Die Sonne taucht den kleinen Raum in ein warmes, frühlingshaftes Licht und lässt für einen Moment vergessen, dass dort eigentlich eine dunkle Vergangenheit aufgearbeitet werden muss. Auf einer blauen Matratze sitzt ein Känguru, das Stofftier verschwindet fast in vielen bunten Kissen. Mini-Stühlchen stehen in der Mitte um einen Tisch, Buntstifte und Blätter liegen bereit. Daniela Schadt, Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, geht an ein Regal, bückt sich und zieht aus einer Spielzeugkiste einen Schild hervor, das zu eine Ritterrüstung aus Plastik gehört. Sie begutachtet lächelnd den Schild, so, als könnte sie sich den kleinen Jungen darin vorstellen. Doch dann wird sie ernst. „So ein Schild hat auch etwas Symbolisches“, sagt sie. Er bedeute Schutz und Abwehr, beides Themen, die an diesem Vormittag eine wichtige Rolle spielen.
Der helle Raum ist kein Spielzimmer und er gehört auch nicht zu einer Kita. Daniela Schadt spricht vielmehr von einer „angenehmen Arbeitsatmosphäre“. Es ist ein Therapieraum für die Jüngsten, die an der Beratungsstelle „Kind im Zentrum“ in der Maxstraße in Wedding betreut werden. Die Einrichtung des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes (EJF) hat sich auf die therapeutische Hilfe sexuell missbrauchter Kinder und deren Familien spezialisiert.
Schadt informiert sich bei Beratungsstelle „Kind im Zentrum“
„Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist ein Thema, an dem man nicht vorbeisehen darf“, sagt die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten. Es sei unvorstellbar, wie viel Leid es verursache, nicht zuletzt weil sich die Delikte auf das ganze Leben auswirken könnten. Das ist auch der Grund, warum sie sich an diesem Morgen in der Beratungsstelle umsieht. Sie wolle sich über die Arbeit informieren und über den therapeutischen Ansatz, erklärt sie. Es wäre natürlich am besten, sexueller Missbrauch passiere nicht. Deshalb interessiere sie besonders die präventive Arbeit.
Vor mehr als 25 Jahren wurde die Beratungsstelle „Kind im Zentrum“ in einer Ladenwohnung in Charlottenburg eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum spezialisierte Beratungsangebote für sexuell missbrauchte Kinder. „In den 80er-Jahren begann man überhaupt erst, das Thema richtig wahrzunehmen“, sagt die Leiterin der Beratungsstelle, Sigrid Richter-Unger. Aus der Ladenwohnung zogen die Mitarbeiter in neue Räume, in die Nähe des Hackeschen Marktes, wo sie bis vor zwei Jahren residierten. Doch nachdem die Miete erhöht wurde, musste die zentrale Lage aufgegeben werden. Jetzt sind die Mitarbeiter auf zwei Etagen in der Maxstraße zu finden. 1996 übernahm das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk die Trägerschaft.
1400 Anfragen pro Jahr
Die Beratungsstelle hat jedes Jahr mehr als 1400 Anfragen. Die jüngsten therapeutisch betreuten Kinder sind zwischen zwei und drei Jahren. Viele Fälle geschehen innerhalb von Familien. „Die Nachfragen haben in den vergangenen Jahren immer mehr zu genommen“, sagt die Leiterin. Dennoch könnte daraus nicht geschlossen werden, dass auch die Zahl von sexuellen Übergriffen zugenommen hätte. Es habe immer eine hohe Dunkelziffer gegeben, sagt Sigrid Richter-Unger. Heute würden die Fälle nur früher bemerkt. Die Leiterin der Beratungsstelle ist froh über das Interesse der Lebensgefährtin des Bundespräsidenten. Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sei ein Thema, das nur in Wellen in der Öffentlichkeit eine Rolle spiele, erklärt Richter-Unger.
Jüngstes Beispiel ist der Fall eines 58 Jahre alten Pflegers an der Charité, der im November 2012 ein 16-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Der Übergriff zog eine Debatte nach sich, wie die großen Kliniken das Vertrauen der Patienten zurückgewinnen können. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte die Beratungsstelle „Kind im Zentrum“ mit der Erarbeitung eines Kinderschutzkonzeptes beauftragt.
Missbrauchsfälle in Schulen und Vereinen
Aber auch in Schulen und in Sportvereinen kommt es immer wieder zu Vorfällen und Anzeigen der Eltern. Schlagzeilen machte das Canisius-Kolleg: Im Januar 2010 ging der Schulleiter der katholischen Schule, Pater Klaus Mertes, an die Öffentlichkeit. Er war von ehemaligen Schülern darüber informiert worden, dass mindestens zwei ehemalige Patres systematisch Kinder missbraucht haben sollen. Die Katholische Kirche versprach die vollständige Aufklärung der sexuellen Übergriffe an dem Gymnasium in der Vergangenheit.
„Schon Sigmund Freud lässt darauf schließen, dass es das dunkle Phänomen bereits früher gab“, sagt Daniela Schadt. Heute kämen allerdings durch das Internet noch ganz andere Formen des Missbrauchs dazu. Deshalb sei der Ansatz der Beratungsstelle „Kind im Zentrum“ – eine Kombination aus Intervention in den Familien, Therapie von Opfern und Tätern und präventiver Arbeit – so wichtig, sagte Daniela Schadt am Ende ihres Besuchs. Sie erinnerte daran, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs nicht aus der Welt sei, nur weil gerade niemand darüber berichtet.




