insgesamt sechs Gymnasien. Bis auf das John-Lennon-Gymnasium an der Zehdenicker Straße habe keine der Oberschulen mehr Anmeldungen als Plätze. Zwei Schulen, das Französische Gymnasium und das Diesterweg-Gymnasium, hätten sogar eine geringere Auslastung als die Max-Planck-Schule. Die Schließung einer dieser beiden Einrichtungen käme trotzdem nicht in Frage. „Das Französische Gymnasium ist eine Schule überregionaler Bedeutung, das Diesterweg-Gymnasium eine gebundene Ganztagsschule.“
Mit der Abwicklung des Max-Planck-Gymnasiums will die Stadträtin zudem gleich noch ein weiteres Problem lösen, das der steigenden Nachfrage nach Grundschulplätzen. Ihr Plan: In das bald leer stehende Schulgebäude an der Singerstraße 8a – das bereits aufwendig saniert worden ist – soll vorübergehend das John-Lennon-Gymnasium einziehen, damit dessen Schulgebäude möglichst schnell instand gesetzt werden kann. „Danach wird die unmittelbar in der Nachbarschaft gelegene GutsMuths-Grundschule in das Gebäude der Max-Planck-Schule übersiedeln“, sagt Smentek. Auf diese Weise könne der Bezirk das Schulhaus der Grundschule, das einen Sanierungsbedarf von zwei Millionen Euro habe, aufgeben und damit Geld sparen.
Sekundarschule immer beliebter
Doch auch die Grundschulkinder brauchen irgendwann einen Oberschulplatz. Das weiß auch die Bildungsstadträtin. Sie geht allerdings davon aus, dass Oberschülern ein längerer Schulweg zugemutet werden kann. „Sie können mit Bus und Bahn zur Schule fahren und deshalb an ein Gymnasium oder eine Sekundarschule lernen, die sich nicht in unmittelbarer Wohnortnähe befinden.“ Mit dieser Begründung hatte der Bezirk Mitte in den vergangenen Jahren bereits drei andere Oberschulen geschlossen: das Kleist-, das Darwin- und das Ranke-Gymnasium. Viele Oberschüler besuchen seitdem Gymnasien in Nachbarbezirken.
Die Schließung einer Sekundarschule ist für Schulstadträtin Smentek indes nicht denkbar „Die Nachfrage nach Sekundarschulplätzen wird immer größer“, sagt sie. Viele Eltern würden es besser finden, wenn ihre Kinder in 13 statt in zwölf Jahren Abitur machen und eine Sekundarschule vorziehen. „Wir haben deshalb vor, weitere Sekundarschulen mit einer Oberstufe auszustatten“, sagt die Stadträtin.


