„Problemschule“

So arbeitet die Refik-Veseli-Schule an ihrem neuen Image

Die Kreuzberger Refik-Veseli-Schule bemüht sich, Aufbruchsstimmung zu erzeugen und das Bild einer „Problemschule“ abzuschütteln. Die Neuköllner Rütli-Schule hat vorgemacht, wie es gehen kann.

Foto: Massimo Rodari

Wer dieser Tage auf den Schulhof der Sekundarschule an der Skalitzer Straße 55 kommt, der stößt schon am Eingang auf einen Bautrupp. Große Holzstücke liegen dort, Werkzeuge und Farbe stehen griffbereit. Schüler und einige Architekten sägen, hämmern, streichen. Sie bauen eine Bank. Die soll künftig hinter dem Schultor stehen und fast sieben Meter lang sein.

Einer der Helfer ist Kaan aus der zehnten Klasse. „Wir haben vor den Sommerferien darüber abgestimmt, wie es hier aussehen soll“, sagt er. Die meisten hätten sich für eine Bank entschieden. „In den Pausen ist am Tor immer großes Gedränge, die Älteren dürfen raus, die Jüngeren nicht. Der Eingangsbereich ist für alle ein Treff“, sagt Kaan. Es sei toll, dass man dort nun bald auch mal gemütlich sitzen könne, statt einfach nur herumzustehen.

Auch Safa und Funda, beide Mädchen sind neu in die siebte Klasse gekommen, freuen sich auf die Bank. Sie haben beim Zurechtsägen des dicken Eichenholzes geholfen. Jetzt polieren sie Metallbuchstaben, die anschließend blau gestrichen und am Tor der Schule befestigt werden sollen: „Refik Veseli“ wird dort stehen – so heißt die Schule an der Skalitzer Straße seit Kurzem.

Der neue Name ist ein Symbol für die Aufbruchstimmung, die an der Schule herrscht. Schulleiterin Ulrike Becker – auch sie ist neu – hat ein großes Ziel: Sie möchte, dass sich künftig mehr bildungsbewusste Eltern für ihre Schule interessieren. „Bisher melden die ihre Kinder lieber am Französischen Gymnasium oder an Oberschulen in Friedrichshain an, statt im Kiez zu bleiben“, sagt sie. Dabei sei es viel schöner, wenn die Kinder möglichst lange zusammen lernen und zwar in Wohnortnähe.

Mehrere Berliner Schulen versuchen den Imagewandel

Ulrike Becker weiß natürlich, dass es nicht reicht, eine Schule einfach umzubenennen. Um Schüler und Eltern zu überzeugen braucht es mehr. Eine gute Durchmischung der Schülerschaft zum Beispiel. In der Vergangenheit hat vor allem der hohe Migrantenanteil unter den Schülern viele Eltern abgeschreckt. Es gab kaum Anmeldungen. Die Schule musste deshalb zum größten Teil Schüler aufnehmen, die an ihren Wunschschulen keinen Platz bekommen hatten. Das führte zu Frustration bei Schülern wie Lehrern. In diesem Schuljahr haben sich endlich wieder mehr Kinder für die Schule interessiert. „Wir hatten 47 Anmeldungen“, sagt Becker.

Die Refik-Veseli-Schule ist eine von mehreren Berliner Schulen, die derzeit hart an einem Imagewandel arbeiten. Dabei verfolgen die Einrichtungen zwar unterschiedliche Strategien, ihre Ziel aber gleichen sich. Es geht darum, die Nachfrage zu verbessern und für eine gute Schülerdurchmischung zu sorgen. Der Rütli-Schule ist das bereits gelungen. Jetzt haben sich auch die Liebig-Sekundarschule und die Walt-Disney-Grundschule am Campus Efeuweg, die Heinrich-Mann-Sekundarschule in Neukölln und die Hedwig Dohm Schule in Moabit auf den Weg gemacht. Unterstützt werden die Schulen durch Programme der Bildungsverwaltung, die zusätzliches Geld bereitstellen.

Schulleiterin Becker setzt darauf, dass in Zukunft ganze Grundschulklassen möglichst geschlossen an die Refik-Veseli-Schule wechseln. Deshalb ist der Kontakt zur Fichtelgebirge-Grundschule am Görlitzer Ufer besonders eng. Dorthin ist vor zwei Jahren ein Lehrer der Refik-Veseli-Schule abgeordnet worden. Im kommenden Schuljahr soll er zurückkommen und mit ihm, so hoffen dort alle, seine ganze Klasse. „Die Schüler sind jetzt in der sechsten Klasse und kennen ihren Lehrer sehr gut. Wir hoffen, dass sie ihm an unsere Schule folgen werden, wenn für sie der Wechsel an eine Oberschule ansteht“, sagt Schulleiterin Becker.

Leistungsstarke Schüler sollen Abitur machen können

Viel verspricht sich die engagierte Schulleiterin auch von einem neuen Schulkonzept. Das soll 2015 eingeführt werden. „Wir werden künftig einen Montessori-Zweig an der Schule haben“, sagt Becker. Außerdem wird es verschiedene Profilkurse geben. Zur Wahl werden Politik-Gesellschaft, Sport-Gesundheit, Wirtschaft, Theater-Kunst-Musik, Mathematik-Informatik und Naturwissenschaften stehen. Für die Profile soll jeweils ein Wahlpflichtfach mit einer Schul-AG kombiniert werden. So wird etwa die Geschichtswerkstatt den Wahlpflichtkurs Politik und Gesellschaft ergänzen. Für ihr Profil werden die Schüler ein Extra-Zeugnis bekommen.

Ein anderes Ziel ist die Einrichtung einer eigenen Oberstufe. Leistungsstarke Schüler sollen in Zukunft die Möglichkeit haben, das Abitur dort zu machen. Die Schule kämpft bereits seit drei Jahren darum. Bisher lehnte die Bildungsverwaltung das mit der Begründung ab, dass sich nicht gen gegründet ug Schüler für die Schule interessieren. Ein Teufelskreis, finden die Eltern. Sie haben nun eine Initiative, um ihrerseits Druck zu machen.

Den neuen Namen für ihre Schule haben die Schüler übrigens selbst ausgesucht. Im Rahmen der Patenschaft mit dem Jüdischen Museum waren einige von ihnen 2012 in Israel. Beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wurden sie auf die Geschichte von Refik Veseli aufmerksam. Gerade einmal 17 Jahre alt, rettete der albanische Moslem eine jüdische Familie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und versteckte sie im Haus seiner Eltern in einem albanischen Bergdorf. „Er war damals kaum älter, als ich es jetzt bin, und schon so mutig“, sagt Kaan.

Und Ulrike Becker sagt, das Refik Veseli das verkörpert, was das Ziel ihrer Schule sei: „Anerkennung und Akzeptanz über kulturelle Unterschiede hinweg zu leben.“